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Heute und gestern

Die Liturgie des Palmsonntag legt den Christen diesen Gesang in den Mund: »Weitet euch, ihr Tore, erhebt euch, ihr alten Pforten, dass einziehen kann der König der Herrlichkeit.«21 Wer sich in der Bastion seines Egoismus verschanzt, wird nicht das Schlachtfeld suchen. Wenn er freilich die Tore öffnet und den König des Friedens einlässt, wird er gemeinsam mit Ihm den Kampf aufnehmen gegen alles Erbärmliche, das den Blick trübt und das Gewissen stumpf macht.

Öffnet die alten Pforten. Diese Aufforderung zum Kampf ist nichts Neues im Christentum. Es ist die ewige Wahrheit. Ohne Kampf kein Sieg. Ohne Sieg kein Frieden. Und ohne Frieden ist die Freude des Menschen nur Schein und Trug; sie bleibt unfruchtbar, sie drängt nicht dazu, den Menschen zu helfen, Werke der Liebe zu tun und der Gerechtigkeit, des Verzeihens und Erbarmens, des Dienens vor Gott.

Heute gewinnt man den Eindruck, dass viele, innerhalb wie außerhalb der Kirche, oben wie unten, zu kämpfen aufgehört haben, den persönlichen Krieg gegen das eigene Versagen eingestellt und sich in voller Waffenrüstung der Knechtschaft ausgeliefert haben, die die Seele erniedrigt. Diese Gefahr droht uns Christen immer.

Deshalb tut es not, die Heiligste Dreifaltigkeit inständig zu bitten, Sie möge sich unser aller erbarmen. Wenn ich von diesen Dingen spreche, erzittere ich beim Gedanken an die Gerechtigkeit Gottes. Doch ich nehme meine Zuflucht zu seiner Barmherzigkeit und seinem Erbarmen, damit Er nicht auf unsere Sünden schaue, sondern auf die Verdienste Christi und seiner heiligen Mutter – die auch unsere Mutter ist – und auf die Verdienste des heiligen Josef, der Ihm Vater war, und die Verdienste aller Heiligen.

Am heutigen Fest lesen wir in den Messtexten, dass Gott den Christen bei der Hand nimmt. Wir alle können in dieser Gewissheit leben, wenn wir nur bereit sind zu kämpfen. Jesus, der auf einem armseligen Esel in Jerusalem einzieht, Er, der König des Friedens, hat gesagt: dem Himmelreich wird Gewalt angetan, und Gewalttätige reißen es an sich.22 Diese Gewalt ist nicht gegen andere gerichtet. Sie ist die Stärke im Kampf gegen die eigenen Schwächen und Erbärmlichkeiten, der Mut, die persönlichen Treulosigkeiten nicht zu vertuschen, und die Kühnheit, den Glauben auch in feindseliger Umgebung zu bekennen.

Heute wie gestern wird vom Christen erwartet, dass er heroisch lebt. Heroisch, wenn es nötig ist, in den großen Kämpfen. Heroisch – und das wird das Normale sein – in den kleinen, alltäglichen Dingen. Wenn wir ohne Unterlass kämpfen, aus Liebe und in dem, was scheinbar bedeutungslos ist, dann wird der Herr seinen Kindern zur Seite stehen wie ein liebevoller Hirte: Ich, ich selber werde meine Schafe weiden und ich, ich selber werde sie ruhen lassen. Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebene werde ich zurückbringen, das Verletzte werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen … Sie werden auf ihrem Ackerboden sicher sein. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich die Stangen ihres Jochs zerbreche und sie aus der Hand derer rette, die sie versklaven.23

Anmerkungen
21

Antiphon zur Austeilung der Zweige.

22

Mt 11, 12.

23

Ez 34, 15-16; 27.

Verzeichnis der Schriftstellen
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