Christliche Berufung
Homilie, gehalten am 2. Dezember 1951, 1. Adventssonntag.
Das liturgische Jahr beginnt, und der Introitus der Heiligen Messe fordert uns auf, eine Wirklichkeit zu bedenken, die eng mit dem Beginn unseres christlichen Lebens zusammenhängt: die Berufung, die wir empfangen haben. Vias tuas, Domine, demonstra mihi, et semitas tuas edoce me1: Herr, zeige mir Deine Wege, lehre mich Deine Pfade. Wir bitten den Herrn, Er möge uns führen, Er möge uns seine Wege zeigen, damit wir zu jener Vollendung seiner Gebote gelangen, welche die Liebe ist.2
Wenn ihr an die Umstände denkt, die eure Entscheidung, euch für ein echtes Leben aus dem Glauben einzusetzen, begleitet haben, dann werdet ihr – wie ich – dem Herrn sehr viel danken, in der aufrichtigen Überzeugung – ohne falsche Demut –, dass es kein eigenes Verdienst war. In der Regel lernten wir von klein auf, aus dem Mund christlicher Eltern, Gott anzurufen; später haben uns Lehrer, Kollegen, Bekannte tausendfach geholfen, Jesus Christus nicht aus den Augen zu verlieren.
Eines Tages – ich will hier nicht verallgemeinern: öffne du selbst dem Herrn dein Herz und erzähle Ihm deine eigene Geschichte – war es vielleicht ein Freund, ein gewöhnlicher Christ wie du, der dir eine tiefere Sicht erschloss, neu und doch zugleich alt wie das Evangelium. Er zeigte dir die Möglichkeit, dich ernsthaft um die Nachfolge Christi zu bemühen und Apostel von Aposteln zu sein. Vielleicht war es von diesem Augenblick an mit deiner Ruhe vorbei, und du erlangtest sie erst wieder, in Frieden verwandelt, als du freiwillig Gott mit einem Ja geantwortet hattest: weil du – und das ist ein sehr übernatürlicher Grund – es eben so wolltest. Und dann kam die Freude, jene starke und beständige Freude, die nur dann schwindet, wenn du dich von Ihm abwendest.
Ich rede nicht gern von Auserwählten und Privilegierten; aber es ist Christus selbst, der davon spricht und der auserwählt, es ist die Sprache der Heiligen Schrift: elegit nos in ipso ante mundi constitutionem, sagt der heilige Paulus, ut essemus sancti3. Er hat uns auserwählt, schon vor Erschaffung der Welt, dass wir heilig seien. Ich weiß, dass dich dies nicht hochmütig macht und dass du dich deswegen nicht für besser als die anderen Menschen hältst. Diese Auserwählung, die Wurzel der Berufung, soll gerade die Grundlage deiner Demut sein. Ist dem Pinsel eines großen Malers je ein Denkmal gesetzt worden? Er diente dazu, Meisterwerke zu schaffen, aber das Verdienst gehört dem Künstler. Wir Christen sind nur Werkzeuge des Schöpfers der Welt, des Erlösers aller Menschen.
Die Apostel waren gewöhnliche Menschen
Es ermutigt mich, ein ganz ähnliches Ereignis zu betrachten, dessen Hergang Schritt für Schritt auf den Seiten des Evangeliums erzählt wird: die Berufung der ersten Zwölf. Wir wollen sie langsam erwägen und dabei diese heiligen Zeugen des Herrn darum bitten, dass wir Christus nachzufolgen verstehen, wie sie es taten.
Jene ersten Apostel, die ich so sehr liebe und verehre, galten, nach menschlichen Maßstäben, recht wenig. Was ihre gesellschaftliche Stellung angeht, waren sie – mit Ausnahme von Matthäus, der sicherlich gut verdiente und dann alles verließ, als Jesus ihn dazu aufforderte – allesamt Fischer. Sie lebten von der Hand in den Mund und arbeiteten nachts für ihren Lebensunterhalt.
