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Die Erfahrung der Sünde darf uns daher an unserer Sendung nicht zweifeln lassen. Sicherlich können unsere Sünden es erschweren, Christus zu erkennen. Darum müssen wir gegen unsere eigenen Armseligkeiten ankämpfen und Läuterung suchen. Dieses aber in dem Bewusstsein, dass Gott uns in diesem Leben keinen endgültigen Sieg über das Böse verheißen hat, sondern von uns Kampf fordert. Sufficit tibi gratia mea34, meine Gnade genügt dir, war die Antwort des Herrn an Paulus, der Ihn darum bat, von dem demütigenden Stachel befreit zu werden.
Die Macht Gottes offenbart sich in unserer Schwäche, und sie treibt uns an, zu kämpfen und gegen unsere Fehler anzugehen, obgleich wir wissen, dass wir auf Erden niemals einen vollständigen Sieg erringen werden. Das christliche Leben ist ein dauerndes Beginnen und Wieder-Beginnen, eine tagtägliche Erneuerung.
Christi Auferstehung wird in uns Wirklichkeit, wenn wir zu Teilhabern seines Kreuzes und seines Todes werden. Wir müssen das Kreuz lieben, die Hingabe und die Entsagung. Christlicher Optimismus ist nicht leichtfertig und auch nicht ein bloß menschliches Vertrauen darauf, dass schon alles gutgehen wird. Er hat seine Wurzeln im Bewusstsein der Freiheit und im Glauben an die Gnade; er führt dazu, dass wir von uns selbst etwas verlangen und uns anstrengen, dem Ruf Gottes zu entsprechen.
So offenbart sich Christus nicht trotz unseres Elendes, sondern gewissermaßen durch unser Elend, durch das Leben von Menschen, die aus Fleisch und Lehm sind: Er offenbart sich in unserem Bemühen, besser zu werden, eine Liebe zu verwirklichen, die danach trachtet, rein zu sein, den Egoismus zu beherrschen und uns den anderen ganz hinzugeben, indem wir unser Leben zu einem ständigen Dienst werden lassen.
Wirksamkeit der Eucharistie
Als der Herr beim Letzten Abendmahl die heilige Eucharistie einsetzte, war es Nacht: »Das deutete darauf hin«, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, »dass die Zeit sich erfüllt hatte.«13 Es wurde Nacht in der Welt, weil die alten Riten, ehrwürdige Zeichen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes gegenüber den Menschen, vor ihrer Erfüllung standen und in die wahre Morgendämmerung einmündeten: in das neue Pascha. Die Eucharistie wurde in der Nacht eingesetzt, sie bereitete den Morgen der Auferstehung vor.
Auch in unserem Leben müssen wir diese Morgendämmerung vorbereiten. Alles Vergängliche, alles Schädliche, alles Untaugliche – Mutlosigkeit, Misstrauen, Traurigkeit, Feigheit – müssen wir von uns werfen. Die heilige Eucharistie erfüllt die Kinder Gottes mit neuem Leben aus Gott, und wir müssen darauf in novitate sensus14, mit einer Erneuerung unseres ganzen Empfindens und unseres ganzen Tuns antworten. Uns ist eine neue Quelle der Kraft gegeben, eine starke Wurzel, die in Christus eingesenkt ist. Wir können nicht mehr zum alten Sauerteig zurückkehren, denn wir besitzen für heute und für immer das Brot.
Im Herzen seines Sohnes hat uns Gott Vater unendliche Schätze der Liebe, infinitos dilectionis thesauros1, des Erbarmens und der Zuneigung geschenkt. Wollen wir die Gewissheit haben, dass Gott uns liebt und nicht nur unser Beten erhört, sondern uns noch zuvorkommt, genügt es, dem Gedankengang des heiligen Paulus zu folgen: Er hat seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben – wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?2
Die Gnade erneuert den Menschen von innen her und macht aus ihm, einem Sünder und Rebellen, einen guten und treuen Knecht.3 Und alle Gnade entspringt aus der Liebe, die Gott uns erweist und uns geoffenbart hat: nicht allein mit Worten, auch mit Taten. Die göttliche Liebe lässt die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit, das Wort, den Sohn Gottes des Vaters, unser Fleisch annehmen, das heißt unser Menschsein, die Sünde ausgenommen. Und dieses Wort Gottes est verbum spirans amorem, ist das Wort, aus dem die Liebe hervorgeht.4
Die Liebe offenbart sich uns in der Menschwerdung, in jenem erlösenden Wandel Christi auf Erden, der Ihn bis zum letzten Opfer am Kreuz führt. Und diese Liebe äußert sich am Kreuz mit einem neuen Zeichen: Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus5. Wasser und Blut Jesu zeugen von einer Hingabe bis zum äußersten, bis zum consummatum est6, es ist vollbracht, aus Liebe.
