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Der Tod Christi ruft uns zu einem ganz und gar christlichen Leben
Wir haben uns das Drama von Kalvaria vergegenwärtigt, das ich die erste und ursprüngliche Heilige Messe nennen möchte, gefeiert von Jesus Christus selbst. Gott der Vater gibt seinen Sohn dem Tode preis. Jesus, der eingeborene Sohn, umarmt das Kreuz, das Werkzeug der Hinrichtung, und sein Opfer wird vom Vater angenommen: Als Frucht des Kreuzes ergießt sich der Heilige Geist über die Menschheit.6
In der Tragödie des Leidens Christi erfüllen sich unser eigenes Leben und die Geschichte der ganzen Menschheit. Die Karwoche kann nicht bloße Erinnerung sein, denn sie führt uns das Geheimnis Christi vor Augen, das sich in unseren Seelen fortsetzt; der Christ ist aufgerufen, alter Christus, ipse Christus, ein anderer Christus, Christus selbst zu sein. Durch die Taufe sind wir alle zu Priestern unseres eigenen Daseins bestellt worden: um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen7, damit wir jede unserer Handlungen im Geiste des Gehorsams gegenüber dem göttlichen Willen verrichten und so die Sendung des Gott-Menschen fortsetzen.
Aber gerade vor diesem Hintergrund heben sich unsere Fehler und Untaten besonders deutlich ab. Doch das darf uns nicht den Mut nehmen, noch in die Arme derjenigen treiben, die keine Ideale mehr haben. Denn der Herr will uns so, wie wir sind, damit wir an seinem Leben teilnehmen und kämpfen, um heilig zu werden. Heiligkeit: wie oft sprechen wir dieses Wort aus, als ob es eine leere Hülse wäre. Für viele ist sie sogar ein unerreichbares Ideal, ein asketischer Gemeinplatz, aber nicht ein konkretes Ziel und eine lebendige Wirklichkeit. So dachten die ersten Christen nicht, die sich oft und ganz selbstverständlich mit »Heiliger« anredeten: grüßt alle Heiligen8, grüßt jeden Heiligen in Christus Jesus9.
Jetzt, angesichts des Kalvarienberges, da Jesus schon gestorben ist und sich sein herrlicher Triumph noch nicht erwiesen hat, bietet sich uns eine günstige Gelegenheit, unseren Wunsch nach einem christlichen Leben und nach Heiligkeit zu prüfen, mit einem Akt des Glaubens auf unsere Erbärmlichkeit zu antworten und im Vertrauen auf die Macht Gottes den Vorsatz zu fassen, die alltäglichen Dinge mit Liebe zu tun. Die Erfahrung der Sünde muss uns schmerzen und zu einem reiferen und tieferen Entschluss führen, treu zu sein, wirklich mit Christus eins zu werden und – koste es, was es wolle – in jener priesterlichen Sendung auszuharren, die Er allen seinen Jüngern aufgetragen hat und die uns antreibt, Salz und Licht der Welt zu sein.10
Jesus Christus im Brot und im Wort begegnen
Wenn wir es verstehen, das Geheimnis Christi zu betrachten, wenn wir uns bemühen, Ihn mit reinen Augen zu sehen, wird uns aufgehen, dass es auch heute möglich ist, Jesus mit Leib und Seele ganz nahe zu kommen. Christus hat uns deutlich den Weg gewiesen: im Brot und im Wort; in der Nahrung der Eucharistie, im Kennenlernen und Erfüllen seiner Lehre, und indem wir Ihn im Gebet aufsuchen. So wird jeder, der mich isst, durch mich leben6. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.7
Das sind nicht bloße Versprechungen. Hier haben wir das Herzstück und die Wirklichkeit wahrhaftigen Lebens: des Lebens der Gnade, die uns zu einer persönlichen und unmittelbaren Begegnung mit Gott antreibt. Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.8 Diese Verheißung Jesu beim Letzten Abendmahl ist die beste Einstimmung auf den Tag der Himmelfahrt. Christus wusste, dass Er gehen musste; denn nach der Himmelfahrt sollte auf eine geheimnisvolle Weise, die wir nie ganz ergründen werden, in einem erneuten Ausströmen göttlicher Liebe die dritte Person der Heiligsten Dreifaltigkeit kommen: Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich Ihn zu euch senden.9
Er ist weggegangen und hat uns den Heiligen Geist gesandt, der unsere Seele führt und heiligt. In uns wirkend, bestätigt der Tröster, was Christus uns verheißen hatte: dass wir Kinder Gottes sind: Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!10
Seht, das ist das Wirken der Dreifaltigkeit in uns. Jeder Christ hat Zugang zu dieser Einwohnung Gottes in seinem Innersten, wenn er der Gnade entspricht, die zur Vereinigung mit Christus im Brot und im Wort, in der Eucharistie und im Gebet führt. Die Kirche erinnert uns jeden Tag an die Wirklichkeit des lebendigen Brotes und widmet der Eucharistie zwei Festtage im liturgischen Jahr: Gründonnerstag und Fronleichnam. An diesem Tag der Himmelfahrt wollen wir betrachten, wie wir Christus begegnen durch das aufmerksame Hören des Wortes.