Die gesellschaftliche Stellung mag vielleicht am wenigsten zählen. Doch sie waren auch nicht gebildet, nicht einmal sonderlich begabt, wenigstens was die übernatürlichen Dinge betrifft. Selbst die einfachsten Beispiele und Vergleiche wollten ihnen nicht eingehen, sie wandten sich an den Meister: Domine, edissere nobis parabolam4, Herr, erkläre uns das Gleichnis. Als Jesus sie einmal in bildlicher Rede vor dem Sauerteig der Pharisäer warnt, denken sie, Er tadele sie, weil sie kein Brot gekauft hätten.5
Arm, unwissend. Nicht einmal einfach und schlicht sind sie. Bei aller Beschränktheit sind sie obendrein voll Ehrgeiz. Oft streiten sie darüber, wer der größte von ihnen sein wird, wenn – nach ihren Vorstellungen – Christus endgültig das Reich Israel auf Erden errichtet haben wird. Sie streiten und erhitzen sich während des erhabenen Augenblicks, da Jesus im Begriff ist, sich für die Menschheit zu opfern, beim Letzten Abendmahl.6
Glaube, wenig. Christus selbst sagt es ihnen.7 Sie sahen Ihn Tote auferwecken, Krankheiten aller Art heilen, Brot und Fische vermehren, Stürme stillen, Teufel austreiben. Der heilige Petrus, zum Haupt ausersehen, ist der einzige, der ohne Umschweife antworten kann: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!8 Doch er interpretiert diesen Glauben auf seine Art und erlaubt sich, Christus Vorhaltungen zu machen, damit Er sich nicht zum Heil der Menschen hingebe. Jesus muss ihm entgegentreten: Weg von mir, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.9 »Petrus«, bemerkt der heilige Johannes Chrysostomus, »dachte nach Menschenart und meinte, das alles« – Passion und Tod – »wäre Christi unwürdig, verwerflich. Darum tadelt ihn Jesus und sagt ihm: nein, Leiden ist meiner nicht unwürdig; du denkst nur so, weil du nach Menschenart urteilst, nach Art des Fleisches.«10
Zeichneten sich diese kleingläubigen Männer vielleicht durch ihre Liebe zu Christus aus? Kein Zweifel, dass sie Ihn liebten, zumindest mit Worten. Mitunter werden sie hingerissen von Begeisterung: Lasst uns mit Ihm gehen, um mit Ihm zu sterben!11 Doch in der Stunde der Wahrheit fliehen alle, außer Johannes, der wirklich mit Werken liebte. Nur er, der jüngste unter den Aposteln, bleibt unter dem Kreuz. Die anderen empfanden nicht jene Liebe, die stark ist wie der Tod.12
Das waren die vom Herrn erwählten Jünger; so sucht sie Christus aus; so traten sie auf, bevor sie, voll des Heiligen Geistes, zu Säulen der Kirche wurden.13 Es sind gewöhnliche Menschen, mit Fehlern und Schwächen, mit Worten, die weiter als ihre Taten reichen. Und dennoch: Jesus ruft sie, um aus ihnen Menschenfischer14, Miterlöser, Verwalter der Gnade Gottes zu machen.
Ähnlich ist es bei uns gewesen. Mühelos ließen sich in unserer Familie, unter unseren Freunden und Kollegen, um nicht vom weiten Panorama der Welt zu reden, viele Menschen mit besseren Voraussetzungen für den Ruf Christi finden: Menschen, die einfacher, klüger, einflussreicher, bedeutender, dankbarer, großherziger sind als wir.
All das beschämt mich, wenn ich darüber nachdenke. Aber ich bin mir auch bewusst, dass unsere menschliche Denkart nicht taugt, um die Wirkungen der Gnade zu erklären. Gott sucht sich gewöhnlich schwache Werkzeuge aus, damit sich klar zeigt, dass das Werk seines ist. Die Stimme des Apostels Paulus bebt noch bei dem Gedanken an seine eigene Berufung: Zuletzt erschien Er auch mir, gleichsam der Missgeburt. Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe.15 So schreibt Saulus aus Tarsus, dessen Persönlichkeit und dessen Kraft im Verlauf der Geschichte nur noch größer geworden sind.
Von unserer Seite ohne jegliches Verdienst, sagte ich euch; denn untrennbar verbunden mit unserer Berufung ist die Erkenntnis unserer Armseligkeit und die Überzeugung, dass das Licht, das die Seele erleuchtet – der Glaube –, die Liebe, mit der wir lieben – die caritas –, und die Sehnsucht, die uns trägt – die Hoffnung –, lauter Gaben Gottes sind. Wenn wir also nicht in der Demut wachsen, verlieren wir das Ziel der göttlichen Auserwählung aus den Augen: ut essemus sancti, die persönliche Heiligkeit.
Von dieser Demut her können wir nunmehr die ganze Herrlichkeit des göttlichen Rufes begreifen. Die Hand Christi hat uns vom Weizenfeld aufgelesen. Der Sämann drückt die Weizenkörner in seiner durchbohrten Hand, das Blut Christi durchtränkt sie. Dann wirft der Herr den getränkten Weizen in den Wind, damit er im Sterben Leben bringe und, einmal in die Erde gesenkt und begraben, sich in goldenen Ähren vervielfältigen kann.
