Nur diese Aphorismen anzeigen
Das Dekret Apostolicam actuositatem (Nr. 5) hat eindeutig bestätigt, dass es der Kirche als Ganzes zukommt, die zeitliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen. Diese Aufgabe geht also alle an: die Hierarchie, den Klerus, die Ordensleute und die Laien. Könnten Sie uns sagen, welche Bedeutung und welche spezifischen Funktionen Ihrer Meinung nach jedem einzelnen dieser ekklesialen Bereiche bei der Erfüllung der einen, gemeinsamen Aufgabe zukommt?
Die Antwort darauf findet sich eigentlich in den Konzilstexten selbst. Als Teil ihres Lehramtes ist es Aufgabe der Hierarchie, die dogmatischen Grundsätze aufzuzeigen, nach denen sich das apostolische Wirken ausrichten und orientieren muss (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 28; Gaudium et spes, Nr. 43; Dekret Apostolicam actuositatem, Nr. 24).
Es ist die spezifische Aufgabe der Laien, die ja mitten in allen typisch weltlichen Strukturen und Lebensumständen arbeiten, diese zeitlichen Wirklichkeiten im Licht der dogmatischen Grundsätze, die das Lehramt dargelegt hat, unmittelbar und entschieden zu gestalten. Dabei sollen sie aber in den konkreten Entscheidungen ihres gesellschaftlichen, familiären, politischen und kulturellen Lebens mit der notwendigen persönlichen Autonomie handeln (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 31; Konstitution Gaudium et spes, Nr. 43; Dekret Apostolicam actuositatem, Nr. 7).
Die Ordensleute dagegen trennen sich von der Welt und wählen einen anders gearteten Lebensstand. Ihre Sendung besteht darin, vor den Augen aller eschatologisches Zeugnis abzulegen, welches den übrigen Gliedern des Gottesvolkes in Erinnerung ruft, dass sie hier auf Erden keine bleibende Stätte haben (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 44; Dekret Perfectae caritatis, Nr. 5). Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass die zahlreichen Werke der Wohltätigkeit, der Nächstenliebe und der Sozialhilfe, in denen so viele Ordensmänner und Ordensfrauen in selbstlosem Opfergeist tätig sind, einen bedeutenden Dienst an der christlichen Durchdringung des Zeitlichen darstellen.
Es ist bekannt, dass Ihr Buch »Der Weg«, obwohl es in seiner ersten Fassung bereits im Jahre 1934 veröffentlicht wurde, viele Gedanken enthält, die jetzt vom Zweiten Vaticanum aufgegriffen worden sind, während sie damals von manchen als »häretisch« angesehen wurden. Was können Sie uns dazu sagen? Um welche Punkte handelt es sich?
Wenn Sie mir erlauben, werden wir darüber später einmal ausführlich sprechen. Jetzt möchte ich nur sagen, dass ich dem Herrn dafür dankbar bin, dass er sich auch dieses kleinen Buches bedient hat, das in so vielen Sprachen aufgelegt wurde – mit jetzt schon mehr als zweieinhalb Millionen Exemplaren –, um in das Leben von Menschen so vieler Völker und Sprachen jene christlichen Wahrheiten hineinzutragen, die das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt hat, und um Millionen von Christen und Nichtchristen Freude und inneren Frieden zu bringen.
Könnten Sie uns sagen, wie sich das Opus Dei seit seiner Gründung in seiner Ausprägung und in seinen Zielen entwickelt hat, in einem Zeitraum, in dem sich so vieles innerhalb der Kirche selbst geändert hat?
Vom ersten Augenblick an ist, wie ich Ihnen eben geschildert habe, das einzige Ziel des Opus Dei gewesen, dazu beizutragen, dass mitten in der Welt Männer und Frauen aller Rassen und Gesellschaftsschichten danach trachten, in ihrer gewöhnlichen Arbeit und durch diese Arbeit Gott und allen Menschen in Liebe zu dienen. Seit dem Anfang des Werkes im Jahre 1928 predige ich, dass die Heiligkeit keine Sache für Privilegierte ist, sondern dass alle Wege der Erde, alle Stände, alle Berufe, alle rechtschaffenen menschlichen Aufgaben Wege Gottes sein können. Diese Botschaft ist von großer Tragweite, und die Erfahrung im Leben des Werkes hat mir geholfen, sie immer tiefer in der Vielfalt ihrer Aspekte zu sehen und zu verstehen. Das Werk wurde klein geboren und wuchs dann ganz selbstverständlich Schritt für Schritt wie ein lebendiger Organismus, wie alles, was sich in der Geschichte entwickelt.
Aber sein Ziel und sein Daseinsgrund haben sich nicht geändert und werden sich nicht ändern, so sehr sich auch die Gesellschaft wandeln mag; denn die Botschaft des Opus Dei besagt ja gerade, dass man jede ehrliche Arbeit heiligen kann, ganz gleich, wie die jeweiligen Umstände sind.
Heute gehören Menschen aus allen Berufen zum Werk: nicht nur Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure oder Künstler, sondern ebenso Maurer, Bergleute, Bauern; von Filmregisseuren und Düsenjägerpiloten bis zur Friseuse in einem angesehenen Mode-Salon sind alle Berufe vertreten. Zeitgemäß sein, Verständnis haben für die moderne Welt ist für die Mitglieder des Opus Dei etwas ganz Natürliches und sozusagen Instinktives; denn sie sind es ja, die zusammen mit ihren Mitbürgern, mit ihresgleichen, diese Welt gestalten und ihr ihre Modernität verleihen.
Sie können sich vorstellen, wie groß unsere Freude war, als das Konzil feierlich erklärte, dass die Kirche die Welt, in der sie lebt, ihren Fortschritt und ihre Entwicklung nicht ablehnt, sondern versteht und liebt. Denn dies ist ja der Geist unseres Werkes. Und es ist deshalb ein entscheidendes Merkmal der Spiritualität, die die Mitglieder des Werkes seit fast vierzig Jahren zu leben bemüht sind: Sich zugleich der Kirche und dem Staat zugehörig zu wissen und daher in voller Freiheit die je eigene persönliche Verantwortung als Christ und als Staatsbürger unverkürzt wahrzunehmen.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/conversaciones/11026/ (08.05.2026)