Wenn wir am heutigen Fest wieder einmal die zentralen Geheimnisse unseres Glaubens betrachten, bewegt es uns zu sehen, wie die tiefsten Wirklichkeiten – die Liebe Gottes des Vaters, der seinen Sohn hingibt, und die Liebe des Sohnes, der dem Golgota gelassen entgegengeht – in so menschennahen Gesten Gestalt gewinnen. Gott spricht uns nicht als der Mächtige und Herrscher an, Er nähert sich uns, Er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich7. Jesus erscheint niemals fremd oder fern. Wohl erscheint Er manchmal in der Zeit seines öffentlichen Wirkens wie befremdet und schmerzlich betroffen von der menschlichen Bosheit; sehen wir aber etwas näher hin, so bemerken wir sogleich, dass sein Ärger und sein Zorn aus der Liebe kommen: Sie sind eine weitere Aufforderung dazu, der Untreue und der Sünde zu entsagen. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?8 Diese Worte erklären uns das ganze Leben Christi und lassen uns begreifen, warum Er uns entgegengeht mit einem Herzen aus Fleisch, mit einem Herzen wie unser Herz – ein nachhaltiger Beweis und ein ständiges Zeugnis des unsagbaren Geheimnisses der göttlichen Liebe.
Wir haben uns jene Begegnung in Naïn vergegenwärtigt. Wir hätten uns auch viele ähnliche Szenen ins Gedächtnis rufen können, denn das Evangelium bietet sie in Fülle. Diese Berichte haben schon immer die Herzen der Menschen bewegt, früher wie heute, denn hier zeigt sich nicht nur die aufrichtige Geste eines Menschen, der mit seinesgleichen Mitleid empfindet, sondern vor allem die Offenbarung der unauslotbaren Liebe Gottes. Das Herz Jesu ist das Herz des menschgewordenen Gottes, das Herz des Emmanuel, Gott mit uns.
»Die Kirche, mit Christus vereint, wird aus einem durchbohrten Herzen geboren.«37 Aus diesem weit geöffneten Herzen empfangen wir das Leben. Wie sollten wir nicht hier, wenn auch nur kurz, die Sakramente erwähnen, durch welche Gott in uns wirkt und uns der erlösenden Kraft Christi teilhaftig macht? Wie sollten wir nicht mit besonderer Dankbarkeit das heiligste Sakrament der Eucharistie, das heilige Opfer auf Golgota und seine ständige unblutige Erneuerung in der Heiligen Messe erwähnen? Es ist Jesus, der sich uns zur Speise gibt. Weil Christus zu uns kommt, wird alles anders: Eine Kraft – der Beistand des Heiligen Geistes – wirkt in uns, erfüllt die Seele und prägt Handeln, Denken und Fühlen. Christi Herz ist Frieden für den Christen.
Der tragende Grund der Hingabe, die der Herr von uns erwartet, ist nicht der eigene Wunsch oder die eigene Kraft, die oft hilf- und machtlos sind; diese Hingabe stützt sich vielmehr zuerst auf die Gnade, welche die Liebe aus dem Herzen des menschgewordenen Gottes für uns erlangt hat. Daher können und müssen wir in unserem inneren Leben als Kinder unseres Vaters im Himmel ausharren, ohne mutlos zu werden oder zu ermüden. Ich verweise gern darauf, dass der Christ gerade in seinem Alltagsleben, in den einfachen Dingen, in den ganz gewöhnlichen Situationen Glaube, Hoffnung und Liebe lebt, denn darin äußert sich wesenhaft das Verhalten eines auf die göttliche Hilfe vertrauenden Menschen; und hier, in der Ausübung dieser göttlichen Tugenden, findet er Freude, Kraft und Ruhe.