Es ist an der Zeit aufzuwachen
Die Lesung der Heiligen Messe erinnert uns daran, dass wir diese Verantwortung als Apostel mit erneuertem Geist übernehmen sollen, mutig und wach. Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!16
Ihr werdet mir sagen, das sei nicht leicht. Und es stimmt. Die Feinde des Menschen, die Feinde seiner Heiligkeit, versuchen, dieses neue Leben, das Anziehen des Geistes Christi, zu vereiteln. Ich kenne keine bessere Aufzählung der Hindernisse für die christliche Treue als die des heiligen Johannes: concupiscentia carnis, concupiscentia oculorum et superbia vitae17, Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens.
Die Begierde des Fleisches ist nicht allein das ungeordnete Streben der Sinne im allgemeinen; auch nicht das sexuelle Begehren, das geordnet sein soll und in sich nicht böse, sondern vielmehr etwas echt Menschliches ist, das geheiligt werden kann. Gerade deshalb rede ich nie von Unreinheit, sondern von Reinheit, denn an alle richten sich die Worte des Herrn: Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.18 Aufgrund göttlicher Berufung sollen die einen diese Reinheit in der Ehe leben, die anderen im Verzicht auf diese menschliche Liebe, um ausschließlich und leidenschaftlich der Liebe Gottes zu entsprechen. Weder diese noch jene aber werden Knechte der Sinnlichkeit sein, sondern Herren ihres Leibes und ihres Herzens, um sie mit Opfergeist anderen schenken zu können.
Wenn ich von der Tugend der Reinheit spreche, so sage ich: die heilige Reinheit. Denn die christliche Reinheit ist heilig. Sie hat nichts mit der hochmütigen Haltung gemeinsam, sich als rein, als unbefleckt zu betrachten. Vielmehr besteht sie in dem Wissen darum, dass unsere Füße aus Lehm sind19, auch wenn die Gnade Gottes uns Tag für Tag von den Nachstellungen des Feindes befreit. Ich halte es für eine Entstellung des Christentums, wenn einige fast ausschließlich über diese Dinge schreiben und predigen und dabei andere Tugenden vernachlässigen, die von entscheidender Bedeutung für den Christen sind sowie allgemein für das Zusammenleben der Menschen.
Die heilige Reinheit ist weder die einzige noch die wichtigste Tugend für den Christen. Aber sie ist unentbehrlich bei unserem täglichen Bemühen um die Heiligkeit; wenn sie nicht gelebt wird, dann ist es unmöglich, apostolisch zu wirken. Die Reinheit ist eine Folge der Liebe, in der wir dem Herrn Seele und Leib, Geist und Sinne geschenkt haben. Sie ist nicht Verneinung, sondern freudige Bejahung.
Ich sagte, dass die Begierde des Fleisches nicht auf eine ungeordnete Sinnlichkeit beschränkt bleibt; ihre Folgen sind auch Bequemlichkeit, mangelnder Schwung, die Neigung, das Leichtere, das Angenehmere, den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen, auch wenn es um den Preis eines Nachlassens in der Treue zu Gott geschieht.
Ein solches Verhalten würde bedeuten, sich der Herrschaft jenes anderen Gesetzes, des Gesetzes der Sünde, bedingungslos zu unterwerfen, vor dem uns der heilige Paulus warnt: Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will. Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde … Infelix ego homo! Ich elender Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?20 Hört, was der Apostel antwortet: Die Gnade Gottes, durch Jesus Christus unseren Herrn.21 Wir können und müssen gegen die Begierde des Fleisches kämpfen, denn die Gnade des Herrn fehlt nie, wenn wir demütig sind.
Der andere Feind, von dem der heilige Johannes spricht, ist die Begierde der Augen – eine abgrundtiefe Gier, die uns nur das schätzen lässt, was man betasten kann. Es sind Augen, die am Irdischen kleben, aber auch Augen, die eben deshalb unfähig sind, das Übernatürliche zu entdecken. Wir können also das Wort der Heiligen Schrift auch auf die Gier nach materiellen Gütern beziehen und darüber hinaus auf jene verzerrte Sicht, die uns alles, was uns umgibt – die anderen Menschen, unser Leben und unsere Zeit –, rein menschlich betrachten lässt.
