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Es gibt 3 Nummer in «Christus begegnen » deren Stichwort lautet die Apostel → Berufung der ersten Apostel.

Die Apostel waren gewöhnliche Menschen

Es ermutigt mich, ein ganz ähnliches Ereignis zu betrachten, dessen Hergang Schritt für Schritt auf den Seiten des Evangeliums erzählt wird: die Berufung der ersten Zwölf. Wir wollen sie langsam erwägen und dabei diese heiligen Zeugen des Herrn darum bitten, dass wir Christus nachzufolgen verstehen, wie sie es taten.

Jene ersten Apostel, die ich so sehr liebe und verehre, galten, nach menschlichen Maßstäben, recht wenig. Was ihre gesellschaftliche Stellung angeht, waren sie – mit Ausnahme von Matthäus, der sicherlich gut verdiente und dann alles verließ, als Jesus ihn dazu aufforderte – allesamt Fischer. Sie lebten von der Hand in den Mund und arbeiteten nachts für ihren Lebensunterhalt.

Die gesellschaftliche Stellung mag vielleicht am wenigsten zählen. Doch sie waren auch nicht gebildet, nicht einmal sonderlich begabt, wenigstens was die übernatürlichen Dinge betrifft. Selbst die einfachsten Beispiele und Vergleiche wollten ihnen nicht eingehen, sie wandten sich an den Meister: Domine, edissere nobis parabolam4, Herr, erkläre uns das Gleichnis. Als Jesus sie einmal in bildlicher Rede vor dem Sauerteig der Pharisäer warnt, denken sie, Er tadele sie, weil sie kein Brot gekauft hätten.5

Arm, unwissend. Nicht einmal einfach und schlicht sind sie. Bei aller Beschränktheit sind sie obendrein voll Ehrgeiz. Oft streiten sie darüber, wer der größte von ihnen sein wird, wenn – nach ihren Vorstellungen – Christus endgültig das Reich Israel auf Erden errichtet haben wird. Sie streiten und erhitzen sich während des erhabenen Augenblicks, da Jesus im Begriff ist, sich für die Menschheit zu opfern, beim Letzten Abendmahl.6

Glaube, wenig. Christus selbst sagt es ihnen.7 Sie sahen Ihn Tote auferwecken, Krankheiten aller Art heilen, Brot und Fische vermehren, Stürme stillen, Teufel austreiben. Der heilige Petrus, zum Haupt ausersehen, ist der einzige, der ohne Umschweife antworten kann: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!8 Doch er interpretiert diesen Glauben auf seine Art und erlaubt sich, Christus Vorhaltungen zu machen, damit Er sich nicht zum Heil der Menschen hingebe. Jesus muss ihm entgegentreten: Weg von mir, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.9 »Petrus«, bemerkt der heilige Johannes Chrysostomus, »dachte nach Menschenart und meinte, das alles« – Passion und Tod – »wäre Christi unwürdig, verwerflich. Darum tadelt ihn Jesus und sagt ihm: nein, Leiden ist meiner nicht unwürdig; du denkst nur so, weil du nach Menschenart urteilst, nach Art des Fleisches.«10

Zeichneten sich diese kleingläubigen Männer vielleicht durch ihre Liebe zu Christus aus? Kein Zweifel, dass sie Ihn liebten, zumindest mit Worten. Mitunter werden sie hingerissen von Begeisterung: Lasst uns mit Ihm gehen, um mit Ihm zu sterben!11 Doch in der Stunde der Wahrheit fliehen alle, außer Johannes, der wirklich mit Werken liebte. Nur er, der jüngste unter den Aposteln, bleibt unter dem Kreuz. Die anderen empfanden nicht jene Liebe, die stark ist wie der Tod.12

Das waren die vom Herrn erwählten Jünger; so sucht sie Christus aus; so traten sie auf, bevor sie, voll des Heiligen Geistes, zu Säulen der Kirche wurden.13 Es sind gewöhnliche Menschen, mit Fehlern und Schwächen, mit Worten, die weiter als ihre Taten reichen. Und dennoch: Jesus ruft sie, um aus ihnen Menschenfischer14, Miterlöser, Verwalter der Gnade Gottes zu machen.

Die Arbeit heiligen, sich durch die Arbeit heiligen, andere durch die Arbeit heiligen

Wenn ich nach dem Geist des Opus Dei gefragt werde, der Vereinigung, der ich mein Leben gewidmet habe, sage ich immer, dass er sich um die gewöhnliche Arbeit, um die berufliche Arbeit in der Welt wie um eine Achse dreht. Die göttliche Berufung stellt uns eine Aufgabe, sie lädt uns ein, an der einen Sendung der Kirche teilzuhaben, damit wir so vor unsresgleichen, vor allen Menschen, Zeugnis für Christus ablegen und alles zu Gott hinführen.

Die Berufung zündet ein Licht an, das uns den Sinn unseres Lebens erkennen lässt. Im klaren Licht des Glaubens sehen wir das Warum unseres irdischen Daseins. Unser Leben – das vergangene, das gegenwärtige und das zukünftige – erscheint dann in einer neuen Dimension, mit einer nicht geahnten Tiefe. Alles, was in unserem Leben geschieht, gewinnt so seinen wahren Bezugspunkt: Wir begreifen, wohin uns der Herr führen will, und wir fühlen uns mitgerissen von der uns anvertrauten Aufgabe.

