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Es gibt 3 Nummer in «Christus begegnen » deren Stichwort lautet Verantwortung → Verantwortung und Freiheit.

Die Hoffnung des Advent

An diesem ersten Adventssonntag möchte ich euch nicht mehr sagen, jetzt, da wir beginnen, die Tage zu zählen, die uns von der Geburt des Heilandes noch trennen. Wir haben die Wirklichkeit der christlichen Berufung betrachtet: wie der Herr sein Vertrauen in uns gesetzt hat, um Menschen zur Heiligkeit zu führen, Ihm näherzubringen, sie der Kirche anzugliedern, das Reich Gottes in allen Herzen auszubreiten. Der Herr will, dass wir hingegeben sind, treu, feinfühlig, liebevoll. Er will uns heilig, ganz als die Seinen.

Auf der einen Seite Hochmut, Sinnlichkeit, Überdruss, Egoismus; auf der anderen Seite Liebe, Hingabe, Erbarmen, Demut, Opfer, Freude. Du musst wählen. Du bist zu einem Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe berufen. Du darfst nicht niedriger zielen und in anspruchsloser Gleichgültigkeit verharren.

Ich sah einmal einen Adler, in einen eisernen Käfig gesperrt, schmutzig, halb gerupft. In seinen Krallen hielt er ein Stück Aas. Ich musste daran denken, was geschehen würde, wenn ich die von Gott empfangene Berufung verließe. Mir tat jenes einsame und angekettete Tier leid, geboren, um hochzusteigen und in die Sonne zu schauen. Wir können aufsteigen bis zu den demütigen Höhen der Liebe Gottes und des Dienstes an allen Menschen. Doch dafür darf es in der Seele keine dunklen Winkel geben, auf die das Sonnenlicht Christi nicht fallen kann. Weg mit allen Sorgen, die uns von Ihm trennen: Christus in deinem Verstand, Christus auf deinen Lippen, Christus in deinem Herzen, Christus in deinen Werken. Dein ganzes Leben – dein Herz und deine Werke, dein Verstand und deine Worte – erfüllt von Gott.

Dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe50, haben wir im Evangelium gelesen. Die Adventszeit ist eine Zeit der Hoffnung. Das weite Feld unserer christlichen Berufung, diese Einheit des Lebens, deren Nerv die Gegenwart Gottes, unseres Vaters ist, kann und muss eine tägliche Wirklichkeit sein.

Bitte mit mir Unsere Liebe Frau darum und vergegenwärtige dir, wie sie diese Monate in der Erwartung des Sohnes, der geboren werden soll, wohl verbracht haben mag, und Unsere Liebe Frau, die heilige Maria, wird erreichen, dass du alter Christus, ipse Christus wirst, ein zweiter Christus, Christus selbst.

Es ist der Glaube an den gestorbenen und auferstandenen Christus, immer und in jedem Augenblick unseres Lebens gegenwärtig, der unser Gewissen erleuchtet und uns antreibt, an den Aufgaben und Problemen der Menschheitsgeschichte teilzunehmen. In dieser Geschichte, die mit der Erschaffung der Welt ihren Anfang nahm und mit der Vollendung der Zeiten enden wird, ist der Christ kein Heimatloser; er ist Bürger der irdischen Stadt, seine Seele ist erfüllt von dem Verlangen nach Gott, dessen Liebe er schon jetzt zu ahnen beginnt und in dem er das Ziel erkennt, zu dem alle Menschen berufen sind.

Was mein persönliches Zeugnis anbelangt, möchte ich sagen, dass ich meine Arbeit als Priester und Seelsorger immer als die Aufgabe verstanden habe, jeden einzelnen uneingeschränkt mit den Forderungen seines Lebens zu konfrontieren, ihm zu helfen, herauszufinden, was Gott konkret von ihm verlangt, ohne die Unabhängigkeit und Eigenverantwortung, die ein christliches Gewissen charakterisieren, in irgendeiner Weise anzutasten. Diese Einstellung gründet auf dem Respekt vor der Tragweite der geoffenbarten Wahrheit und auf der Liebe zur Freiheit des Menschen. Es ließe sich hinzufügen, dass sie auch auf der Gewissheit beruht, dass die Geschichte nicht determiniert, sondern offen ist für vielfältige Möglichkeiten, die Gott nicht einengen will.