Die Augen der Seele trüben sich, der Verstand hält sich allein für fähig, alles zu verstehen, ohne Gott in Betracht zu ziehen. Es ist eine subtile Versuchung, die sich geschickt auf die Würde der menschlichen Vernunft beruft, die Gott, unser Vater, dem Menschen gegeben hat, damit er Ihn erkenne und in Freiheit liebe. Getrieben von dieser Versuchung, hält sich die menschliche Vernunft für die Mitte des Universums; sie berauscht sich noch einmal an dem ihr werdet wie Gott22, und indem sie sich in sich selbst verliebt, wendet sie sich von der Liebe zu Gott ab.
Auf diesem Weg können wir in die Hände des dritten Feindes, der superbia vitae, geraten. Dabei handelt es sich nicht nur um vorübergehende Gedanken der Eitelkeit oder der Selbstliebe: Es ist eine umfassende Aufgeblasenheit. Täuschen wir uns nicht: Dies ist das schlimmste Übel und der Ursprung aller Irrwege. Der Kampf gegen den Hochmut muss beharrlich sein. Nicht von ungefähr hat man treffend gesagt, diese Leidenschaft sterbe erst einen Tag nach dem Tod des Menschen. Es ist der Übermut des Pharisäers, und es widerstrebt Gott, ihn zu rechtfertigen, da Er bei ihm auf eine Mauer der Selbstgerechtigkeit stößt. Es ist die Arroganz, die dazu führt, die anderen Menschen zu verachten, sie zu beherrschen und zu misshandeln; denn kommt Hochmut, kommt auch Schande23.
Das Erbarmen Gottes
Heute beginnt die Adventszeit, und es ist gut, dass wir die Nachstellungen dieser Feinde unserer Seele bedacht haben: die ungeordnete Sinnlichkeit und die bequeme Leichtfertigkeit; die Verirrung des Verstandes, der sich dem Herrn entgegenstellt; den hochmütigen Stolz, der die Liebe zu Gott und zu den Geschöpfen veröden lässt. Alle diese Geisteshaltungen sind klare Hindernisse, und ihre zerstörende Kraft ist groß. Darum lässt uns die Liturgie die göttliche Barmherzigkeit anflehen: Zu Dir, Herr, erhebe ich meine Seele, mein Gott, auf Dich vertraue ich. Lass mich nicht zuschanden werden, lass meine Feinde nicht triumphieren24, haben wir im Introitus gebetet. Und in der Antiphon des Offertoriums sagen wir: Ich hoffe auf Dich, dass ich nicht zuschanden werde!
Jetzt, da die Zeit des Heiles naht, ist es tröstlich, bei den Worten des heiligen Paulus zu verweilen: Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, hat Er uns gerettet – nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen25.
Überall in der Heiligen Schrift werdet ihr die göttliche Barmherzigkeit entdecken: sie erfüllt die Erde26, erstreckt sich auf alle seine Kinder, super omnem carnem27; sie umgibt uns28 und kommt uns entgegen29, sie umschirmt uns, um uns zu helfen30, und sie ist ständig bestätigt worden31. Wenn Gott sich uns wie ein liebender Vater zuwendet, betrachtet Er uns in seiner Barmherzigkeit32: einer Barmherzigkeit, die mild ist33, köstlich wie Regenwolken zur Zeit der Dürre34.
Jesus fasst diese lange Geschichte der göttlichen Barmherzigkeit zusammen und vollendet sie: Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.35 Und ein anderes Mal: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.36 Neben vielen anderen Szenen des Evangeliums haben sich uns auch diese besonders eingeprägt: die Milde gegen die Ehebrecherin, die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaf, vom Gläubiger, dem die Schuld erlassen wird, die Auferweckung des Sohnes der Witwe von Naïn37. Wie viele Gründe der Gerechtigkeit könnten zur Erklärung dieses großen Wunders angeführt werden! Der einzige Sohn dieser armen Witwe, der ihrem Leben Sinn gab, der ihr im Alter beistehen könnte, ist gestorben. Doch Christus wirkt das Wunder nicht aus Gründen der Gerechtigkeit. Er tut es aus Mitgefühl, weil das menschliche Leid Ihn ergriffen hat.
