Spontaneität und Pluralismus im Volk Gottes

Interview von Pedro Rodríguez, veröffentlicht in Palabra (Madrid, Oktober 1967).


Wir möchten mit einer Frage beginnen, die heutzutage die verschiedensten Interpretationen erfährt; wir meinen das Thema des aggiornamento. Was ist Ihrer Auffassung nach der richtige Sinn dieses Wortes, wenn man es auf das Leben der Kirche anwendet?

Für mich bedeutet aggiornamento vor allem Treue. Jemand ist ein um so besserer Ehegatte, Verwalter oder Soldat, je treuer er in jedem Augenblick in den verschiedensten Situationen des Lebens zu den festen Bindungen der Liebe und der Gerechtigkeit steht, die er einmal eingegangen ist. Diese feinfühlige, praktisch gelebte und beständige Treue ist schwer, so wie jede Anwendung von Grundsätzen schwer ist. Sie ist jedoch auch das beste Mittel gegen geistiges Altwerden, Kälte des Herzens und Starrköpfigkeit im Denken.

Ganz das Gleiche gilt für das Leben der Institutionen und in besonderer Weise für das Leben der Kirche, der ja nicht beschränkte, menschliche Pläne zu Grunde liegen, sondern der Ratschluss Gottes. Die Erlösung, das Heil der Welt, ist die Frucht der liebevollen und kindlichen Treue Christi zum Willen des himmlischen Vaters, der ihn gesandt hat, und zusammen mit Christus ist sie auch das Werk unserer Treue. Daher bedeutet aggiornamento der Kirche heute, wie zu jeder anderen Epoche, im wesentlichen ein erneuertes, freudiges Ja des Volkes Gottes zu der Sendung, die es erhalten hat, zum Evangelium.

Natürlich kann diese Treue, da sie immer aktuell und allen Lebensumständen der Menschen gegenüber aufgeschlossen sein muss, eine echte, lehrmäßige Weiterentwicklung in der Darlegung des depositum fidei erforderlich machen und nach Änderungen und Reformen verlangen, durch die die organisatorischen Strukturen sowie die Missions- und Apostolatsmethoden in ihren menschlichen und daher verbesserungsfähigen Elementen erneuert werden. So ist es tatsächlich in der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche oft geschehen und gerade jetzt wieder im Zweiten Vatikanischen Konzil. Aber es wäre zumindest oberflächlich zu meinen, aggiornamento bedeute hauptsächlich Änderung, oder jede Änderung bereits aggiornamento. Es genügt hier, daran zu erinnern, dass einige Leute am Rande des Konzils und im Widerspruch zu seiner Lehre am liebsten Änderungen einführen möchten, die das Volk Gottes auf seinem Wege vorwärts, in die Zukunft, um viele Jahrhunderte – zumindest aber auf den Stand des feudalistischen Mittelalters – zurückwerfen würden.

In den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils wird die Kirche sehr oft als, »Volk Gottes« bezeichnet. So hat das Konzil die gemeinsame Verantwortung aller Christen für die eine und einzige Sendung innerhalb dieses Volkes Gottes hervorgehoben. Welche Merkmale sollte Ihrer Meinung nach die schon von Pius XII. erwähnte »notwendige öffentliche Meinung in der Kirche« besitzen, damit sie tatsächlich diese gemeinsame Verantwortung widerspiegelt? In welcher Weise wird das Phänomen der »öffentlichen Meinung in der Kirche« durch das besondere Verhältnis berührt, das zwischen Autorität und Gehorsam innerhalb der ekklesialen Gemeinschaft besteht?

Ohne Freiheit und Eigenverantwortung gibt es für mich keinen wahrhaft christlichen Gehorsam. Die Kinder Gottes sind keine Steine oder Kadaver, sie sind freie und vernünftige Menschen, die zur gleichen übernatürlichen Ebene emporgehoben sind wie jene, die sie leiten. Aber ohne eine ausreichende christliche Bildung wird niemand in der Lage sein, seinen Verstand und seine Freiheit in rechter Weise zu gebrauchen, um gehorchen zu können, und genausowenig, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Deshalb scheint mir die Frage nach der »in der Kirche notwendigen öffentlichen Meinung« gleichbedeutend mit der Frage nach einer ausreichenden christlichen Bildung aller Gläubigen. Wohl teilt der Heilige Geist unter den Gliedern des Volkes Gottes, die ja alle mitverantwortlich sind für die Sendung der Kirche, den Reichtum seiner Gaben aus, aber das entbindet niemanden von der Verpflichtung, sich um eine angemessene religiöse Bildung zu bemühen.

Unter »religiöser Bildung« verstehe ich hier die ausreichende Kenntnis eines jeden Gläubigen von der gesamten Sendung der Kirche und von dem besonderen Anteil sowie der sich daraus ergebenden spezifischen Verantwortung, die dem einzelnen innerhalb dieser gesamten Sendung der Kirche zukommt. Darin besteht – so hat auch der Heilige Vater wiederholt gesagt – die gewaltige pädagogische Aufgabe, die die Kirche in der nachkonziliaren Zeit in Angriff nehmen muss. Mir scheint, dass die rechte Lösung der von Ihnen aufgeworfenen Probleme in engem Zusammenhang mit der Bewältigung dieser Bildungsaufgabe gesehen werden muss, und so ist es auch mit der Verwirklichung vieler anderer Hoffnungen, die die Kirche heute hegt. Jedenfalls wird die notwendige öffentliche Meinung innerhalb der Kirche nicht gewährleistet durch die mehr oder weniger prophetischen Intuitionen einiger Charismatiker, denen es an religiöser Bildung fehlt.

Was die Ausdrucksformen dieser öffentlichen Meinung anbelangt, so bin ich der Ansicht, dass es sich dabei nicht primär um ein Problem der Organisation oder Institutionalisierung handelt. Der Pastoralrat eines Bistums, die Spalten einer Zeitung – auch wenn sie nicht offiziell katholisch ist – oder einfach der persönliche Brief eines Gläubigen an seinen Bischof können in gleicher Weise geeignete Mittel darstellen. Die legitimen Möglichkeiten und Ausdrucksweisen, in denen die Meinung der Gläubigen zu Wort kommen kann, sind vielgestaltig, und es dürfte weder möglich noch wünschenswert sein, diese Vielfalt durch die Schaffung einer neuen Institution in ein Schema zu pressen; schon deshalb nicht, weil sonst die Gefahr bestünde, dass solch eine Institution – was sehr leicht möglich wäre – zum Monopol oder Werkzeug einer kleinen Gruppe offizieller Katholiken würde, ganz gleich von welcher Tendenz oder Richtung diese Minderheit auch inspiriert wäre. Ein solcher Missbrauch brächte das Ansehen der Hierarchie selbst unmittelbar in Gefahr und stellte eine Verhöhnung der übrigen Glieder des Volkes Gottes dar.

Der Begriff »Volk Gottes«, den wir vorhin erwähnten, macht den geschichtlichen Charakter der Kirche deutlich als eine Wirklichkeit göttlichen Ursprungs, die sich auf ihrem Weg auch veränderlicher und vergänglicher Mittel bedient. Welche Forderungen ergeben sich aus dieser Tatsache für das Leben der Priester? Welche Charakterzüge in der Gestalt des Priesters, so wie sie vom Dekret Presbyterorum Ordinis umrissen wird, würden Sie für unsere Zeit in den Vordergrund stellen?

Ich würde einen Wesenszug des priesterlichen Lebens in den Vordergrund stellen, der gerade nicht in jenen Bereich des Veränderlichen und Vergänglichen fällt. Ich meine die vollkommene Einheit, die zwischen der Weihe und der Sendung des Priesters bestehen muss, wie es auch im Dekret Presbyterorum Ordinis mehrfach wiederholt wird; oder mit anderen Worten: die vollkommene Einheit zwischen dem persönlichen Leben der Frömmigkeit und der Ausübung des Priesteramtes, zwischen den kindlichen Banden, die den Priester mit Gott, und den pastoralen und brüderlichen, die ihn mit den Menschen verbinden. Ich glaube nicht daran, dass ein Priester in seinem Amt wirksam sein kann, wenn er nicht betet.

In manchen Kreisen des Klerus besteht eine gewisse Unruhe hinsichtlich der Frage, wie der Priester heute in der Gesellschaft gegenwärtig sein soll. Gestützt auf die Lehre des Konzils (Konstitution Lumen gentium, Nr. 31; Dekret Presbyterorum Ordinis, Nr. 8) gibt es Tendenzen, dieses Problem dadurch zu lösen, dass der Priester sich in das bürgerliche Berufs- und Arbeitsleben einschaltet, etwa nach der Art eines »Arbeiterpriesters«.Wir möchten gern Ihre Meinung zu dieser Frage kennenlernen.

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich eine meiner eigenen Meinung entgegengesetzte Auffassung zu dieser Frage durchaus achte, auch wenn ich sie aus vielfachen Gründen nicht für richtig halte, und dass ich die Arbeit jener Menschen, die sich mit viel apostolischem Eifer persönlich bemühen, diesen ihren Auffassungen gemäß zu handeln, hochschätze und für sie bete.