Das sind die Früchte des Friedens Christi, des Friedens, den uns sein heiligstes Herz bringt. Denn die Liebe Jesu zu den Menschen – es ist gut, wieder einmal daran zu erinnern – ist ein unergründlicher Teil des göttlichen Geheimnisses, der Liebe des Sohnes zum Vater und zum Heiligen Geist. Der Heilige Geist, das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn, findet im göttlichen Wort ein menschliches Herz.
Es ist nicht möglich, über diese zentralen Geheimnisse unseres Glaubens zu sprechen, ohne die Begrenztheit unseres Verstandes und den Reichtum der Offenbarung gewahr zu werden. Aber fest und demütig glauben wir diese Wahrheiten, auch wenn sie für die staunende Vernunft unfassbar sind: Gestützt auf das Zeugnis Christi wissen wir, dass es so ist; dass die Liebe im Schoß der Dreifaltigkeit sich ausgießt über alle Menschen durch die Liebe des Herzens Jesu.
Das Reich Gottes in der Seele
Groß bist Du, mein Herr und Gott! Du verleihst unserem Leben einen übernatürlichen Sinn und eine göttliche Wirksamkeit. Du lässt uns mit ganzer Kraft, mit Leib und Seele, aus Liebe zu Deinem Sohn ausrufen: Oportet illum regnare, Er soll als König herrschen! – auch wenn wir uns immer unserer Schwäche bewusst bleiben; Du weißt, dass wir Geschöpfe sind – und was für Geschöpfe! Nicht nur unsere Füße sind aus Lehm33, sondern auch Herz und Haupt. Aber mit Deiner Gnade werden wir uns ausschließlich für Dich einsetzen.
Christus soll herrschen, vor allem in unserer Seele. Was würden wir antworten, wenn Er uns fragte: Willst du, dass ich in dir herrsche? Ich würde Ihm antworten, dass ich dazu die Fülle seiner Gnade brauche. Denn nur so wird sich alles verwandeln in ein Hosanna, einen Freudenruf zu Christus, meinem König: jeder Herzschlag, jeder Atemzug, selbst der flüchtigste Blick, das einfachste Wort, jede Empfindung.
Wenn wir wollen, dass Christus herrscht, dann seien wir konsequent; beginnen wir damit, dass wir Ihm unser Herz schenken. Wenn nicht, ist das Reden vom Königtum Christi ein Schlagwort ohne christlichen Inhalt, eine Äußerlichkeit ohne Glauben, ein trügerischer Gebrauch des Namens Gottes für menschliche Dinge.
Wäre die Voraussetzung für die Herrschaft Jesu in deiner und meiner Seele, dass wir Ihm eine würdige Wohnstätte in uns anbieten könnten, dann müssten wir verzweifeln. Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin.34 Seht ihr? Jesus ist zufrieden mit einem armen Tier als Thron. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist; für mich ist es nicht erniedrigend, mich vor Gott als ein armer Esel zu fühlen: Wie Vieh bin ich gewesen bei Dir; aber ich bin doch beständig bei Dir, Du hast meine Rechte ergriffen35, Du führst mich am Halfterstrick.
Heute sieht man dieses Lasttier nicht mehr so oft wie früher, aber denkt einmal an seine Eigenschaften. Nicht den alten, starrköpfigen, nachtragenden Esel meine ich, der sich hinterhältig mit einem Tritt rächt, sondern ein junges Tier: die Ohren steil wie Antennen, genügsam im Futter, hart in der Arbeit, entschieden und freudig im Trott. Viele Tiere sind schöner, tüchtiger – und urwüchsiger. Christus aber hat sich einen Esel ausgesucht, um als König vor dem jubelnden Volk zu erscheinen. Denn Jesus weiß nichts anzufangen mit berechnender Schläue, mit der Grausamkeit eines kalten Herzens, mit augenfälliger, aber leerer Schönheit. Unser Herr schätzt die Freude eines jungen Herzens, den einfachen Schritt, eine Stimme ohne Falsch, klare Augen, ein Ohr, das sein liebevolles Wort sucht. So herrscht Er in der Seele.
Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 82, 1 (PG 58, 700).
Röm 12, 2.
Oratio des Festes vom Heiligsten Herzen Jesu.
Röm 8, 32.
Vgl. Mt 25,21.
Thomas von Aquin, S. Th., I, q. 43, a. 5 (mit Zitat aus: Augustinus, De Trinitate, IX, 10).
Joh 19, 34.
Joh 19, 30.
Phil 2, 7.
Ez 18, 23.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/es-cristo-que-pasa/10483/ (07.05.2026)