Mit der Schilderung der Geschehnisse an jenem Pfingsttage, an dem der Heilige Geist in der Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger des Herrn herabkam, lässt uns die Apostelgeschichte jene gewaltige Äußerung der Macht Gottes erleben, die am Anfang des Weges der Kirche in die Nationen steht. Damals offenbarte sich mit göttlicher Klarheit der Sieg über Tod und Sünde, den Christus durch seinen Gehorsam, sein Kreuzesopfer und seine Auferstehung errungen hatte.
Die Jünger, bereits Zeugen der Herrlichkeit des Auferstandenen, empfingen nunmehr die Kraft des Heiligen Geistes, ihr Verstand und ihr Herz öffneten sich einem neuen Licht. Sie waren Christus gefolgt und hatten im Glauben seine Lehre angenommen, aber nicht immer vermochten sie diese Lehre ganz zu erfassen: noch musste der Geist der Wahrheit kommen, der sie in die volle Wahrheit einführen würde.1 Sie wussten, dass sie nur in Jesus Worte ewigen Lebens finden konnten, sie waren auch bereit, Ihm zu folgen und für Ihn das Leben hinzugeben, aber sie waren schwach, und als die Stunde der Prüfung kam, waren sie geflohen, hatten sie Ihn allein gelassen. Am Pfingsttag war all dies vorüber: Der Heilige Geist, der Geist der Stärke, hat ihnen Standhaftigkeit, Sicherheit und Kühnheit gegeben. Auf den Straßen und in den Gassen Jerusalems hört man das mutige und gewinnende Wort der Apostel.
Männer und Frauen aus vielen Gegenden, die an jenen Tagen in Jerusalem weilen, hören und staunen: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.2 Die Wunder, die vor ihren Augen geschehen, wecken ihre Aufmerksamkeit für die Predigt der Apostel. Derselbe Heilige Geist, der in den Jüngern des Herrn wirkt, berührt ihre Herzen und führt sie zum Glauben.
Lukas berichtet, dass viele Menschen, die das Zeugnis des Petrus über die Auferstehung Christi gehört hatten, näher kamen und fragten: Was sollen wir tun, Brüder? Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. An jenem Tag – so schließt der Bericht – wurden etwa dreitausend Menschen in die Kirche aufgenommen.3
Das machtvolle Kommen des Heiligen Geistes am Pfingsttage war kein isoliertes Geschehen. Es gibt kaum eine Seite der Apostelgeschichte, auf der nicht von Ihm und seinem Wirken gesprochen wird, welches Leben und Wandel der urchristlichen Gemeinde leitet und beseelt: Er gibt Petrus das Wort der Verkündigung ein4, Er stärkt den Glauben der Jünger5, Er besiegelt mit seinem Kommen den Ruf an die Heiden6, Er sendet Paulus und Barnabas in entfernte Länder, damit sie der Lehre Christi neue Wege öffnen7. Seine Gegenwart und sein Wirken sind allbeherrschend.
Was Pfingsten für uns bedeutet
Die tiefe Wirklichkeit, die uns diese Texte der Heiligen Schrift erschließen, ist nicht Erinnerung an Vergangenes, nicht ein goldenes Zeitalter der Kirche, das in der Geschichte versunken ist. Diese Wirklichkeit ist trotz der Armseligkeiten und der Sünden eines jeden von uns die Wirklichkeit der Kirche heute und zu allen Zeiten. Ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll8, sagte der Herr zu seinen Jüngern. Jesus Christus hat seine Verheißungen erfüllt: Er ist auferstanden, in den Himmel aufgefahren, und in der Einheit des ewigen Vaters sendet Er uns den Heiligen Geist, auf dass Er uns heilige und das Leben gebe.
Die Kraft und die Macht Gottes erhellen das Angesicht der Erde. Der Heilige Geist steht fortwährend der Kirche Christi bei, damit sie immer und in allem das erhobene Zeichen für die Völker sei, das den Menschen die Güte und die Liebe Gottes verkündigt.9 Mag unsere Enge auch noch so bedrückend sein, wir Menschen dürfen mit Vertrauen auf den Himmel blicken und voll Freude sein: denn Gott liebt uns und befreit uns von unseren Sünden. Die Gegenwart und das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche sind Unterpfand und Verheißung der ewigen Seligkeit, der Freude und des Friedens, die Gott uns bereitet.