Ich selbst jedoch bin folgender Ansicht: Wenn das Priestertum in rechter Weise ausgeübt wird – das heißt ohne Schüchternheit und ohne Komplexe, die gewöhnlich ein Zeichen mangelnder menschlicher Reife sind, und ohne klerikale Überheblichkeit, die das Fehlen übernatürlicher Sicht verrät –, dann bietet das Amt des Priesters als solches alle Gewähr dafür, dass der Priester als Mensch in schlichter und glaubwürdiger Weise und ganz legitim in der Gesellschaft unter den Menschen, an die er sich richtet, präsent ist. Für gewöhnlich wird das genügen, um mit der Welt der Arbeit in einer lebendigen Gemeinschaft zu stehen, ihre Probleme zu begreifen und an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen. Dagegen wird es wohl kaum jemals fruchtbar sein, sich mit Hilfe einer amateurhaft betriebenen beruflichen Arbeit eine Art naiven Passierschein zu verschaffen, denn der Mangel an Echtheit würde einen derartigen Versuch, der zudem aus vielen Gründen das gesunde Empfinden der Laien beleidigen kann, von vornherein zum Scheitern verurteilen.

Außerdem nimmt die Seelsorge den Priester – insbesondere bei dem gegenwärtigen Priestermangel – derart in Anspruch, dass sie keine Doppelbeschäftigung zulässt. Die Menschen brauchen uns so sehr, auch wenn viele von ihnen es nicht wissen, dass wir immer alle Hände voll zu tun haben. Es fehlt an Menschen, an Zeit, an Kräften. Deshalb pflege ich meinen Söhnen im Opus Dei, die Priester sind, zu sagen: wenn sie einmal Zeit übrig hätten, dann könnten sie völlig sicher sein, ihr Priestertum nicht gut gelebt zu haben.

Und bedenken Sie: bei den Priestern des Opus Dei handelt es sich um Leute, die in der Regel, bevor sie die Priesterweihe empfingen, jahrelang als Ingenieure, Ärzte, Arbeiter usw. im bürgerlichen Berufsleben gestanden haben. Jedoch weiß ich von keinem einzigen, der auf die Hilfe des Rechenschiebers, des Stethoskops oder des Presslufthammers angewiesen wäre, um sich in der Gesellschaft, unter seinen früheren Kameraden und Kollegen, Wertschätzung und Gehör zu verschaffen. Es stimmt, dass sie manchmal, soweit es mit den Verpflichtungen ihres priesterlichen Standes vereinbar ist, ihren Zivilberuf ausüben, aber keineswegs deshalb, weil sie das etwa für notwendig hielten, um ihre »Präsenz in der Gesellschaft« zu garantieren. Ausschlaggebend dafür sind vielmehr andere Motive, wie etwa die Nächstenliebe oder zwingende wirtschaftliche Erfordernisse irgendeines apostolischen Unternehmens. Auch der heilige Paulus hat von Zeit zu Zeit seinen alten Beruf als Zeltmacher ausgeübt, aber nicht darum, weil Ananias ihm in Damaskus etwa geraten hätte, das Zeltmacherhandwerk zu erlernen, um so den Heiden besser das Evangelium verkünden zu können.

Zusammenfassend und ohne damit im geringsten die Rechtmäßigkeit und die gute Absicht irgendeiner apostolischen Initiative in Zweifel zu ziehen: ich halte die Gestalt zum Beispiel des Akademikers oder des Arbeiters, der Priester wird, für echter und mehr dem Sinne des Zweiten Vaticanum entsprechend als die Gestalt des Arbeiterpriesters. Abgesehen von seiner Bedeutung im Rahmen einer speziellen seelsorglichen Aufgabe, die immer nötig sein wird, gehört die klassische Gestalt des Arbeiterpriesters der Vergangenheit an, einer Zeit, in der die ungeahnten Möglichkeiten des Laienapostolates weithin noch unbekannt waren.

Manchmal werden Vorwürfe gegenüber denjenigen Priestern laut, die zu Problemen zeitlichen und speziell politischen Charakters in konkreter Weise Stellung beziehen. Anders als zu anderen Zeiten zielen viele dieser Stellungnahmen jedoch auf die Forderungen nach mehr Freiheit, nach sozialer Gerechtigkeit usw. ab. Sicher gehört es – abgesehen von wenigen Fällen – nicht spezifisch zum Amt des Priesters, aktiv in diese Bereiche einzugreifen. Aber glauben Sie nicht, dass der Priester andererseits die Ungerechtigkeit, den Mangel an Freiheit und dergleichen öffentlich als unchristlich verurteilen muss? Wie lässt sich Ihrer Meinung nach beides miteinander vereinbaren?

Wenn die Verkündigung des Priesters dem Wesen seines munus docendi gerecht werden soll, muss sie sich auf alle christlichen Tugenden ohne Ausnahme erstrecken und auch die konkreten Forderungen und Äußerungen dieser Tugenden in den verschiedenen Lebenssituationen der Menschen, die der Priester anspricht, einbeziehen. So muss er die Menschen dazu führen, die Würde und die Freiheit, mit der Gott die menschliche Person geschaffen hat, sowie die einzigartige übernatürliche Würde, die dem Christen in der Taufe zuteil wird, hochzuschätzen und zu respektieren.

Einem Priester, der diese Pflicht seines priesterlichen Amtes erfüllt, wird man niemals – es sei denn aus Unwissenheit oder Bosheit – vorwerfen können, er mische sich in politische Dinge ein. Und ebensowenig wird man sagen können, dass er, wenn er diese Lehre darlegt, in die spezifische apostolische Aufgabe der Laien eingreift, die darin besteht, die zeitlichen Strukturen und Angelegenheiten in christlicher Weise zu ordnen.

In der ganzen Kirche wird heute ein starkes Interesse für die Probleme der sogenannten Dritten Welt sichtbar. Eine der Hauptschwierigkeiten in diesem Bereich erwächst bekanntlich aus dem großen Priestermangel, und zwar ganz besonders aus dem Fehlen eines einheimischen Klerus. Was ist Ihre Meinung dazu und welche Erfahrungen haben Sie in dieser Frage gemacht?

Meiner Meinung nach ist die Zunahme des einheimischen Klerus tatsächlich von ausschlaggebender Bedeutung, um in vielen Ländern die Entfaltung oder sogar den Fortbestand der Kirche zu sichern, besonders in jenen Ländern, die eine Phase des übersteigerten Nationalismus durchmachen.

Was meine persönliche Erfahrung anbelangt, so muss ich sagen, dass für mich ein ganz besonderer Grund der Dankbarkeit dem Herrn gegenüber darin besteht zu sehen, wie sich Hunderte von Laien aus jetzt schon mehr als sechzig Ländern, in denen der Aufbau eines einheimischen Klerus ein brennendes Problem für die Kirche darstellt, im Opus Dei ausbilden und zum Priestertum gelangen: sicher in der Glaubenslehre, mit universellem Weitblick und eifrig in der Dienstbereitschaft: alle vorbildlicher als ich, ohne Zweifel. Einige von ihnen haben in diesen Ländern auch die Bischofsweihe empfangen und bereits blühende Seminare ins Leben gerufen.

Die Priester sind in eine Diözese eingegliedert und unterstehen ihrem Ortsbischof. Kann es eine Berechtigung dafür geben, dass Priester einer Gemeinschaft angehören, die von der Diözese unabhängig ist oder sogar internationalen Charakter besitzt?

Die Berechtigung steht außer Zweifel; denn es handelt sich dabei um nichts anderes als die legitime Wahrnehmung des natürlichen Rechts auf Vereinigungsfreiheit, das die Kirche bei den Klerikern ebenso anerkennt wie bei allen übrigen Gläubigen. Diese jahrhundertealte Tradition (denken Sie nur an die zahlreichen Gemeinschaften, die sich seit jeher um das geistliche Leben der Weltpriester verdient gemacht haben) ist wiederholt durch das Lehramt und durch Anordnungen der letzten Päpste (Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI.) sowie gerade jetzt wieder durch das feierliche Lehramt des Zweiten Vatikanischen Konzils bestätigt worden (vgl. Dekret Presbyterorum Ordinis, Nr. 8).

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Antwort der zuständigen Konzilskommission auf einen modus, in dem angeregt wurde, es solle nur solche priesterliche Vereinigungen geben, die von den Diözesanbischöfen gegründet oder geleitet würden. Mit anschließender Zustimmung des Plenums wies die Kommission dieses Ansinnen zurück und begründete ihre Ablehnung eindeutig damit, dass die auf dem Naturrecht beruhende Vereinigungsfreiheit auch den Klerikern zustehe: Non potest negari Presbyteris, heißt es dort, id quod laicis, attenta dignitate naturae humanae, Concilium declaravit congruum, utpote iuri naturali consentaneum (Schema Decreti Presbyterorum Ordinis, Typis Polyglottis Vaticanis 1965, S. 68).

