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Er zog umher und tat nur Gutes
Seht ihr, wie nötig es ist, Jesus zu kennen und seinem Leben voll Liebe nachzugehen? Oftmals habe ich nach einer Definition, einer Beschreibung des Lebens Jesu in der Heiligen Schrift gesucht. Ich fand sie in zwei Worten, inspiriert vom Heiligen Geist: Pertransiit benefaciendo13, Er zog umher und tat Gutes. Alle Tage im Leben Christi auf Erden, von seiner Geburt bis zum Tode, waren so: pertransiit benefaciendo. An einer anderen Stelle der Heiligen Schrift heißt es: Bene omnia fecit14, Er hat alles gut gemacht, alles vollendet, Er tat nur Gutes.
Und du und ich, was tun wir? Prüfen wir, was besser werden kann in uns. Ich finde in mir vieles, was zu verbessern ist. Da ich mich aber unfähig sehe, allein das Gute zu tun, und da uns Jesus selbst gesagt hat, dass wir ohne Ihn nichts vollbringen können15, wollen wir, du und ich, zum Herrn gehen und Ihn auf die Fürsprache seiner Mutter um Hilfe bitten im innigen Zwiegespräch jener, die Gott lieben. Mehr möchte ich nicht sagen, denn jetzt ist es an jedem von euch zu sprechen, jeder nach dem, was ihm notwendig erscheint, in eurem Innern, ohne Worte, jetzt, während ich euch diese Anregungen gebe und sie selbst auf mich und meine Erbärmlichkeit anwende.
Wir sollten, ohne bei Äußerlichkeiten oder Gemeinplätzen stehenzubleiben, uns in das vertiefen, was uns der Tod Christi enthüllt. Es ist nötig, sich ganz in die Szenen hineinzuversetzen, die wir während dieser Tage neu durchleben: den Schmerz Christi, die Tränen seiner Mutter, die Flucht der Jünger, die Tapferkeit der heiligen Frauen, den Mut Josefs von Arimathäa und Nikodemus, die von Pilatus den Leichnam Jesu erbitten.
Mit einem Wort: versuchen wir, dem toten Jesus nahezukommen, dem Kreuz, das sich auf Golgota erhebt. Aber nähern wir uns in Aufrichtigkeit und im Bemühen um jene innere Sammlung, die Zeichen christlicher Reife ist. Die Ereignisse der Passion – so menschlich und göttlich zugleich – werden in die Seele wie Worte eindringen, die Gott an uns richtet, um uns im Innersten unseres Herzens aufzurütteln und uns zu enthüllen, was Er von uns erwartet.
Vor Jahren sah ich ein Bild, das sich mir tief eingeprägt hat. Es zeigte das Kreuz Christi und bei dem Holze drei Engel: Einer weinte untröstlich, ein anderer hielt einen Nagel in der Hand, als wolle er sich selbst von der Wirklichkeit des Geschehens überzeugen, und der dritte war ins Gebet versunken. Für jeden von uns ein immergültiges Programm: Weinen, Glauben, Beten.
Vor dem Kreuz also: Schmerz über unsere Sünden, über die Sünden der Menschheit, die Jesus den Tod brachten; Glauben, um uns der erhabenen Wahrheit zu nähern, die alles Begreifen übersteigt und uns angesichts der Liebe Gottes verstummen lässt; Gebet, damit Leben und Tod Christi Vorbild und Anstoß für unser Leben und unsere Hingabe werden. Nur so können wir uns Sieger nennen, weil der erstandene Christus in uns siegen und der Tod sich in Leben verwandeln wird.
Christi Leben betrachten
Diese Liebe Christi ist es, um deren Verwirklichung jeder von uns in seinem eigenen Leben ringen muss. Aber um ipse Christus zu sein, müssen wir uns in Ihm sehen. Es genügt nicht, ein allgemeines Bild von Christus zu haben, wir müssen vielmehr aus seiner Haltung und seinen Reaktionen lernen. Und vor allem müssen wir seinen Erdenwandel betrachten und seinen Spuren nachgehen, um Kraft, Licht, Gelassenheit und Frieden daraus zu schöpfen.
