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Im Herzen seines Sohnes hat uns Gott Vater unendliche Schätze der Liebe, infinitos dilectionis thesauros1, des Erbarmens und der Zuneigung geschenkt. Wollen wir die Gewissheit haben, dass Gott uns liebt und nicht nur unser Beten erhört, sondern uns noch zuvorkommt, genügt es, dem Gedankengang des heiligen Paulus zu folgen: Er hat seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben – wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?2
Die Gnade erneuert den Menschen von innen her und macht aus ihm, einem Sünder und Rebellen, einen guten und treuen Knecht.3 Und alle Gnade entspringt aus der Liebe, die Gott uns erweist und uns geoffenbart hat: nicht allein mit Worten, auch mit Taten. Die göttliche Liebe lässt die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, das Wort, den Sohn Gottes des Vaters, unser Fleisch annehmen, das heißt unser Menschsein, die Sünde ausgenommen. Und dieses Wort Gottes est verbum spirans amorem, ist das Wort, aus dem die Liebe hervorgeht.4
Die Liebe offenbart sich uns in der Menschwerdung, in jenem erlösenden Wandel Christi auf Erden, der Ihn bis zum letzten Opfer am Kreuz führt. Und diese Liebe äußert sich am Kreuz mit einem neuen Zeichen: Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus5. Wasser und Blut Jesu zeugen von einer Hingabe bis zum äußersten, bis zum consummatum est6, es ist vollbracht, aus Liebe.
Wenn wir am heutigen Fest wieder einmal die zentralen Geheimnisse unseres Glaubens betrachten, bewegt es uns zu sehen, wie die tiefsten Wirklichkeiten – die Liebe Gottes des Vaters, der seinen Sohn hingibt, und die Liebe des Sohnes, der dem Golgota gelassen entgegengeht – in so menschennahen Gesten Gestalt gewinnen. Gott spricht uns nicht als der Mächtige und Herrscher an, Er nähert sich uns, Er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich7. Jesus erscheint niemals fremd oder fern. Wohl erscheint Er manchmal in der Zeit seines öffentlichen Wirkens wie befremdet und schmerzlich betroffen von der menschlichen Bosheit; sehen wir aber etwas näher hin, so bemerken wir sogleich, dass sein Ärger und sein Zorn aus der Liebe kommen: Sie sind eine weitere Aufforderung dazu, der Untreue und der Sünde zu entsagen. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?8 Diese Worte erklären uns das ganze Leben Christi und lassen uns begreifen, warum Er uns entgegengeht mit einem Herzen aus Fleisch, mit einem Herzen wie unser Herz – ein nachhaltiger Beweis und ein ständiges Zeugnis des unsagbaren Geheimnisses der göttlichen Liebe.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/es-cristo-que-pasa/162/ (07.05.2026)