Kraft dieses Grundrechts können die Priester in aller Freiheit Vereinigungen gründen oder sich bereits bestehenden Vereinigungen anschließen, soweit sie rechtmäßige Ziele verfolgen, die der Würde und den Anforderungen des geistlichen Standes entsprechen. Die Berechtigung und der Umfang der Vereinigungsfreiheit unter Weltpriestern werden verständlich und die Gefahr der Zweideutigkeit, Unklarheit und Anarchie wird ausgeschlossen, wenn man sich vor Augen hält, dass zwischen der Amtsfunktion und dem privaten Lebensbereich des Priesters ein notwendiger Unterschied besteht, der auch als solcher respektiert werden muss.

Der Kleriker und insbesondere der Priester, der durch das Weihesakrament in den Ordo Presbyterorum aufgenommen wurde, ist kraft göttlichen Rechts zum Mitarbeiter des bischöflichen Amtes bestellt. Im Falle der Diözesanpriester wird dieser Dienst gemäß einer Vorschrift des Kirchenrechts näher umschrieben, einerseits durch die Inkardination, die den Priester für den Dienst in einer Ortskirche unter der Autorität des entsprechenden Bischofs bestimmt, und andererseits durch die missio canonica, die dem Priester innerhalb des einen Presbyteriums, dessen Haupt der Bischof ist, ein konkretes Amt zuweist. Es steht also außer Zweifel, dass der Priester durch ein sakramentales und juristisches Band von seinem Bischof abhängig ist. Diese Abhängigkeit erstreckt sich auf alles, was in Zusammenhang steht mit der Zuweisung seiner konkreten seelsorglichen Aufgabe, mit den lehramtlichen und disziplinären Richtlinien, die er für die Ausübung seines Amtes erhält, mit der gerechten und angemessenen finanziellen Vergütung und schließlich mit den pastoralen Anweisungen, die der Bischof gibt, um die Seelsorge und den Gottesdienst zu regeln und um die allgemeinrechtlichen Vorschriften durchzuführen, die sich auf die Rechte und Pflichten des geistlichen Standes beziehen.

Aber neben diesen notwendigen Banden der Abhängigkeit als dem rechtlichen Ausdruck des Gehorsams, der Einheit und der seelsorglichen Gemeinschaft, die der Priester in feinfühliger Art und Weise seinem Bischof gegenüber leben muss, gibt es im Leben des Weltpriesters auch einen persönlichen Bereich der Unabhängigkeit, der Freiheit und Eigenverantwortlichkeit, in dem er genau die gleichen Rechte und Pflichten besitzt wie die übrigen Glieder der Kirche. Darin unterscheidet sich seine Situation in gleicher Weise von der Rechtslage etwa des Minderjährigen (vgl. can. 89 des CIC) wie von der des Ordensmannes, welcher kraft seines Ordensgelübdes auf die Ausübung aller oder einiger dieser persönlichen Rechte verzichtet.

Der Weltpriester kann daher innerhalb der allgemeinen Grenzen der Moral und seiner Standespflichten als einzelner oder in Gemeinschaft frei über alles bestimmen und entscheiden, was sein persönliches, geistliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben anbelangt. Jedem einzelnen steht es frei, sich seinen Neigungen und Talenten entsprechend kulturell weiterzubilden; jedem einzelnen steht es frei, gesellschaftliche Kontakte zu pflegen und sein Leben so einzurichten, wie er es für richtig hält, soweit er nur seine Amtspflichten in rechter Weise erfüllt; jedem einzelnen steht es frei, über sein persönliches Eigentum zu verfügen, so wie er es vor seinem Gewissen für angemessen erachtet; und mit noch viel mehr Grund steht es jedem einzelnen frei, in seinem geistlichen und asketischen Leben und in seiner Frömmigkeit den Eingebungen des Heiligen Geistes zu folgen und unter den vielen Mitteln, die die Kirche empfiehlt oder erlaubt, diejenigen auszuwählen, die ihm für seine persönlichen Umstände angebracht erscheinen.

Gerade im Zusammenhang mit dem letzten Punkt hat das Zweite Vaticanum – und jetzt wieder Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Sacerdotalis coelibatus – jene Vereinigungen gelobt und empfohlen, die den Priestern bei dem Streben nach Heiligkeit in der Ausübung des eigenen Amtes helfen wollen. Soweit ihre Statuten von der zuständigen kirchlichen Hierarchie anerkannt worden sind, können diese Vereinigungen gleichermaßen auf diözesaner oder interdiözesaner, auf nationaler oder übernationaler Ebene arbeiten. Ihre Existenz kann und darf – wie ich bereits gesagt habe – niemals nachteilige Auswirkungen haben für das Band der Gemeinschaft und Abhängigkeit, das jeden Priester mit seinem Bischof verbindet, für die brüderliche Gemeinschaft mit den übrigen Gliedern des Presbyteriums oder für die Wirksamkeit der priesterlichen Arbeit im Dienste der eigenen Ortskirche.

Die Aufgabe des Laien erstreckt sich nach der Lehre des Konzils gleichermaßen auf Kirche und Welt. Diese Tatsache wird häufig deshalb nicht richtig verstanden, weil man sich auf den einen oder den anderen der beiden Bereiche beschränkt. Wie würden Sie die Aufgaben umschreiben, die dem Laien einerseits in der Kirche und andererseits in der Welt zufallen?

Ich bin keineswegs der Ansicht, dass man hier von zwei verschiedenen Aufgaben sprechen kann; denn der spezifische Anteil des Laien an der Sendung der Kirche besteht ja gerade darin, die irdischen Dinge, die zeitliche Ordnung, mit einem Wort, die Welt von innen heraus, direkt und unmittelbar, zu heiligen.

Abgesehen von dieser Aufgabe, die dem Laien in spezifischer Weise eigen ist, besitzt er in seiner juristischen Eigenschaft als Gläubiger – genauso wie die Priester und Ordensleute – auch grundlegende Rechte, Pflichten und Fähigkeiten, die sich auf den innerkirchlichen Bereich beziehen. Hierher gehören zum Beispiel die aktive Teilnahme an der Liturgie der Kirche, die Fähigkeit, unmittelbar am Apostolat der Hierarchie mitzuwirken oder diese in ihren seelsorglichen Aufgaben zu beraten, wenn man dazu aufgefordert wird.

Aber die spezifische Aufgabe, die ihm in seiner Eigenschaft als Laie, und die generelle oder gemeinsame Aufgabe, die ihm als Gläubiger zukommt, sind keineswegs einander entgegengesetzt und miteinander unvereinbar, sondern sie überlagern und ergänzen sich gegenseitig. Nur die spezifische Aufgabe des Laien in den Vordergrund zu stellen, ohne gleichzeitig seine Eigenschaft als Gläubiger zu berücksichtigen, wäre ebenso widersinnig, wie wenn man sich einen grünen, blühenden Zweig vorstellen wollte, der zu keinem Baum gehört. Vergisst man dagegen die spezifische und eigentliche Aufgabe des Laien oder begreift man nicht die Eigenart seines weltlichen Apostolats und dessen ekklesialen Wert, so hat man den weitausladenden Baum der Kirche auf den Zustand eines monströsen, nackten Stammes reduziert.

Seit vielen Jahren sagen und schreiben Sie immer wieder, dass die Berufung des Laien durch eine Dreiheit gekennzeichnet ist, nämlich »die Arbeit zu heiligen, sich selbst in der Arbeit zu heiligen und die anderen durch die Arbeit zu heiligen«. Könnten Sie uns erklären, was Sie genau darunter verstehen, wenn Sie sagen: »die Arbeit heiligen«?

Mit wenigen Worten lässt sich das schwer darlegen, denn darin sind grundlegende Aspekte der Theologie der Schöpfung eingeschlossen. Seit vierzig Jahren wiederhole ich ständig, dass ein Christ jede rechtschaffene menschliche Arbeit, ganz gleich ob sie nun intellektueller oder handwerklicher Art ist, mit der größtmöglichen Vollkommenheit verrichten sollte: mit menschlicher Vollkommenheit, das heißt mit beruflichem Sachverstand, und mit christlicher Vollkommenheit, das heißt aus Liebe zum Willen Gottes und in der Bereitschaft, den Mitmenschen zu dienen. Denn wenn sie so verrichtet wird, dann trägt diese menschliche Arbeit, mag sie auch noch so niedrig und unbedeutend erscheinen, dazu bei, die zeitlichen Gegebenheiten in christlicher Weise zu gestalten, das heißt ihre übernatürliche Dimension zu offenbaren. Die Arbeit wird so aufgenommen und einverleibt in das wunderbare Werk der Schöpfung und der Erlösung; sie wird zur übernatürlichen Ebene der Gnade emporgehoben, wird geheiligt und verwandelt sich in Werk Gottes, in operatio Dei, in opus Dei.