Wenn man einen Menschen liebt, möchte man alles, selbst die kleinsten Details über ihn wissen, um sich mit ihm identifizieren zu können. Darum müssen wir die Lebensgeschichte Jesu betrachten, von der Geburt in einer Krippe bis zu seinem Tod und seiner Auferstehung. In den ersten Jahren meiner priesterlichen Arbeit verschenkte ich oft die Heilige Schrift oder Bücher, die das Leben Christi nacherzählen. Denn wir müssen sein Leben gut kennen, es ganz im Kopf und im Herzen tragen, damit wir es in jedem Augenblick ohne Hilfe eines Buches mit geschlossenen Augen vor unserem inneren Blick wie einen Film vorbeiziehen lassen können. Die Worte und Taten des Herrn werden uns auf diese Weise in den verschiedenen Situationen unseres Lebens begleiten.
So werden wir sein Leben mitleben. Denn es geht nicht nur darum, an Jesus zu denken, uns diese oder jene Szene zu vergegenwärtigen. Wir müssen uns vielmehr in sie hineinversetzen, und als Teilnehmer des Geschehens werden wir dann Christus so nahe folgen wie Maria, seine Mutter, wie die ersten Zwölf, wie die frommen Frauen und die Menge, die Ihn umdrängte. Wenn wir so handeln und Christus keine Hindernisse in den Weg legen, werden uns seine Worte bis ins Innerste durchdringen und umwandeln. Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch, bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.19
Wenn wir die übrigen Menschen zum Herrn führen wollen, müssen wir das Evangelium nehmen und die Liebe Christi betrachten. Wir könnten uns etwa die entscheidenden Szenen seines Leidens vor Augen führen, denn, wie Er selbst sagte: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.20 Aber wir können auch sein übriges Leben, seinen täglichen Umgang mit jenen betrachten, die Ihm begegneten.
Um die Heilsbotschaft zu den Menschen gelangen zu lassen und ihnen die Liebe Gottes zu offenbaren, hat Christus – vollkommener Gott und vollkommener Mensch – menschlich und göttlich zugleich gehandelt. Gott kommt den Menschen entgegen. Er nimmt unsere Natur ohne Vorbehalte an, mit Ausnahme der Sünde.
Ich empfinde eine tiefe Freude bei dem Gedanken, dass Christus voll und ganz Mensch sein wollte, aus Fleisch und Blut wie wir. Mich bewegt das Wunder, dass ein Gott mit dem Herzen eines Menschen liebt.
Wir wollen jetzt bei einigen der vielen Szenen, die uns im Evangelium erhalten sind, etwas verweilen. Beginnen wir mit den Berichten, die uns Jesus im Kreise der Zwölf zeigen. Der Apostel Johannes, in dessen Evangelium die Erfahrung eines ganzen Lebens spürbar wird, berichtet über jene erste Unterhaltung mit dem Zauber, der über den Dingen liegt, die man niemals mehr vergisst: Meister, wo wohnst Du? Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo Er wohnte, und blieben jenen Tag bei Ihm.21
Es war ein göttlicher und zugleich menschlicher Dialog, der das Leben des Johannes und des Andreas, des Petrus, Jakobus und so vieler anderer umwandelte, ein Dialog, der die Herzen darauf vorbereitete, das gebietende Wort aufzunehmen, das Jesus am Galiläischen See an sie richtete: Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah Er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte Er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten Ihm nach.22
Die nächsten drei Jahre verbringen die Jünger an der Seite Jesu. Er kennt sie, antwortet auf ihre Fragen, zerstreut ihre Zweifel. Er ist der Rabbi, der Lehrer, der mit Autorität spricht, der von Gott gesandte Messias. Aber zugleich ist Er allen zugänglich und nahe. Eines Tages zieht sich Jesus zum Gebet zurück; die Jünger waren in der Nähe, vielleicht schauten sie auf Ihn und versuchten, seine Worte zu erraten. Als Jesus zurückkehrt, bittet Ihn einer seiner Jünger: Domine, doce nos orare, sicut docuit et Ioannes discipulos suos.Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! Da sagte Er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde Dein Name …23
Mit göttlicher Autorität und zugleich mit menschlichem Feingefühl empfängt der Herr die Apostel, die Ihm – voll Staunen über die Früchte ihrer ersten Sendung – von den Erstlingen ihres Apostolates berichten: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!24
Eine sehr ähnliche Szene wiederholt sich gegen Ende des Erdenlebens Jesu kurz vor der Himmelfahrt: Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Der als Mensch gefragt hat, spricht nun als Gott: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr!
