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Wenn wir in großen Zügen einen Lebensstil umreißen wollen, der uns zum Umgang mit dem Heiligen Geist – und zusammen mit Ihm zum Umgang mit dem Vater und dem Sohn – führt, müssen wir drei Grundhaltungen hervorheben: Fügsamkeit – wir sprachen schon von ihr –, Gebetsleben, Liebe zum Kreuz.
Zuerst ist Fügsamkeit nötig, denn der Heilige Geist will mit seinen Eingebungen unseren Gedanken, Werken und Wünschen einen übernatürlichen Ton verleihen. Er treibt uns dazu an, die Lehre Christi zu bejahen und uns zutiefst anzueignen, Er erleuchtet uns, damit wir uns unserer persönlichen Berufung bewusst werden, und stärkt uns, damit wir tun, was Gott von uns erwartet. Wenn wir dem Heiligen Geist gegenüber fügsam sind, wird das Bild Christi in uns immer deutlicher Gestalt annehmen, und dann werden wir Gott dem Vater jeden Tag näherkommen. Denn die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.29
Wenn wir uns von dem in uns wohnenden Lebenshauch, dem Heiligen Geist, leiten lassen, wird unser geistliches Leben immer weiter wachsen; wir werden uns dann der Hand Gottes, unseres Vaters, mit der Spontaneität und dem Vertrauen eines Kindes überlassen, das sich in die Arme seines Vaters wirft. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen, sagt der Herr.30 Dies ist der alte und doch immer aktuelle innere Weg der geistlichen Kindschaft, er ist weder kindisch noch unreif, sondern vielmehr Weg der übernatürlichen Mündigkeit, der uns zur Herrlichkeit der göttlichen Liebe führt, uns unsere Niedrigkeit anerkennen lässt und unseren Willen mit dem Willen Gottes gleichförmig macht.
Sodann ist Gebetsleben nötig, denn die Hingabe, der Gehorsam und die Milde des Christen kommen aus der Liebe und führen zu ihr hin. Diese Liebe will Umgang, Gespräch, Freundschaft. Das christliche Leben verlangt einen ständigen Dialog mit dem dreieinigen Gott, und zu diesem innigen Verbundensein führt uns der Heilige Geist. Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes.31 Durch den vertrauten Umgang mit dem Heiligen Geist werden wir selbst vergeistigt, fühlen wir uns als Brüder Christi und Kinder Gottes, den wir ohne Zaudern unseren Vater nennen.32
Gewöhnen wir uns an den Umgang mit dem Heiligen Geist, denn Er soll uns heiligen; haben wir Vertrauen zu Ihm, bitten wir um seinen Beistand, spüren wir seine Nähe. Unser Herz wird weit und unser Verlangen stärker werden, Gott und durch Gott alle Menschen zu lieben. So wird in unserem Leben jene Vision gegenwärtig sein, mit der die Geheime Offenbarung schließt: Der Geist und die Braut, der Heilige Geist und die Kirche – und jeder Christ – wenden sich an Jesus, wenden sich an Christus und bitten Ihn, Er möge kommen und für immer bei uns bleiben.33
Liebe zum Kreuz schließlich, denn im Leben Christi ging der Auferstehung und Pfingsten das Golgota voraus, und so muss es auch im Leben des Christen sein. Wir sind Miterben Christi, wie Paulus sagt, wenn wir mit Ihm leiden, um mit Ihm auch verherrlicht zu werden34. Der Heilige Geist ist Frucht des Kreuzes, der Ganzhingabe an Gott, der ausschließlichen Suche seiner Ehre und der gänzlichen Preisgabe unserer selbst.
Wenn der Mensch sich in Treue gegenüber der Gnade entschieden hat, das Kreuz in der Mitte seines Ichs aufzurichten, aus Liebe zu Gott sich selbst zu verleugnen, sich vom Egoismus zu lösen und von jeder trügerischen menschlichen Sicherheit, und wenn er so wirklich aus dem Glauben lebt, dann und nur dann empfängt er in Fülle das Feuer, das Licht und den Trost des Heiligen Geistes.
Dann erfüllt sich die Seele mit jenem Frieden und jener Freiheit, die Christus für uns errungen hat35 und die wir mit der Gnade des Heiligen Geistes empfangen. Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit36. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.37
Mitten in der Begrenztheit unseres gegenwärtigen Standes, in dem die Sünde noch wirksam ist, kann der Christ mit neuer Klarheit den Reichtum seiner Gotteskindschaft vernehmen, wenn er sich als Freier sieht, der frei in den Dingen seines Vaters arbeitet, und wenn seine Freude beständig wird, weil es nichts gibt, das seine Hoffnung zerstören könnte.
Genau dann ist der Christ auch fähig, die Schönheiten und Herrlichkeiten der Erde zu bewundern, ihren Reichtum und ihr Gutsein zu begreifen und mit jener Macht und Reinheit zu lieben, für die unser menschliches Herz geschaffen ist. Dann entartet der Schmerz angesichts der Sünde nicht in Verzweiflung oder Überheblichkeit, weil uns die Zerknirschung und das Bewusstsein der eigenen Schwachheit dazu führen, uns von neuem mit dem Erlösungswillen Christi zu vereinigen und unsere Solidarität mit allen Menschen tiefer zu erfahren. Dann schließlich erfährt der Christ die innere Sicherheit aus der Kraft des Heiligen Geistes und lässt sich nicht durch sein eigenes Stolpern bezwingen; sein Stolpern ist vielmehr Aufforderung zu einem neuen Anfang und zu einer erneuten Treue als Zeuge Christi auf allen Wegen der Erde, und dies trotz unseres persönlichen Versagens; eines Versagens, das in diesen Fällen meist nur in leichten Verfehlungen bestehen wird, die unsere Seele kaum beflecken; aber selbst wenn es sich um schwere Fehler handeln sollte, erlangt der Christ im reumütigen Empfang des Sakramentes der Buße den Frieden mit Gott zurück und kann von neuem ein tauglicher Zeuge der göttlichen Barmherzigkeit sein.
Dies ist – gedrängt und mit allen Unzulänglichkeiten der menschlichen Sprache – der Reichtum des Glaubens und des Lebens eines Christen, der sich vom Heiligen Geist leiten lässt. Ihn erschöpfend darzustellen, ist unmöglich. So können wir zum Abschluss nichts anderes tun, als uns dem anzuschließen, was die Liturgie uns am Pfingsttag wie ein Echo des ständigen Gebetes der ganzen Kirche beten lässt: »Komm, Schöpfer Geist, suche den Geist der Deinigen heim und erfülle mit himmlischer Gnade die Herzen, die Du erschaffen hast. Gib, dass wir durch Dich vom Vater wissen, dass wir auch den Sohn erkennen und dass wir an Dich, den Geist, aus beiden hervorgehend, immer glauben.«38
1 Kor 2, 11.
Vgl. Gal 4, 6; Röm 8, 15.
Vgl. Offb 22, 17.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/es-cristo-que-pasa/12457/ (08.05.2026)