Wenn wir den Christen die herrlichen Worte der Genesis ins Gedächtnis rufen, dass Gott den Menschen geschaffen hat, damit er arbeite, dann haben wir dabei besonders das Beispiel Christi vor Augen, der fast sein ganzes Leben auf Erden damit verbracht hat, als Handwerker in einem kleinen Dorf zu arbeiten. Wir lieben die Arbeit, denn Christus hat sie als Lebensform erwählt, bejaht und geheiligt. Wir sehen in der Arbeit, in dem guten schöpferischen Mühen des Menschen, nicht nur einen der höchsten menschlichen Werte, ein unersetzliches Mittel für den Fortschritt der Gesellschaft und für eine gerechtere Ordnung der zwischenmenschlichen Beziehungen; wir sehen in ihr zugleich auch ein Zeichen der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen und ein Zeichen unserer Liebe zu den Mitmenschen und zu Gott: So ist sie Mittel der persönlichen Vervollkommnung und Weg der Heiligkeit.

Und daher war es von Anfang an das einzige Ziel des Opus Dei, dazu beizutragen, dass es mitten in der Welt, mitten in den irdischen, innerweltlichen Wirklichkeiten und Aufgaben Männer und Frauen aller Rassen und sozialen Schichten gibt, die sich darum bemühen, in ihrer alltäglichen Arbeit und durch sie Gott und ihre Mitmenschen zu lieben und ihnen zu dienen.

Das Dekret Apostolicam actuositatem (Nr. 5) hat eindeutig bestätigt, dass es der Kirche als Ganzes zukommt, die zeitliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen. Diese Aufgabe geht also alle an: die Hierarchie, den Klerus, die Ordensleute und die Laien. Könnten Sie uns sagen, welche Bedeutung und welche spezifischen Funktionen Ihrer Meinung nach jedem einzelnen dieser ekklesialen Bereiche bei der Erfüllung der einen, gemeinsamen Aufgabe zukommt?

Die Antwort darauf findet sich eigentlich in den Konzilstexten selbst. Als Teil ihres Lehramtes ist es Aufgabe der Hierarchie, die dogmatischen Grundsätze aufzuzeigen, nach denen sich das apostolische Wirken ausrichten und orientieren muss (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 28; Gaudium et spes, Nr. 43; Dekret Apostolicam actuositatem, Nr. 24).

Es ist die spezifische Aufgabe der Laien, die ja mitten in allen typisch weltlichen Strukturen und Lebensumständen arbeiten, diese zeitlichen Wirklichkeiten im Licht der dogmatischen Grundsätze, die das Lehramt dargelegt hat, unmittelbar und entschieden zu gestalten. Dabei sollen sie aber in den konkreten Entscheidungen ihres gesellschaftlichen, familiären, politischen und kulturellen Lebens mit der notwendigen persönlichen Autonomie handeln (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 31; Konstitution Gaudium et spes, Nr. 43; Dekret Apostolicam actuositatem, Nr. 7).

Die Ordensleute dagegen trennen sich von der Welt und wählen einen anders gearteten Lebensstand. Ihre Sendung besteht darin, vor den Augen aller eschatologisches Zeugnis abzulegen, welches den übrigen Gliedern des Gottesvolkes in Erinnerung ruft, dass sie hier auf Erden keine bleibende Stätte haben (vgl. Konstitution Lumen gentium, Nr. 44; Dekret Perfectae caritatis, Nr. 5). Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass die zahlreichen Werke der Wohltätigkeit, der Nächstenliebe und der Sozialhilfe, in denen so viele Ordensmänner und Ordensfrauen in selbstlosem Opfergeist tätig sind, einen bedeutenden Dienst an der christlichen Durchdringung des Zeitlichen darstellen.

»Würde und Freiheit der Kinder Gottes« sind ja ein allgemeines Merkmal jedes christlichen Lebens, unabhängig von dem Weg, auf dem es verwirklicht wird. Worauf wollen Sie besonders hinweisen, wenn Sie in Ihrer Verkündigung immer wieder so nachdrücklich für die Freiheit der Laien eintreten?

Ich will gerade auf die persönliche Freiheit der Laien hinweisen, im Licht der vom Lehramt verkündeten Grundsätze alle konkreten Entscheidungen theoretischer oder praktischer Natur nach dem je eigenen Gewissen und im Einklang mit den persönlichen Überzeugungen und Neigungen zu treffen. Dies gilt zum Beispiel für philosophische, wirtschaftliche oder politische Meinungen, künstlerische und kulturelle Ansichten, Fragen des beruflichen und gesellschaftlichen Lebens.

Dieser notwendige Bereich der Autonomie muss von uns, die wir in der Kirche das Amtspriestertum ausüben, immer sorgfältig respektiert werden, denn andernfalls wäre der katholische Laie im Vergleich mit seinen Mitmenschen ein Bevormundeter und könnte seine apostolische Aufgabe inmitten der zeitlichen Wirklichkeiten nicht wirksam erfüllen. Wollte man versuchen, die Laien zu instrumentalisieren, um Zwecke zu erreichen, die die Zuständigkeiten des hierarchischen Amtes überschreiten, dann fiele man einem anachronistischen und peinlichen Klerikalismus anheim; eine derartige Verurteilung zur ständigen Unmündigkeit würde die apostolischen Möglichkeiten der Laien ungeheuer beschränken, und vor allem würde man so – besonders heute – Autorität und Einheit der Kirche selbst in Gefahr bringen. Wir dürfen nie vergessen, dass – auch unter Katholiken – ein gesunder Pluralismus der Meinungen und Urteile in allen Angelegenheiten, die Gott der freien Diskussion der Menschen überlassen hat, nicht nur mit der hierarchischen Ordnung und der notwendigen Einheit des Volkes Gottes völlig im Einklang steht, sondern sie sogar stärkt und vor möglichen Verfälschungen bewahrt.

Die Berufung der Laien und die der Ordensleute sind, obwohl ihnen natürlich die eine christliche Berufung zugrunde liegt, in ihrer praktischen Verwirklichung grundlegend voneinander verschieden. Ist es möglich, dass die Ordensleute zum Beispiel in ihren Schulen den gewöhnlichen Christen trotzdem eine wahrhaft laikale Bildung vermitteln?

Das wird insoweit möglich sein, als die Ordensleute, deren verdienstvolle Arbeit im Dienst der Kirche ich aufrichtig bewundere, sich bemühen, wirklich die Merkmale und Anforderungen zu begreifen, die die Berufung des Laien zur Heiligkeit und zum Apostolat in der Welt mit sich bringt, und insoweit sie bereit und in der Lage sind, ihre Schüler in diesem Geist zu unterrichten.

Wenn vom Laienstand die Rede ist, wird die Bedeutung der Frau und damit die Rolle, die ihr in der Kirche zukommt, oft außer acht gelassen. Ebenso pflegt man von einem »sozialen Aufstieg der Frau« nur hinsichtlich ihrer Tätigkeit im öffentlichen Leben zu sprechen. Worin sehen Sie die Aufgabe der Frau in der Kirche und in der Welt?

Für mich gibt es keinen einsichtigen Grund, weshalb man bezüglich der Frau Unterscheidungen treffen sollte, wenn vom Laienstand, von seiner apostolischen Aufgabe, seinen Rechten, seinen Pflichten usw. die Rede ist. Alle Getauften, ob sie nun Männer oder Frauen sind, besitzen ohne Unterschied die gleiche Würde, Freiheit und Verantwortung der Kinder Gottes. In der Kirche besteht jene radikale und grundlegende Einheit, die bereits der heilige Paulus die ersten Christen lehrte: Quicumque enim in Christo baptizati estis, Christum induistis. Non est Judaeus, neque Graecus; non est servus, neque liber; non est masculus, neque femina (Gal 3, 27-28); da gilt nicht mehr Jude oder Heide, nicht mehr Knecht oder Freier, nicht mehr Mann oder Frau.

Abgesehen von der juristischen Fähigkeit zum Empfang der heiligen Weihen – hier ist meiner Meinung nach aus vielen Gründen, auch aus Motiven des positiven göttlichen Rechts, eine Unterscheidung aufrechtzuerhalten – müssen der Frau in der Gesetzgebung, im inneren Leben und apostolischen Wirken der Kirche die gleichen Rechte und Pflichten zuerkannt werden wie dem Mann: das Recht also, Apostolat auszuüben, Vereinigungen zu gründen und zu leiten, das Recht, in allem, was das Wohl der Kirche anbelangt, verantwortungsbewusst ihre Meinung zu äußern usw. Theoretisch ist das zwar alles leicht zu bejahen, wenn man die klaren theologischen Gründe betrachtet, die dafür sprechen; ich weiß jedoch, dass man damit in der Praxis bei einer gewissen Mentalität noch auf erheblichen Widerstand stößt. So erinnere ich mich noch gut an das Staunen, ja an die Kritik mancher gegenüber dem Bemühen des Opus Dei, auch den Frauen, die dem weiblichen Zweig unserer Vereinigung angehören, den Erwerb von akademischen Graden in den theologischen Fächern zu ermöglichen. Heute dagegen versucht man uns hierin wie in so vielen anderen Dingen nachzuahmen.