Und Gott erwartet sie am Ufer: Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf einen Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz ans Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte Ihn zu befragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.25
Dieses Feingefühl und diese Liebe bekundet Jesus nicht nur einer kleinen Gruppe von Jüngern, sondern allen gegenüber: den frommen Frauen, den Vertretern des Hohen Rates wie Nikodemus und den Zöllnern wie Zachäus, den Kranken und den Gesunden, den Schriftgelehrten und den Heiden, einzelnen und Menschenmassen.
Das Evangelium berichtet uns, dass Jesus nichts hatte, wohin Er sein Haupt legen konnte, aber es erzählt uns auch, dass Er geliebte und vertraute Freunde besaß, die Ihn in ihr Haus aufnehmen wollten. Und es berichtet auch von seinem Mitleid mit den Kranken, von seinem Schmerz über die Unwissenden und Irrenden, von seinem Unwillen über die Heuchelei. Jesus weint über den Tod des Lazarus, Er gerät in Zorn angesichts der Händler, die den Tempel entweihen, und das Leid der Witwe von Naïn geht Ihm zu Herzen.
Jede dieser menschlichen Gesten ist zugleich eine Geste Gottes. In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.26 Christus ist Gott, der Mensch geworden ist, vollkommener Mensch, Mensch durch und durch. Und gerade im Menschlichen lässt Er uns das Göttliche erkennen.
Wenn wir uns an das menschliche Feingefühl Christi erinnern, der sein Leben im Dienst an den anderen verbraucht, haben wir nicht bloß irgendeine Verhaltensweise vor uns. Wir sind dabei, Gott selbst zu entdecken. Jedes Werk Christi hat einen transzendenten Sinn: Es gibt uns die Seinsweise Gottes zu erkennen, es fordert uns auf, an seine Liebe zu glauben, die uns geschaffen hat und uns an seinem inneren Leben teilhaben lassen will. Ich habe Deinen Namen den Menschen offenbart, die Du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten Dir, und Du hast sie mir gegeben, und sie haben Dein Wort bewahrt. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was Du mir gegeben hast, von Dir ist27, rief Jesus in jenem langen Gebet aus, das uns der Evangelist Johannes überliefert hat.
Darum erschöpft sich das Verhalten Jesu nicht in bloßen Worten oder in oberflächlichen Gesten. Jesus nimmt den Menschen ernst und will ihm den göttlichen Sinn seines Lebens erschließen. Jesus weiß zu fordern, jeden einzelnen mit seinen Pflichten zu konfrontieren, diejenigen, die Ihn hören, aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln, um sie zur Erkenntnis des dreimal heiligen Gottes zu führen. Er erbarmt sich der Hungernden und Leidenden, aber vor allem der Unwissenden. Als Er ausstieg, sah Er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und Er lehrte sie lange.28
Joh 1, 38-39.
Mt 4, 18-20.
Lk 11, 1-2.
Mk 6, 31.
Joh 21, 4-13.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/book-subject/es-cristo-que-pasa/12191/ (08.05.2026)