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Bei dem Gedanken an die Würde der Sendung, zu der Gott uns ruft, könnten Anmaßung und Hochmut in unserer Seele aufsteigen. Aber wir sehen die christliche Berufung falsch, wenn sie uns verblendet und vergessen lässt, dass wir aus Lehm sind, Staub und Elend. Nicht nur in der Welt, rings um uns, ist das Übel; das Übel ist in uns, es nistet in unseren Herzen, es verführt uns zu Niedertracht und Egoismus. Nur die Gnade Gottes ist ein starker Fels, wir sind Sand, treibender Sand.
Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Menschheit werfen, wenn wir die gegenwärtige Weltlage betrachten, sehen wir mit Schmerzen, wie wenig Menschen es gibt, die sich – nach zwanzig Jahrhunderten – Christen nennen, und wie jene, die diesen Namen tragen, so oft ihrer Berufung nicht treu sind. Vor Jahren sagte jemand, der zwar ein gutes Herz, aber keinen Glauben hatte, vor einer Weltkarte stehend zu mir: »Hier zeigt sich das Scheitern Christi. Seit Jahrhunderten versucht man, seine Lehre den Herzen der Menschen einzupflanzen, und das ist das Ergebnis: es gibt keine Christen.«
Auch jetzt denken viele so. Doch Christus ist nicht gescheitert: Sein Wort und sein Leben befruchten ständig die Welt. Das Werk Christi, die Aufgabe, die Ihm der Vater anvertraute, wird Wirklichkeit, seine Kraft durchpulst die Geschichte und bringt das wahre Leben in die Welt: Wenn Ihm dann alles unterworfen ist, wird auch Er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der Ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.32
Gott hat gewollt, dass wir seine Mitarbeiter sind an diesem Werk, das Er in der Welt verwirklicht, Er wollte das Risiko unserer Freiheit eingehen. Es bewegt mich zutiefst, wenn ich das neugeborene Kind in Betlehem betrachte, schwach, arm und wehrlos. Gott liefert sich den Händen der Menschen aus, Er nähert sich uns und erniedrigt sich.
Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.33 Gott lässt sich auf unsere Freiheit ein, auf unsere Unvollkommenheit und unser Elend. Er lässt zu, dass göttliche Schätze in irdenen Gefäßen getragen werden, dass wir sie zu erkennen geben in der Verschmelzung unserer Unzulänglichkeiten mit seiner göttlichen Kraft.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/es-cristo-que-pasa/113/ (07.05.2026)