Meiner Ansicht nach werden diese Widerstände und dieses Zögern jedoch nach und nach verschwinden. Denn letztlich geht es nur um die Erfassung des ekklesiologischen Sachverhalts, dass die Kirche eben nicht nur aus Priestern und Ordensleuten besteht, sondern dass auch die Laien – Männer und Frauen – Volk Gottes sind und kraft göttlichen Rechts eine eigenständige Aufgabe und Verantwortlichkeit besitzen.

Jedoch möchte ich noch zu bedenken geben, dass gerade die wesenhafte Gleichheit zwischen Mann und Frau Verständnis für ihre sich gegenseitig ergänzende Rolle im Dienst an der Kirche und am Fortschritt der Gesellschaft verlangt, denn schließlich hat Gott den Menschen nicht ohne Grund als Mann und Frau erschaffen. Diese Verschiedenheit darf man nicht in einem patriarchalischen Sinn verstehen, sondern muss sie in ihrer ganzen Tiefe, mit all ihren Schattierungen und Konsequenzen begreifen lernen. So wird der Mann von der Versuchung befreit, der Kirche und der Gesellschaft ein rein männliches Gepräge zu geben, und die Frau vor der Gefahr bewahrt, ihre Aufgabe im Volk Gottes und in der Welt nur darin zu sehen, auf gewisse Tätigkeiten Anspruch zu erheben, die bisher dem Mann vorbehalten waren, obwohl die Frau sie ebensogut wahrnehmen kann. Mir scheint also, dass sich sowohl der Mann als auch die Frau – indem sie sich gegenseitig ergänzen – ganz zu Recht als Protagonisten der Heilsgeschichte betrachten müssen.

Es ist bekannt, dass Ihr Buch »Der Weg«, obwohl es in seiner ersten Fassung bereits im Jahre 1934 veröffentlicht wurde, viele Gedanken enthält, die jetzt vom Zweiten Vaticanum aufgegriffen worden sind, während sie damals von manchen als »häretisch« angesehen wurden. Was können Sie uns dazu sagen? Um welche Punkte handelt es sich?

Wenn Sie mir erlauben, werden wir darüber später einmal ausführlich sprechen. Jetzt möchte ich nur sagen, dass ich dem Herrn dafür dankbar bin, dass er sich auch dieses kleinen Buches bedient hat, das in so vielen Sprachen aufgelegt wurde – mit jetzt schon mehr als zweieinhalb Millionen Exemplaren –, um in das Leben von Menschen so vieler Völker und Sprachen jene christlichen Wahrheiten hineinzutragen, die das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt hat, und um Millionen von Christen und Nichtchristen Freude und inneren Frieden zu bringen.

Wir wissen, dass Sie sich seit vielen Jahren in besonderer Weise um die geistliche und menschliche Betreuung der Priester, insbesondere der Weltpriester, gekümmert haben. Diese Sorge hat, solange es Ihnen möglich war, ihren Ausdruck in einer intensiven Arbeit der Seelsorge und der geistlichen Leitung für Weltpriester gefunden sowie von einem gewissen Zeitpunkt an auch in der Möglichkeit, dass Weltpriester, die sich dazu berufen fühlen, dem Werk angehören können, ohne dadurch in irgendeiner Weise die Zugehörigkeit zur Diözese und die Abhängigkeit von ihrem Bischof zu verändern. Wir möchten gerne wissen, welche Umstände im Leben der Kirche, abgesehen von sonstigen Gründen, den Anlass für Ihre Sorgen gaben. Können Sie uns darüber hinaus sagen, wie diese Arbeit dazu beitragen kann, einige Probleme des Weltklerus oder des kirchlichen Lebens zu lösen?

Der Anlass zu dieser meiner Sorge und zu dieser Arbeit des Werkes, die bereits zu einer festen Einrichtung geworden ist, liegt nicht in mehr oder weniger vorübergehenden Umständen im Leben der Kirche. Sie entspringen vielmehr überzeitlichen Erfordernissen geistlicher und menschlicher Art, die untrennbar mit dem Leben und der Arbeit des Weltpriesters verbunden sind. Ich denke vor allem an die Hilfe, die der Weltpriester braucht – eine Spiritualität und konkrete Mittel, die in keiner Weise seine Stellung in der Diözese verändern –, um in der Ausübung seines Amtes nach persönlicher Heiligkeit zu streben. Nur so wird es ihm möglich sein, mit jugendlichem Schwung und wachsender Großzügigkeit der Gnade seiner göttlichen Berufung zu entsprechen, und nur so wird er klug und rasch der Gefahr geistlicher und psychologischer Krisen begegnen können, die sich leicht aus den verschiedenen Lebensumständen ergeben: aus der Einsamkeit, den Widerständen des Milieus, der Gleichgültigkeit, der vermeintlichen Erfolglosigkeit in der Arbeit, der Routine, der Erschöpfung, aus mangelnder Sorge um die Erhaltung und Erweiterung der intellektuellen Bildung und schließlich – und hier liegt der tiefste Grund für Gehorsamskrisen und mangelnde Einheit – aus einer wenig übernatürlichen Sicht in seinem Verhalten dem eigenen Bischof, ja selbst den anderen Mitbrüdern gegenüber.

Die Diözesanpriester, die sich in legitimer Wahrnehmung ihrer Vereinigungsfreiheit der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz1 anschließen, tun das einzig und allein deshalb, weil sie eine persönliche geistliche Hilfe suchen, die mit den Verpflichtungen ihres Standes und ihres Amtes voll und ganz vereinbar ist; wäre sie das nicht, so bedeutete diese vermeintliche Hilfe nur Komplikation, Ballast, Unordnung.

Denn es ist ein wesentliches Merkmal der Spiritualität des Opus Dei, dass niemand von der Stelle entfernt wird, an der er steht – unusquisque in qua vocatione vocatus est, in ea permaneat (1 Kor 7, 20) –, sondern jeder die Aufgaben und Pflichten des ihm eigenen Standes, seines konkreten Auftrags in der Kirche und in der Gesellschaft, so vollkommen wie möglich erfüllt. Dadurch, dass ein Weltpriester sich dem Werk anschließt, ändert oder verlässt er nicht im geringsten seine diözesane Berufung, das heißt seine Hingabe im Dienst der eigenen Diözese, die volle Abhängigkeit von seinem Bischof, seine säkulare Spiritualität, seine Verbundenheit mit den anderen Priestern. Er verpflichtet sich vielmehr dazu, seiner Berufung immer vollkommener zu entsprechen, weil er davon überzeugt ist, dass er seine christliche Vollkommenheit gerade in der Ausübung seines priesterlichen Amtes, eben als Weltpriester, suchen muss.

Es würde hier zu weit führen, die zahlreichen praktischen Konsequenzen juristischer und asketischer Art aufzuzählen, die sich für unsere Vereinigung aus diesem Grundsatz ergeben. Um nur ein Beispiel anzuführen: Im Gegensatz zu anderen Vereinigungen, in denen ein Gelübde oder Versprechen des Gehorsams gegenüber internen Vorgesetzten verlangt wird, besteht die Abhängigkeit der Weltpriester, die sich dem Opus Dei anschließen, nicht in einem Verhältnis wie zwischen Untergebenen und Vorgesetzten – es gibt für sie keine interne Hierarchie und damit auch nicht die Gefahr einer doppelten Gehorsamsbindung –, sondern eher in einer vom freien Willen bestimmten Beziehung geistlicher Hilfe und geistlichen Beistandes.

Was diese Priester im Opus Dei finden, ist vor allem die von ihnen gewünschte beständige geistliche Hilfe, die auf einer Spiritualität säkularen und diözesanen Charakters beruht und von eventuellen persönlichkeits- und umstandsbedingten Veränderungen in ihrer Diözese unabhängig ist. So suchen sie neben der kollektiven geistlichen Führung, die der Bischof durch Ansprachen, Hirtenbriefe, Gespräche, Anweisungen usw. erteilt, eine persönliche geistliche Begleitung, die dauerhaft und intensiv ist, ganz gleich, wo sie sich befinden. Diese persönliche Begleitung ergänzt die stets als ernste Pflicht hochgeschätzte allgemeine Leitung durch den Bischof. Das Zweite Vatikanische Konzil und das ordentliche Lehramt empfehlen sie dringend, denn sie bedeutet für den Priester Rückhalt und Hilfe in seinem inneren Leben, seiner Hirtensorge, seiner ständigen Weiterbildung, seinem Eifer für das Apostolat der Diözese, in seiner Liebe und seinem Gehorsam dem Bischof gegenüber, in seiner Sorge um die Priesterberufungen und das Priesterseminar usw.

Für mich als Weltpriester ist es eine ganz besondere Freude, dass die Früchte dieser Arbeit allein den Diözesen zufallen, in denen diese Priester ihren Dienst versehen. Oft habe ich die Genugtuung gehabt zu sehen, mit welcher Liebe der Papst und die Bischöfe diese Arbeit segnen, wünschen und fördern.