Gott führt uns aus dem Dunkel unserer Unwissenheit heraus, Er setzt unserem unschlüssigen Umhertappen durch tausend Zufälligkeiten des Lebens ein Ende und ruft uns mit lauter Stimme, so wie Er eines Tages Petrus und Andreas rief: Venite post me, et faciam vos fieri piscatores hominum11, folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen, ganz gleich, wo unser Platz in der Welt ist.

Wer aus dem Glauben lebt, mag Kampf und Hindernissen, Schmerz und selbst Bitterkeit begegnen, aber er wird niemals Mutlosigkeit oder Angst spüren, denn er weiß, dass sein Leben nicht vergebens ist, er weiß, wozu er auf der Erde ist. Ego sum lux mundi, rief Christus aus, qui sequitur me non ambulat in tenebris, sed habebit lumen vitae.12 Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wandelt nicht im Dunkel, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Um dieses Lichtes würdig zu sein, müssen wir lieben, demütig unsere Heilsbedürftigkeit anerkennen und wie Petrus ausrufen: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.13 Wenn wir uns wirklich so verhalten und den Ruf Gottes in unser Herz eindringen lassen, dann werden auch wir sagen können, dass wir nicht im Dunkel wandeln; denn über unserem Elend und Versagen erstrahlt das Licht Gottes wie die Sonne über Gewitterwolken.

Wir wollen jetzt bei einigen der vielen Szenen, die uns im Evangelium erhalten sind, etwas verweilen. Beginnen wir mit den Berichten, die uns Jesus im Kreise der Zwölf zeigen. Der Apostel Johannes, in dessen Evangelium die Erfahrung eines ganzen Lebens spürbar wird, berichtet über jene erste Unterhaltung mit dem Zauber, der über den Dingen liegt, die man niemals mehr vergisst: Meister, wo wohnst Du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo Er wohnte, und blieben jenen Tag bei Ihm.21

Es war ein göttlicher und zugleich menschlicher Dialog, der das Leben des Johannes und des Andreas, des Petrus, Jakobus und so vieler anderer umwandelte, ein Dialog, der die Herzen darauf vorbereitete, das gebietende Wort aufzunehmen, das Jesus am Galiläischen See an sie richtete: Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah Er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte Er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten Ihm nach.22

Die nächsten drei Jahre verbringen die Jünger an der Seite Jesu. Er kennt sie, antwortet auf ihre Fragen, zerstreut ihre Zweifel. Er ist der Rabbi, der Lehrer, der mit Autorität spricht, der von Gott gesandte Messias. Aber zugleich ist Er allen zugänglich und nahe. Eines Tages zieht sich Jesus zum Gebet zurück; die Jünger waren in der Nähe, vielleicht schauten sie auf Ihn und versuchten, seine Worte zu erraten. Als Jesus zurückkehrt, bittet Ihn einer seiner Jünger: Domine, doce nos orare, sicut docuit et Ioannes discipulos suos.Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! Da sagte Er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde Dein Name …23

Mit göttlicher Autorität und zugleich mit menschlichem Feingefühl empfängt der Herr die Apostel, die Ihm – voll Staunen über die Früchte ihrer ersten Sendung – von den Erstlingen ihres Apostolates berichten: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!24

Eine sehr ähnliche Szene wiederholt sich gegen Ende des Erdenlebens Jesu kurz vor der Himmelfahrt: Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Der als Mensch gefragt hat, spricht nun als Gott: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr!

Und Gott erwartet sie am Ufer: Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz ans Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte Ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.25

Dieses Feingefühl und diese Liebe bekundet Jesus nicht nur einer kleinen Gruppe von Jüngern, sondern allen gegenüber: den frommen Frauen, den Vertretern des Hohen Rates wie Nikodemus und den Zöllnern wie Zachäus, den Kranken und den Gesunden, den Schriftgelehrten und den Heiden, einzelnen und Menschenmassen.

Das Evangelium berichtet uns, dass Jesus nichts hatte, wohin Er sein Haupt legen konnte, aber es erzählt uns auch, dass Er geliebte und vertraute Freunde besaß, die Ihn in ihr Haus aufnehmen wollten. Und es berichtet auch von seinem Mitleid mit den Kranken, von seinem Schmerz über die Unwissenden und Irrenden, von seinem Unwillen über die Heuchelei. Jesus weint über den Tod des Lazarus, Er gerät in Zorn angesichts der Händler, die den Tempel entweihen, und das Leid der Witwe von Naïn geht Ihm zu Herzen.

Anmerkungen
4

Mt 13, 36.

5

Vgl. Mt 16, 6-7.

6

Vgl. Lk 22, 24-27.

7

Vgl. Mt 14, 31; 16, 8; 17, 19; 21, 21.

8

Mt 16, 16.

9

Mt 16, 23.

10

Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 54, 4 (PG 58, 537).

11

Joh 11, 16.

12

Hld 8, 6.

13

Vgl. Gal 2, 9.

14

Mt 4, 19.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
11

Mt 4, 19.

12

Joh 8, 12.

13

Joh 6, 69-70.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
21

Joh 1, 38-39.

22

Mt 4, 18-20.

23

Lk 11, 1-2.

24

Mk 6, 31.

25

Joh 21, 4-13.

Verzeichnis der Schriftstellen