Auch wir haben die Taufe empfangen wie jene der ersten Stunde, die am Pfingsttage zu Petrus kamen. In der Taufe hat Gott, unser Vater, von unserem Leben Besitz ergriffen, es dem Leben Christi eingegliedert und uns den Heiligen Geist gesandt. Wie uns die Heilige Schrift sagt: Gott hat uns zum Heile geführt durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat Er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.10
Aber die Erfahrung der eigenen Schwäche und Fehlerhaftigkeit, die Ernüchterung, die die schmerzliche Engstirnigkeit oder gar die Niedertracht mancher, die sich Christen nennen, verursacht, ein scheinbares Scheitern oder die Verwirrung, die in dieser oder jener apostolischen Unternehmung herrscht, kurz, die Berührung mit der Wirklichkeit der Sünde und der menschlichen Beschränktheit kann zu einer Probe für den Glauben werden und Versuchung und Zweifel aufkommen lassen: Wo sind in all dem die Kraft und die Macht Gottes? In einem solchen Augenblick müssen wir noch lauterer und noch fester die Hoffnung leben und so versuchen, unsere Treue noch beständiger zu machen.
Mitten in der Begrenztheit unseres gegenwärtigen Standes, in dem die Sünde noch wirksam ist, kann der Christ mit neuer Klarheit den Reichtum seiner Gotteskindschaft vernehmen, wenn er sich als Freier sieht, der frei in den Dingen seines Vaters arbeitet, und wenn seine Freude beständig wird, weil es nichts gibt, das seine Hoffnung zerstören könnte.
Genau dann ist der Christ auch fähig, die Schönheiten und Herrlichkeiten der Erde zu bewundern, ihren Reichtum und ihr Gutsein zu begreifen und mit jener Macht und Reinheit zu lieben, für die unser menschliches Herz geschaffen ist. Dann entartet der Schmerz angesichts der Sünde nicht in Verzweiflung oder Überheblichkeit, weil uns die Zerknirschung und das Bewusstsein der eigenen Schwachheit dazu führen, uns von neuem mit dem Erlösungswillen Christi zu vereinigen und unsere Solidarität mit allen Menschen tiefer zu erfahren. Dann schließlich erfährt der Christ die innere Sicherheit aus der Kraft des Heiligen Geistes und lässt sich nicht durch sein eigenes Stolpern bezwingen; sein Stolpern ist vielmehr Aufforderung zu einem neuen Anfang und zu einer erneuten Treue als Zeuge Christi auf allen Wegen der Erde, und dies trotz unseres persönlichen Versagens; eines Versagens, das in diesen Fällen meist nur in leichten Verfehlungen bestehen wird, die unsere Seele kaum beflecken; aber selbst wenn es sich um schwere Fehler handeln sollte, erlangt der Christ im reumütigen Empfang des Sakramentes der Buße den Frieden mit Gott zurück und kann von neuem ein tauglicher Zeuge der göttlichen Barmherzigkeit sein.
Dies ist – gedrängt und mit allen Unzulänglichkeiten der menschlichen Sprache – der Reichtum des Glaubens und des Lebens eines Christen, der sich vom Heiligen Geist leiten lässt. Ihn erschöpfend darzustellen, ist unmöglich. So können wir zum Abschluss nichts anderes tun, als uns dem anzuschließen, was die Liturgie uns am Pfingsttag wie ein Echo des ständigen Gebetes der ganzen Kirche beten lässt: »Komm, Schöpfer Geist, suche den Geist der Deinigen heim und erfülle mit himmlischer Gnade die Herzen, die Du erschaffen hast. Gib, dass wir durch Dich vom Vater wissen, dass wir auch den Sohn erkennen und dass wir an Dich, den Geist, aus beiden hervorgehend, immer glauben.«38
Vgl. Röm 3, 24 ff.; Hebr 10, 5 ff.; Joh 7, 39.
1 Petr 2, 5.
Röm 16, 15.
Phil 4, 21.
Vgl. Mt 5, 13-14.
Joh 6, 57.
Joh 14, 21.
Joh 15, 10.
Joh 16, 7.
Röm 8, 15.
Vgl. Joh 16, 12-13.
Apg 2, 9-11.
Vgl. Apg 2, 37-41.
Vgl. Apg 4, 8.
Vgl. Apg 4, 31.
Vgl. Apg 10, 44-47.
Vgl. Apg 13, 2-4.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/es-cristo-que-pasa/11490/ (09.05.2026)