Bei verschiedenen Gelegenheiten haben Sie im Zusammenhang mit dem Beginn des Opus Dei gesagt, Sie hätten damals nichts anderes besessen als »Jugend, Gnade Gottes und gute Laune«. In den zwanziger Jahren hatte die Theologie des Laienstandes bei weitem noch nicht die heutige Entfaltung erreicht. Das Opus Dei ist jedoch bereits eine spürbare Wirklichkeit im Leben der Kirche. Können Sie uns erklären, wieso Sie schon als junger Priester die nötige Einsicht besaßen, um dieses Werk verwirklichen zu können?

Mein einziges Bemühen bestand und besteht darin, den Willen Gottes zu erfüllen. Gestatten Sie mir, dass ich nicht auf weitere Einzelheiten im Zusammenhang mit dem Anfang des Werkes – das die Liebe des Herrn mich seit dem Jahre 1917 vorausahnen ließ – eingehe, denn sie sind untrennbar mit meiner eigenen persönlichen Geschichte verbunden und gehören zum Intimsten meines inneren Lebens. Ich möchte nur sagen, dass ich immer mit der Genehmigung und dem wohlwollenden Segen des Bischofs von Madrid gehandelt habe, wo das Opus Dei am 2. Oktober 1928 entstand. Und auch später haben wir uns immer der Gutheißung und der Ermutigung des Heiligen Stuhles sowie der Bischöfe der Diözesen, in denen wir arbeiten, erfreut.

Weil Laien, die dem Opus Dei angehören, einflussreiche Stellungen in der spanischen Gesellschaft bekleiden, spricht man gelegentlich von einem Einfluss des Opus Dei in Spanien. Könnten Sie uns erklären, worin dieser Einfluss besteht?

Mich stört alles, was irgendwie nach Eigenlob aussehen könnte. Andrerseits segnet der Herr so großzügig unsere Arbeit, dass ich meine, es wäre keine Demut, sondern Blindheit und Undankbarkeit ihm gegenüber, wollte man nicht anerkennen, dass das Opus Dei tatsächlich einen Einfluss in der spanischen Gesellschaft ausübt. Es ist selbstverständlich, dass das Opus Dei in den Ländern, in denen es schon seit vielen Jahren arbeitet, einen Einfluss mit sozialen Auswirkungen hat, der mit der fortschreitenden Ausbreitung der Arbeit parallel geht. Und in Spanien arbeitet das Opus Dei schon seit neununddreißig Jahren, denn es war der Wille Gottes, dass es dort entstand.

Welcher Art ist nun dieser Einfluss? Das Opus Dei ist eine Vereinigung mit rein religiöser und apostolischer Zielsetzung, und sein Einfluss kann daher – in Spanien genauso wie in allen anderen Ländern auf den fünf Kontinenten, in denen wir arbeiten – offensichtlich ebenfalls nur religiöser und apostolischer Natur sein. Ebenso wie die Kirche als Ganzes die Welt beseelt, so hat auch der Einfluss des Opus Dei auf die Gesellschaft keinen zeitlichen – etwa sozialen, politischen oder wirtschaftlichen – Charakter, wenngleich er natürlich auf die ethischen Aspekte allen menschlichen Tuns ausstrahlt. Dieser Einfluss gehört vielmehr einer anderen, höheren Ebene an, und er lässt sich am besten mit dem Wort Heiligung bezeichnen.

Und damit sind wir bei den Mitgliedern des Opus Dei, die Sie einflussreich nennen. Für eine Vereinigung mit politischer Zielsetzung sind diejenigen ihrer Mitglieder einflussreich, die einen Sitz im Parlament oder in der Regierung einnehmen. Eine kulturelle Vereinigung wird diejenigen Mitglieder als einflussreich betrachten, die Philosophen von bedeutendem Ruf, Literaturpreisträger oder ähnliches sind. Wenn sich eine Vereinigung jedoch vornimmt, die gewöhnliche Arbeit, sei sie nun handwerklich oder intellektuell, zu heiligen – wie das beim Opus Dei der Fall ist –, dann liegt es nahe, alle ihre Mitglieder als einflussreich zu betrachten, weil alle arbeiten (im Opus Dei kommt der allgemeinen menschlichen Pflicht zur Arbeit eine besondere juristische und asketische Bedeutung zu) und weil sich alle bemühen, ihre Arbeit – welcher Art auch immer – heiligmäßig, mit christlicher Gesinnung und mit dem Streben nach Vollkommenheit, zu verrichten. Deshalb ist für mich das Zeugnis eines meiner Söhne, der Bergarbeiter ist, unter seinen Kollegen ebenso einflussreich, bedeutend und notwendig wie das Zeugnis des Rektors einer Universität unter den übrigen Professoren des akademischen Senats.

Woher stammt also der Einfluss des Opus Dei? Eine einfache soziologische Betrachtung macht das klar: Unserer Vereinigung gehören Menschen aller sozialen Schichten, Berufe, Altersstufen und Lebensstände an: Männer und Frauen, Kleriker und Laien, Alte und Junge, Ehelose und Verheiratete, Studenten, Arbeiter, Bauern, Angestellte, freiberuflich Tätige, Beamte usw. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was für eine Ausstrahlungskraft des Christlichen von einem derart weiten und vielgestaltigen Personenkreis ausgeht, insbesondere wenn er mehrere zehntausend Menschen umfasst, die – gleich in welchem sozialen Milieu sie sich bewegen – von demselben apostolischen Eifer beseelt sind, ihre Arbeit zu heiligen, sich in dieser Arbeit zu heiligen und andere durch die Arbeit zu heiligen?

Zu diesem persönlichen Apostolat kommt die wachsende Zahl unserer apostolischen Einrichtungen hinzu: Studentenheime, Tagungshäuser, die Universität von Navarra, Bildungszentren für Arbeiter und Landwirte, technische Institute, Gymnasien, Hauswirtschaftsschulen usw. All diese Unternehmungen sind zweifellos Brennpunkte christlichen Geistes, von Laien ins Leben gerufen und geleitet. Dies ist ihre berufliche Arbeit als Staatsbürger, die ihren Berufskollegen in allem gleich sind. Solche Einrichtungen stehen Menschen aller sozialen Schichten offen und haben dazu beigetragen, dass weite Kreise der Gesellschaft sich deutlicher der Notwendigkeit bewusst werden, auf die Fragen von Arbeit und Beruf eine christliche Antwort zu geben.

All das verleiht dem Opus Dei in sozialer Hinsicht Gewicht und Bedeutung. Nicht darauf kommt es an, dass einige seiner Mitglieder menschlich gesehen einflussreiche Ämter bekleiden; dies interessiert uns nicht im geringsten und ist Sache der freien, persönlichen Entscheidung. Worauf es ankommt, ist, dass alle Mitglieder des Werkes – und dank der Güte Gottes sind es viele – sich einer Arbeit widmen, die, mag sie auch noch so bescheiden sein, in übernatürlicher Hinsicht einflussreich ist.

Und das leuchtet ein, denn wer könnte etwa behaupten, dass der Einfluss der Kirche in den Vereinigten Staaten erst mit dem Tag begann, an dem der Katholik John F. Kennedy zum Präsidenten gewählt wurde?

Sie haben ab und zu gesagt, das Opus Dei sei eine »desorganisierte Organisation«. Können Sie unseren Lesern den Sinn dieser Formulierung erklären?

Damit will ich sagen, dass für uns die persönliche apostolische Spontaneität und die freie und verantwortliche, vom Wirken des Heiligen Geistes geleitete Initiative von grundlegender und erstrangiger Bedeutung sind. Das ist uns wichtiger als durchstrukturierte Organisation, taktische Weisungen und Pläne von oben.

Ein Mindestmaß an Organisation besteht selbstverständlich: Es gibt eine zentrale Leitung mit Sitz in Rom, die immer kollegial ist, und in den einzelnen Ländern ebenfalls kollegial handelnde Leitungsorgane, an deren Spitze ein Consiliarius2 steht. Aber die gesamte Tätigkeit dieser Organe beschränkt sich praktisch darauf, den Mitgliedern des Werkes die notwendige geistliche Hilfe für ihr religiöses Leben sowie eine angemessene geistliche, theologische und menschliche Formung zu vermitteln. Dann aber gilt der Spruch: Enten ins Wasser!, den ich gern benutze: Christen, heiligt alle Wege der Menschen, denn alle sind gezeichnet von den Spuren Gottes.

An diesem Punkt hat die Vereinigung als solche ihre Aufgabe beendet, das heißt jene Tätigkeit, um deretwillen sich die Mitglieder des Opus Dei dem Werk anschließen. Sie braucht keine weitere Anweisung mehr zu geben, noch soll und darf sie das tun; denn hier beginnt das freie, eigenverantwortliche, persönliche Wirken jedes einzelnen Mitglieds. Jeder einzelne handelt mit apostolischer Spontaneität und absoluter persönlicher Freiheit und bildet sich, angesichts der konkreten Entscheidungen, die er zu treffen hat, vor seinem Gewissen sein unabhängiges, eigenständiges Urteil. Und indem er seine Berufsarbeit, sei sie nun intellektueller oder handwerklicher Art, zu heiligen sucht, bemüht er sich, nach der christlichen Vollkommenheit zu streben und in seiner Umgebung ein christliches Zeugnis zu geben. Wenn ein jeder in seinem weltlichen Lebensbereich und in den zeitlichen Angelegenheiten autonom seine persönlichen Entscheidungen trifft, ergeben sich selbstverständlich Unterschiede in den Ansichten, Handlungsweisen und Entscheidungen der verschiedenen Mitglieder, mit einem Wort: es resultiert jene gesegnete Desorganisation, ein gerechter und notwendiger Pluralismus, der für das Opus Dei ein Wesensmerkmal guten Geistes darstellt und mir immer als die einzig rechte und angemessene Auffassung vom Laienapostolat erschienen ist.

