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Es gibt 2 Nummer in «Christus begegnen » deren Stichwort lautet Geschichte → Christentum angesichts der Menschheitsgeschichte.

Der Christ und die Geschichte der Menschheit

Christsein bedeutet nicht Anspruch auf rein persönliche Befriedigung: Name und Inhalt zielen auf eine Sendung. Wir haben schon gesehen, dass der Herr alle Christen auffordert, Salz und Licht der Welt zu sein. Der heilige Petrus wiederholt diesen Auftrag und beschreibt ihn sehr klar mit Worten aus dem Alten Testament: Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.14

Christsein ist keine Nebensache, sondern eine gottgewollte Wirklichkeit, die unser Innerstes erfasst und uns den klaren Blick und den entschiedenen Willen gibt, so zu handeln, wie Gott es will. So lernen wir, dass die Pilgerschaft des Christen in der Welt sich in einen ständigen Dienst verwandeln muss, der zwar verschieden geartet ist, je nach den persönlichen Umständen, aber immer aus Liebe zu Gott und zum Nächsten geleistet wird. Christsein ist ein Tun, das nicht an kleinliche, von Ansehen und Ehrgeiz diktierte Ziele denkt oder an solche, die als höher gelten können, wie etwa die Philanthropie oder das Mitleid mit der Not der anderen; es ist das Vordringen bis zum Äußersten einer radikalen Liebe, die Christus bezeugte, als Er für uns starb.

Manche Lebenshaltungen verraten ein Unvermögen, in dieses Geheimnis Christi einzudringen. So ist es zum Beispiel bei jenen, die im Christsein nur ein Bündel von Andachten oder Frömmigkeitsübungen sehen, ohne zu begreifen, dass es die Situationen des täglichen Lebens, ein Gespür für die Not der anderen und die Beseitigung der Ungerechtigkeit einschließt.

Mir scheint, dass Menschen mit dieser Mentalität noch nicht begriffen haben, was es bedeutet, dass der Sohn Gottes Mensch geworden ist, dass Er Leib, Seele und Stimme des Menschen angenommen und unser Los bis zur letzten Zerreißprobe des Todes geteilt hat. Vielleicht betrachten manche unbewusst Christus als einen Fremdling unter den Menschen.

Andere wiederum neigen zu der Meinung, das christliche Dogma müsse, um für die Menschen akzeptabel zu sein, in einigen wesentlichen Aussagen abgeschwächt werden; sie tun so, als ob das Gebetsleben und der ständige Umgang mit Gott eine Flucht vor der Verantwortung und ein Verlassen der Welt seien. Sie vergessen, dass es gerade Jesus war, der uns zeigte, bis zu welchem Grad Lieben und Dienen gehen müssen. Nur wenn wir versuchen, das Geheimnis der Liebe Gottes zu verstehen – einer Liebe bis zum Tod –, werden wir fähig, ganz für die anderen dazusein, ohne dass Schwierigkeiten oder Gleichgültigkeit uns etwas anhaben können.

Es ist der Glaube an den gestorbenen und auferstandenen Christus, immer und in jedem Augenblick unseres Lebens gegenwärtig, der unser Gewissen erleuchtet und uns antreibt, an den Aufgaben und Problemen der Menschheitsgeschichte teilzunehmen. In dieser Geschichte, die mit der Erschaffung der Welt ihren Anfang nahm und mit der Vollendung der Zeiten enden wird, ist der Christ kein Heimatloser; er ist Bürger der irdischen Stadt, seine Seele ist erfüllt von dem Verlangen nach Gott, dessen Liebe er schon jetzt zu ahnen beginnt und in dem er das Ziel erkennt, zu dem alle Menschen berufen sind.

Was mein persönliches Zeugnis anbelangt, möchte ich sagen, dass ich meine Arbeit als Priester und Seelsorger immer als die Aufgabe verstanden habe, jeden einzelnen uneingeschränkt mit den Forderungen seines Lebens zu konfrontieren, ihm zu helfen, herauszufinden, was Gott konkret von ihm verlangt, ohne die Unabhängigkeit und Eigenverantwortung, die ein christliches Gewissen charakterisieren, in irgendeiner Weise anzutasten. Diese Einstellung gründet auf dem Respekt vor der Tragweite der geoffenbarten Wahrheit und auf der Liebe zur Freiheit des Menschen. Es ließe sich hinzufügen, dass sie auch auf der Gewissheit beruht, dass die Geschichte nicht determiniert, sondern offen ist für vielfältige Möglichkeiten, die Gott nicht einengen will.

Christus nachfolgen bedeutet nicht, sich in den Tempel flüchten und angesichts der Entwicklung der Gesellschaft, der Ruhmes- oder Greueltaten der Menschen und Völker die Achseln zucken. Nein, der christliche Glaube führt uns dazu, die Welt als Schöpfung des Herrn zu sehen und deshalb alles Edle und Schöne zu schätzen, die Würde eines jeden Menschen – als Ebenbild Gottes – anzuerkennen und die Freiheit als das ganz besondere Geschenk zu bewundern, das uns zum Herrn unseres Handelns macht und uns – mit der Gnade Gottes – unser ewiges Los bestimmen lässt.

Es hieße den Glauben verstümmeln, wollte man ihn auf eine diesseitige Ideologie beschränken, wollte man ihn zum Wahrzeichen eines politisch-religiösen Programms machen und in seinem Namen, aufgrund einer unerfindlichen göttlichen Bevollmächtigung, andere verurteilen, und dies nur, weil sie anders in Fragen denken, die ihrem Wesen nach vielfältige Lösungen erlauben.

Anmerkungen
14

1 Petr 2, 9.

Verzeichnis der Schriftstellen