Christus nachfolgen bedeutet nicht, sich in den Tempel flüchten und angesichts der Entwicklung der Gesellschaft, der Ruhmes- oder Greueltaten der Menschen und Völker die Achseln zucken. Nein, der christliche Glaube führt uns dazu, die Welt als Schöpfung des Herrn zu sehen und deshalb alles Edle und Schöne zu schätzen, die Würde eines jeden Menschen – als Ebenbild Gottes – anzuerkennen und die Freiheit als das ganz besondere Geschenk zu bewundern, das uns zum Herrn unseres Handelns macht und uns – mit der Gnade Gottes – unser ewiges Los bestimmen lässt.

Es hieße den Glauben verstümmeln, wollte man ihn auf eine diesseitige Ideologie beschränken, wollte man ihn zum Wahrzeichen eines politisch-religiösen Programms machen und in seinem Namen, aufgrund einer unerfindlichen göttlichen Bevollmächtigung, andere verurteilen, und dies nur, weil sie anders in Fragen denken, die ihrem Wesen nach vielfältige Lösungen erlauben.

Bei dem Gedanken an die Würde der Sendung, zu der Gott uns ruft, könnten Anmaßung und Hochmut in unserer Seele aufsteigen. Aber wir sehen die christliche Berufung falsch, wenn sie uns verblendet und vergessen lässt, dass wir aus Lehm sind, Staub und Elend. Nicht nur in der Welt, rings um uns, ist das Übel; das Übel ist in uns, es nistet in unseren Herzen, es verführt uns zu Niedertracht und Egoismus. Nur die Gnade Gottes ist ein starker Fels, wir sind Sand, treibender Sand.

Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Menschheit werfen, wenn wir die gegenwärtige Weltlage betrachten, sehen wir mit Schmerzen, wie wenig Menschen es gibt, die sich – nach zwanzig Jahrhunderten – Christen nennen, und wie jene, die diesen Namen tragen, so oft ihrer Berufung nicht treu sind. Vor Jahren sagte jemand, der zwar ein gutes Herz, aber keinen Glauben hatte, vor einer Weltkarte stehend zu mir: »Hier zeigt sich das Scheitern Christi. Seit Jahrhunderten versucht man, seine Lehre den Herzen der Menschen einzupflanzen, und das ist das Ergebnis: es gibt keine Christen.«

Auch jetzt denken viele so. Doch Christus ist nicht gescheitert: Sein Wort und sein Leben befruchten ständig die Welt. Das Werk Christi, die Aufgabe, die Ihm der Vater anvertraute, wird Wirklichkeit, seine Kraft durchpulst die Geschichte und bringt das wahre Leben in die Welt: Wenn Ihm dann alles unterworfen ist, wird auch Er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der Ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.32

Gott hat gewollt, dass wir seine Mitarbeiter sind an diesem Werk, das Er in der Welt verwirklicht, Er wollte das Risiko unserer Freiheit eingehen. Es bewegt mich zutiefst, wenn ich das neugeborene Kind in Betlehem betrachte, schwach, arm und wehrlos. Gott liefert sich den Händen der Menschen aus, Er nähert sich uns und erniedrigt sich.

Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.33 Gott lässt sich auf unsere Freiheit ein, auf unsere Unvollkommenheit und unser Elend. Er lässt zu, dass göttliche Schätze in irdenen Gefäßen getragen werden, dass wir sie zu erkennen geben in der Verschmelzung unserer Unzulänglichkeiten mit seiner göttlichen Kraft.

Anmerkungen
50

Lk 21, 28.

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Anmerkungen
32

1 Kor 15, 28.

33

Phil 2, 6-7.

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