Diese desorganisierte Organisation zeigt sich sogar in den korporativen apostolischen Einrichtungen, die das Opus Dei mit der Absicht gründet, auch als Vereinigung christliche Lösungen für die drängenden Probleme der Gesellschaft in den verschiedenen Ländern anzubieten. Solche Tätigkeiten und Unternehmungen des Opus Dei haben immer eine unmittelbar apostolische Zielsetzung, das heißt, es handelt sich um Bildungs- oder sonstige Wohlfahrtseinrichtungen. Da aber unsere Arbeitsweise gerade darin besteht, von der Basis ausgehende Initiativen anzuregen, und da zudem die Umstände, Erfordernisse und Möglichkeiten in jedem Land und jedem sozialen Milieu anders geartet sind, überlässt es die zentrale Leitung des Werkes den Leitungsorganen in den einzelnen Ländern, die praktisch über eine absolute Autonomie verfügen, in eigener Verantwortung diejenigen konkreten apostolischen Unternehmungen zu organisieren und zu fördern, die ihnen angebracht erscheinen: Hochschulen oder Studentenheime, Sanitätsstationen oder Landwirtschaftsschulen. Als logisches Ergebnis haben wir ein buntes und vielfältiges, eben organisiert desorganisiertes Mosaik von Tätigkeiten.

Welchen Beitrag das Opus Dei zu diesem Prozess geleistet hat? Vielleicht ist jetzt nicht der rechte geschichtliche Augenblick, um eine derart umfassende Wertung vorzunehmen. Obwohl sich das Zweite Vatikanische Konzil zu meiner großen Freude dieser Fragen ausführlich angenommen hat und obwohl zahlreiche Begriffe und Gegebenheiten im Zusammenhang mit dem Leben und der Sendung des Laien bereits durch das Lehramt ausreichend geklärt und bestätigt worden sind, bleibt trotzdem noch ein erheblicher Kern von Fragen übrig, die für die Theologie im ganzen gesehen noch echte Grenzprobleme darstellen. Was uns betrifft, so scheint uns innerhalb des Geistes, den Gott dem Opus Dei gegeben hat und dem wir trotz unserer persönlichen Unvollkommenheiten in Treue zu folgen suchen, der größte Teil dieser umstrittenen Fragen bereits in wunderbarer Art und Weise gelöst. Wir versuchen jedoch nicht, diese Lösungen als die einzig möglichen hinzustellen.

Wie ist demnach die ekklesiale Wirklichkeit des Opus Dei in das seelsorgliche Wirken der Gesamtkirche einzuordnen? Wie steht das Opus Dei zum Ökumenismus?

Es scheint mir wichtig, hier eine Klarstellung vorauszuschicken: Es wäre falsch, das Opus Dei mit dem Entwicklungsprozess des Standes der Vollkommenheit in der Kirche in Zusammenhang zu bringen, denn das Werk ist keineswegs eine moderne Form oder ein aggiornamento dieses Standes. Weder der theologische Begriff des status perfectionis – wie ihn der heilige Thomas, Suarez und andere Autoren in der Kirche ausgebildet haben – noch die verschiedenen juristischen Ausprägungen, die dieser theologische Begriff erfahren hat oder erfahren kann, haben irgend etwas mit der Spiritualität und der apostolischen Zielsetzung gemein, die Gott für unsere Vereinigung gewollt hat. Eine vollständige theologische Darlegung dieser Frage würde hier zu weit führen, aber es genügt, sich vor Augen zu halten, dass das Opus Dei weder an Gelübden noch an Versprechen, noch an irgendeiner anderen Form von Weihe seiner Mitglieder Interesse hat, die über jene Weihe hinausginge, welche alle Christen bereits in der Taufe empfangen haben. Unsere Vereinigung will unter keinen Umständen, dass sich der Stand ihrer Mitglieder verändert und dass sie aufhören, einfache Gläubige wie alle anderen zu sein, um dem besonderen status perfectionis anzugehören. Im Gegenteil, das Opus Dei wünscht und bemüht sich darum, dass seine Mitglieder innerhalb ihres eigenen Standes an dem konkreten Platz, den sie in der Kirche und in der Gesellschaft einnehmen, nach Heiligkeit streben und apostolisch wirksam sind. Wir holen niemanden von dort weg, wo er steht, und entfernen niemanden von seiner Arbeit, von seinem Engagement und seiner Verflechtung in die zeitliche Ordnung.

Das gesellschaftliche Phänomen, die Spiritualität und das Wirken des Opus Dei fügen sich in einen ganz anderen Bereich im Leben der Kirche ein. Sie gehören vielmehr in jenen Entfaltungsprozess der Theologie und des Lebens, der: die Laien immer mehr zur vollen Übernahme ihrer ekklesialen Verantwortung und ihrer spezifischen Teilnahme an der Sendung Christi und seiner Kirche führt. Darin besteht heute, wie in der ganzen, fast vierzigjährigen Geschichte des Werkes, die beständige, gelassene, aber zugleich dringende Sorge, durch die Gott in mir und in allen Mitgliedern des Werkes dem Wunsch, ihm zu dienen, Ausdruck verleihen wollte.

Welchen Beitrag das Opus Dei zu diesem Prozess geleistet hat? Vielleicht ist jetzt nicht der rechte geschichtliche Augenblick, um eine derart umfassende Wertung vorzunehmen. Obwohl sich das Zweite Vatikanische Konzil zu meiner großen Freude dieser Fragen ausführlich angenommen hat und obwohl zahlreiche Begriffe und Gegebenheiten im Zusammenhang mit dem Leben und der Sendung des Laien bereits durch das Lehramt ausreichend geklärt und bestätigt worden sind, bleibt trotzdem noch ein erheblicher Kern von Fragenübrig, die für die Theologie im ganzen gesehen noch echte Grenzprobleme darstellen. Was uns betrifft, so scheint uns innerhalb des Geistes, den Gott dem Opus Dei gegeben hat und dem wir trotz unserer persönlichen Unvollkommenheiten in Treue zu folgen suchen, der größte Teil dieser umstrittenen Fragen bereits in wunderbarer Art und Weise gelöst. Wir versuchen jedoch nicht, diese Lösungen als die einzig möglichen hinzustellen.

In eben diesem ekklesiologischen Entwicklungsprozess gibt es andererseits eine ganze Reihe von Aspekten, die eine herrliche Bereicherung der christlichen Lehre darstellen und zu denen – zusammen mit den wertvollen Beiträgen anderer gleichermaßen verdienter apostolischer Initiativen und Vereinigungen – nach Gottes Willen auch das Zeugnis und das Leben des Opus Dei nicht wenig beigetragen hat. Allerdings wird wahrscheinlich noch eine geraume Zeit vergehen, bis diese neuen theologischen Erkenntnisse im Leben der Gesamtheit des Volkes Gottes Wurzel schlagen. Sie selbst haben in Ihren vorausgehenden Fragen auf einige dieser Aspekte hingewiesen: die Entwicklung einer authentischen Laienspiritualität; das Verständnis für die besonderen, nicht kirchlich-offiziellen, sondern ekklesialen Aufgaben, die dem Laien eigen sind; die Herausarbeitung der Rechte und Pflichten, die ihm in seiner spezifischen Stellung als Laie zukommen; die Beziehungen zwischen Laie und Hierarchie; die Gleichheit der Würde von Mann und Frau in der Kirche und die gegenseitige Ergänzung in ihren Aufgaben; die Notwendigkeit einer angemessenen öffentlichen Meinung innerhalb des Volkes Gottes usw.

Das alles ist noch im Fluss, und die Entwicklung ist manchmal recht paradox. Die gleiche Aussage, an der noch vor vierzig Jahren fast alle oder, besser gesagt, alle Anstoß nahmen, wird heute praktisch als normal empfunden; und dennoch haben nur sehr wenige sie wirklich ganz begriffen und bemühen sich, auch ihr alltägliches Leben danach auszurichten.

