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Leben des Gebetes
Ein Gebet zum Gott meines Lebens.11 Wenn Gott für uns Leben ist, darf es uns nicht wundern, dass unser Dasein als Christen vom Gebet durchdrungen sein muss. Aber seht im Gebet nicht ein Tun, das man verrichtet und dann vergessen kann. Selig der Mann, der sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.12 Am Morgen denke ich an Dich13 und am Abend steigt wie Weihrauch mein Gebet zu Dir14. Der ganze Tag kann Zeit des Gebetes sein: vom Abend bis zum Morgen und vom Morgen bis zum Abend. Ja, die Heilige Schrift erinnert uns sogar daran, dass auch der Schlaf Gebet sein soll.15
Bedenkt, was die Evangelien über Jesus berichten. Manchmal verbrachte Er die ganze Nacht im innigen Gespräch mit seinem Vater. Mit welcher Liebe muss die Gestalt des betenden Christus die ersten Jünger erfüllt haben. Beständig sahen sie den Meister in dieser Haltung und schließlich baten sie Ihn: Domine, doce nos orare16, Herr, lehre uns beten.
Der heilige Paulus verbreitet überall das lebendige Beispiel Christi: orationi instantes17, seid beharrlich im Gebet, schreibt er. Und die Worte des heiligen Lukas erhellen wie ein Streiflicht Leben und Tun der ersten Christen: Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet18.
In der Schmiede des Gebetes gewinnt ein guter Christ mit Hilfe der Gnade seine Festigkeit. Das Leben des Gebetes kann vielfältige Formen annehmen. Gewöhnlich spricht sich das Herz in Worten aus, in jenen mündlichen Gebeten, die Gott selbst – Vater unser – oder seine Engel – Ave Maria – uns gelehrt haben. Andere Male benutzen wir Gebete, in denen sich die Frömmigkeit zahlloser Brüder im Glauben durch Jahrhunderte verdichtet hat: Gebete aus der Liturgie – lex orandi – oder Gebete, die aus der Glut eines liebenden Herzens stammen, wie so viele marianische Antiphonen: Sub tuum praesidium … Memorare … Salve Regina …
Bei anderen Gelegenheiten genügen zwei oder drei Stoßgebete – iaculatoria – wie Pfeile – iaculata – zum Herrn gesandt, Worte, die wir aus der aufmerksamen Lektüre des Lebens Christi lernen: Domine, si vis, potes me mundare19, Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen; Domine, tu omnia nosti, tu scis, quia amo te20, Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich liebe; Credo,Domine, sed adiuva incredulitatem meam21, ich glaube, Herr, aber hilf meinem Unglauben, stärke meinen Glauben; Domine, non sum dignus22, Herr, ich bin nicht würdig! Dominus meus et Deus meus23, mein Herr und mein Gott! … oder andere Gebete, kurz und liebevoll, die aus der Tiefe der Seele hervorbrechen und aus der Situation eines Augenblicks aufsteigen.
Außerdem muss sich das Gebetsleben jeden Tag auf einige, ausschließlich der Begegnung mit Gott vorbehaltene Zeiten stützen: Augenblicke ohne Worte, still und, wenn möglich, vor dem Tabernakel, um dem Herrn für zwanzig Jahrhunderte seines Wartens – wie einsam ist Er – zu danken. Im Geiste entwickelt sich ein Dialog mit Gott, von Herz zu Herz, und die ganze Seele ist dabei: Verstand und Vorstellungskraft, Erinnerung und Wille. Ein solches Gebet trägt dazu bei, unserem armseligen menschlichen Leben, unserem Alltag einen übernatürlichen Wert zu verleihen.
Durch diese Minuten der Betrachtung, durch das mündliche Gebet und die Stoßgebete wird es uns gelingen, unseren ganzen Tag mit Natürlichkeit und ohne Besonderheiten in ein ständiges Gotteslob zu verwandeln. Wir werden in seiner Gegenwart bleiben, so wie Liebende in Gedanken beieinander sind, und alle unsere Werke – auch die unscheinbarsten – werden sich mit übernatürlicher Wirksamkeit erfüllen.
Wenn ein Christ diesen Weg ständigen Umgangs mit dem Herrn geht – der ein Weg für alle, kein schmaler Pfad für Privilegierte ist –, dann wächst das innere Leben, es wird fest und sicher; dann wächst im Menschen die Entschlossenheit zu diesem liebenswerten und anspruchsvollen Kampf, den Willen Gottes bis zum Letzten zu erfüllen.
Vom Leben des Gebetes her können wir dann auch ein anderes Thema verstehen, das uns das heutige Fest nahelegt: das Apostolat, dieses Ins-Werk-Setzen der Lehre Jesu, die Er kurz vor seiner Himmelfahrt den Seinen anvertraut hat: Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.24
Der heilige Johannes überliefert uns in seinem Evangelium ein herrliches Wort der Mutter Gottes, und zwar in einer Szene, die wir uns schon einmal vor Augen geführt haben: die Hochzeit zu Kana. Der Evangelist erzählt uns, dass sich Maria an die Diener wandte und ihnen riet: Was Er euch sagt, das tut!26 Gerade darum geht es: die Menschen vor Jesus hintreten zu lassen, damit sie Ihn fragen: Domine, quid me vis facere? Herr, was willst Du, das ich tun soll?27
Das christliche Apostolat – und ich meine hier konkret das Apostolat eines gewöhnlichen Christen, das Apostolat eines Mannes oder einer Frau, die ohne Besonderheiten unter ihresgleichen leben – ist eine große Katechese, in der durch den persönlichen Umgang, durch eine echte und aufrichtige Freundschaft in den Mitmenschen der Hunger nach Gott geweckt und ihnen geholfen wird, einen ungeahnten Horizont zu entdecken: mit Natürlichkeit, Einfachheit, wie ich schon sagte, mit dem Beispiel gelebten Glaubens, mit einem liebenswürdigen Wort, aber erfüllt mit der Kraft der göttlichen Wahrheit.
Seid kühn. Ihr könnt mit der Hilfe Mariens, Regina apostolorum, rechnen. Unsere Liebe Frau weiß jedem ihrer Kinder seine persönliche Verantwortung klar vor Augen zu führen, ohne deswegen aufzuhören, sich wie eine Mutter zu verhalten. Wer sich ihr nähert und ihr Leben betrachtet, dem erweist sie mit Sicherheit den unschätzbaren Dienst, ihn zum Kreuz hinzuführen, ihm das Beispiel des Sohnes Gottes vor Augen zu halten. Und bei dieser Begegnung, in der sich das Leben eines Christen entscheidet, legt Maria Fürbitte für uns ein, damit unser Tun und Lassen in der Versöhnung des jüngeren Bruders – in deiner und meiner Versöhnung – mit dem erstgeborenen Sohn des Vaters vollendet werde.
Vielen Bekehrungen, vielen Entscheidungen zur Hingabe im Dienst Gottes ist eine Begegnung mit Maria vorausgegangen. Unsere Herrin hat unser Suchen unterstützt, hat die Unruhe der Seele in mütterlicher Sorge geschürt und hat uns nach einem anderen, einem neuen Leben verlangen lassen. Und so hat sich ihr was Er euch sagt, das tut in die Wirklichkeit einer großzügigen Hingabe verwandelt, in eine christliche Berufung, die seither unser ganzes persönliches Leben erhellt.
Diese Weile des Gesprächs mit dem Herrn, in der wir die Andacht und Liebe zu seiner und unserer Mutter betrachtet haben, sollte unserem Glauben neue Kraft geben. Der Monat Mai beginnt, und der Herr will, dass wir diese Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen lassen; Er will, dass wir durch die Begegnung mit seiner Mutter in der Liebe zu Ihm wachsen und täglich mehr den Kontakt mit ihr suchen – in kleinen Dingen, in liebevollen Aufmerksamkeiten, die nach und nach zu etwas Großem werden: persönliche Heiligkeit und Apostolat, ständiger Einsatz also, an jenem Heil mitzuwirken, zu dessen Verwirklichung Christus in die Welt gekommen ist.
Sancta Maria, spes nostra, ancilla Domini, sedes Sapientiae, ora pro nobis! Heilige Maria, unsere Hoffnung, Magd des Herrn, Sitz der Weisheit, bitte für uns!
Ps 42 (41), 9.
Ps 1, 1-2.
Vgl. Ps 63 (62), 7.
Vgl. Ps 141 (140), 2.
Vgl. Dtn 6, 6 und 7.
Lk 11, 1.
Röm 12, 12.
Apg 1, 14.
Mt 8, 2.
Joh 21, 17.
Mk 9, 23.
Mt 8, 8.
Joh 20, 28.
Apg 1, 8.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/es-cristo-que-pasa/10511/ (07.05.2026)