Vielleicht lässt sich das besser an einem Beispiel erläutern: Um den Mitgliedern unserer Vereinigung einige Aspekte und Konsequenzen jener besonderen Würde und Verantwortung darzulegen, die sich aus der Taufe für den Christen ergeben, schrieb ich im Jahre 1932: »Man muss mit dem Vorurteil aufräumen, die gewöhnlichen Gläubigen könnten nichts anderes tun, als dem Klerus in kirchlichen Apostolatswerken zu helfen. Es gibt keinen Grund, warum sich das Apostolat der Laien auf eine bloße Teilnahme am hierarchischen Apostolat beschränken sollte, denn ihnen selbst kommt die ureigene Pflicht zu, apostolisch wirksam zu sein; und zwar nicht, weil sie etwa eine missio canonica erhalten haben, sondern ganz einfach, weil sie Teil der Kirche sind. Diese Aufgabe verwirklichen sie in ihrem Beruf, in ihrer Arbeit, in ihrer Familie, unter ihren Kollegen und Freunden.«

Aufgrund der feierlich verkündeten Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wird wahrscheinlich niemand mehr die Rechtgläubigkeit dieser Aussage in Zweifel ziehen. Aber wie viele haben denn tatsächlich bereits ihren bisherigen Begriff vom Laienapostolat revidiert und betrachten es nicht mehr als eine von oben nach unten durchorganisierte Seelsorgetätigkeit? Wer hat denn wirklich schon die alte monolithische Auffassung vom Apostolat der Laien überwunden und begriffen, dass es auch ohne streng zentralisierte Strukturen, ohne missio canonica und genaue Anweisungen der Hierarchie gehen kann und muss? Verwechseln denn alle jene, die den Laien als die longa manus Ecclesiae betrachten, nicht den Begriff der Kirche als Volk Gottes mit dem viel engeren Begriff der Hierarchie? Und wie viele Laien haben denn andererseits wirklich verstanden, dass sie kein Recht haben, ihrem legitimen Anspruch auf Unabhängigkeit im Apostolat Geltung zu verleihen, wenn sie nicht bereit sind, in feinfühliger Art und Weise die Verbundenheit mit der Hierarchie zu wahren?

Ähnliche Überlegungen ließen sich auch im Zusammenhang mit anderen Problemen anstellen; denn sowohl in der notwendigen theologischen Darstellung wie auch in der Gewissensbildung und in der Erneuerung der kirchlichen Gesetzgebung ist noch viel, sehr viel zu tun. Ich bitte den Herrn oft darum –das Gebet ist immer meine mächtigste Waffe gewesen –, dass der Heilige Geist seinem Volk und insbesondere der Hierarchie bei der Bewältigung dieser Aufgaben beisteht. Und zugleich bete ich dafür, dass sich der Herr auch weiterhin des Opus Dei bedienen möge, damit wir in allem, was uns betrifft, zu diesem schwierigen, aber zugleich wundervollen Prozess der Entfaltung und des Wachstums in der Kirche unseren Beitrag leisten.

»Wie steht das Opus Dei zum Ökumenismus«, fragten Sie außerdem. Im vergangenen Jahr habe ich einem französischen Journalisten von einer Begegnung mit Johannes XXIII. erzählt, und diese Anekdote hat meines Wissens ein Echo selbst in den Publikationen unserer getrennten Brüder ausgelöst. Damals sagte ich unter dem Eindruck seiner väterlichen Liebenswürdigkeit zu Papst Johannes: »Heiliger Vater, im Werk haben schon immer alle Menschen, ob sie nun katholisch sind oder nicht, einen Platz gefunden, an dem sie sich wohlfühlen; den Ökumenismus habe ich nicht erst von Eurer Heiligkeit gelernt.« Und Papst Johannes lachte innerlich bewegt, denn es war ihm bekannt, dass der Heilige Stuhl dem Opus Dei bereits im Jahre 1950 die Erlaubnis gegeben hatte, Nichtkatholiken und selbst Nichtchristen als Mitarbeiter aufzunehmen.

In der Tat fühlen sich nicht wenige unserer getrennten Brüder, unter ihnen auch Geistliche und sogar Bischöfe verschiedener Konfessionen, vom Geist des Opus Dei angezogen und arbeiten in unseren apostolischen Unternehmungen mit. Und im gleichen Maße, wie sich diese Kontakte verstärken, mehren sich die Zeichen von Sympathie und herzlichem Verständnis, weil die Mitglieder des Opus Dei es als Mitte ihrer Spiritualität betrachten, verantwortungsbewusst jene Anforderungen und Pflichten zu leben, die für den Christen aus der Taufe erwachsen. Der Geist und die Arbeitsweise des Opus Dei tragen in der Tat wesentlich zur Begegnung bei. So etwa der Wunsch nach christlicher Vollkommenheit und apostolischem Wirken gerade durch die Heiligung der eigenen beruflichen Arbeit; unser Leben mitten in den irdischen Realitäten, die – bei voller Achtung vor ihrer Eigengesetzlichkeit – durch Geist und Liebe kontemplativ lebender Menschen beseelt werden; der Vorrang, den wir in unserer Arbeit der menschlichen Person, dem Wirken des Heiligen Geistes im Menschen und der Achtung vor der aus der Gotteskindschaft stammenden Würde und Freiheit des Christen beimessen; und schließlich die Tatsache, dass wir, innerhalb der notwendigen Achtung vor dem Gemeinwohl, gegen jede monolithische und institutionalistische Auffassung vom Laienapostolat die Legitimität der Eigeninitiative verteidigen. In all dem finden unsere getrennten Brüder seit Jahren einen guten Teil jener theologischen Voraussetzungen praktisch gelebt vor, auf die sie und wir Katholiken berechtigterweise so viele ökumenische Hoffnungen setzen.

Um noch zu einem anderen Thema überzugehen: Wir würden gerne erfahren, wie Sie die augenblickliche Situation der Kirche beurteilen. Welche Bedeutung kommt Ihrer Meinung nach heutzutage jenen Tendenzen zu, die man im allgemeinen als »Progressismus« und »Integralismus« bezeichnet?

Meiner Ansicht nach kann man die augenblickliche theologische Situation in der Kirche als positiv und zugleich, wie bei jeder Wachstumskrise, als schwierig bezeichnen. Als positiv ohne Zweifel, denn der theologische Reichtum des Zweiten Vaticanum hat die gesamte Kirche, das ganze priesterliche Volk Gottes, in eine neue, höchst hoffnungsvolle Epoche geführt, in eine Zeit erneuter Treue gegenüber dem göttlichen Heilsplan, dessen Verwirklichung ihm anvertraut worden ist. Aber zugleich auch als schwierig, denn die theologischen Schlussfolgerungen, zu denen man gelangt ist, sind keineswegs abstrakt oder theoretisch; es handelt sich vielmehr um eine überaus lebendige Theologie mit unmittelbaren pastoralen, asketischen und kirchenrechtlichen Auswirkungen, die das innere und äußere Leben der christlichen Gemeinschaft in wesentlichen Punkten – Liturgie, hierarchische Strukturen, Apostolatsformen, Lehramt, Dialog mit der Welt, Ökumenismus usw. – berühren und so auch in das christliche Leben und selbst in das Gewissen des einzelnen Gläubigen hineinreichen.

Zwei Dinge müssen uns am Herzen liegen: die christliche Zuversicht, das heißt die freudige Gewissheit, dass der Heilige Geist die Lehre, mit der er die Kirche beschenkt hat, in reichem Maße fruchtbar werden lässt, und zugleich die notwendige Klugheit auf Seiten der Theologen und der Hierarchie; denn gerade jetzt würde es großen Schaden anrichten, wenn Ausgeglichenheit und abgewogenes Urteil beim Studium der anstehenden Probleme fehlten.

Welche Rolle im Augenblick die Tendenzen spielen, die Sie als »Progressismus« und »Integralismus« bezeichnen, kann ich schwer sagen, denn seit jeher habe ich es für unangebracht und sogar unmöglich gehalten, Sachverhalte in derartiger Form zu vereinfachen und zu katalogisieren. Diese Einteilung, die manchmal zu wahrhaft unsinnigen Extremen führt und die man künstlich zu verewigen sucht, so als ob die Theologen, ja sogar die Gläubigen in ihrer Gesamtheit, ständig bipolar ausgerichtet sein müssten, scheint mir letztlich in der Überzeugung zu wurzeln, dass der Fortschritt in der Theologie und im Leben des Volkes Gottes einzig als Ergebnis eines dauernden dialektischen Spannungsverhältnisses zu begreifen sei. Ich meinerseits ziehe es vor, aus ganzer Seele an das Wirken des Heiligen Geistes zu glauben, der weht, wo er will und in wem er will.

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Anmerkungen
1

Die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz ist eine Vereinigung, die mit der Prälatur untrennbar verbunden ist. Sie besteht aus den im Opus Dei inkardinierten Priestern sowie aus Priestern und Diakonen verschiedener Diözesen. Diese gehören nicht zum Klerus der Prälatur, sondern zum Presbyterium ihrer jeweiligen Diözese und unterstehen ausschließlich ihrem eigenen Ordinarius. Der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz treten sie bei, um sich gemäß der Spiritualität und Askese des Opus Dei zu heiligen. Der Prälat des Opus Dei ist zugleich Generalpräsident der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz.

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Anmerkungen
2

Vergleiche dazu die Einleitung zu diesem Buch. Einige Antworten, die sich auf juristische und organisatorische Aspekte beziehen, konnten noch nicht die Begrifflichkeit benutzen, die die Errichtung als Personalprälatur im Jahre 1982 mit sich brachte.

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