Welche Sicherheit muss uns die Anteilnahme des Herrn einflößen! Er wird zu mir rufen, und ich werde ihn erhören, denn ich bin barmherzig.38 Eine Einladung, ein Versprechen, das Er nicht unerfüllt lassen wird. Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.39 Die Feinde unserer Heiligung werden nichts ausrichten, denn die Barmherzigkeit des Herrn beschützt uns. Und wenn wir durch eigene Schuld und eigene Schwäche fallen, wird uns der Herr erretten und aufrichten. »Du hattest gelernt, die Nachlässigkeit zu meiden, den Hochmut fern von dir zu halten, Frömmigkeit zu erwerben, dich von den menschlichen Belangen nicht gefangennehmen zu lassen, das Vergängliche nicht dem Ewigen vorzuziehen. Da aber die menschliche Schwäche in einer rutschigen Welt nicht festen Tritt wahren kann, hat dir der gute Arzt auch Mittel gegen die Verirrung gezeigt, und der barmherzige Richter hat dir die Hoffnung auf Vergebung nicht verweigert.«40
Das Ja des Menschen
In diesem Klima der göttlichen Barmherzigkeit vollzieht sich die Existenz des Christen. Unter diesen Vorzeichen kämpft er darum, sich wie ein echter Sohn seines Vaters zu verhalten. Welches sind nun die Hauptmittel zur Festigung der Berufung? Heute möchte ich dich auf zwei hinweisen, die wie lebendige Achsen unseres christlichen Verhaltens sind: das innere Leben und die Bildung in der christlichen Lehre, die vertiefte Kenntnis unseres Glaubens.
Zuerst das innere Leben. Wie wenige verstehen das heute noch! Wenn sie vom inneren Leben hören, denken sie an das Halbdunkel des Tempels, wenn nicht gar an die muffige Atmosphäre einiger Sakristeien. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wiederhole ich, dass dies nicht das innere Leben ist. Mir geht es um das innere Leben von gewöhnlichen Christen, die in einer offenen Welt frische Luft atmen und auf der Straße, bei der Arbeit, in der Familie und in ihrer Freizeit den ganzen Tag über Christus vor Augen haben. Was ist das anders als ein Leben andauernden Gebetes? Hast du nicht das Bedürfnis empfunden, ein Mensch des Gebetes zu sein, so dass der Umgang mit Gott dich zu vergöttlichen vermag? Das ist der christliche Glaube, und so haben es die Menschen gehalten, die zu beten wussten. »Dieser Mensch«, schreibt Clemens von Alexandrien, »wird Gott, weil er dasselbe will wie Gott.«41
Am Anfang wird es dir schwerfallen; man muss sich anstrengen, sich an den Herrn wenden und Ihm für seine väterliche und spürbare Fürsorge danken. Allmählich wird die Liebe Gottes fühlbar – auch wenn es eigentlich nicht um Gefühle geht – wie eine feste Hand, die die Seele ergreift. Es ist Christus, der uns liebend verfolgt: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.42 Wie steht es mit deinem Gebetsleben? Verspürst du nicht im Laufe des Tages den Wunsch, länger mit Ihm zu sprechen? Sagst du Ihm nicht: Später erzähle ich es Dir, später werde ich mit Dir darüber reden?
In den Zeiten, die eigens dieser Unterhaltung mit dem Herrn gewidmet sind, spricht sich das Herz aus, der Wille wird gestärkt, der Verstand sieht mit Hilfe der Gnade, wie sich Übernatürliches und Menschliches durchdringen können. Klare und praktische Vorsätze sind die Frucht: dein Verhalten zu bessern, allen Menschen in feinfühliger Liebe zu begegnen, dich mit dem festen Willen eines guten Sportlers ganz in diesem christlichen Kampf der Liebe und des Friedens zu engagieren.
So wird das Beten beständig wie das Pochen des Herzens, wie der Pulsschlag. Ohne diese Gegenwart Gottes ist kein kontemplatives Leben möglich; und ohne kontemplatives Leben taugt die Arbeit für Christus wenig, denn vergeblich mühen sich die Bauleute, wenn Gott das Haus nicht baut.43
Das Salz der Abtötung
Um sich zu heiligen, braucht der gewöhnliche Christ – der ja kein Ordensmann ist und sich von der Welt nicht abwendet, da die Welt der Ort seiner Begegnung mit Christus ist – keine äußeren Zeichen, keinen Habit. Seine Erkennungszeichen sind innerer Art: die fortwährende Gegenwart Gottes und der Geist der Abtötung. Eigentlich sind beide eine einzige Wirklichkeit, denn die Abtötung ist nichts anderes als das Gebet der Sinne.
Die christliche Berufung ist Berufung zum Opfer, zur Buße, zur Sühne. Wir müssen sühnen für unsere eigenen Sünden – wie oft haben wir wohl das Gesicht abgewandt, um Gott nicht zu sehen! – und für alle Sünden der Menschen. Wir müssen Christus aus der Nähe folgen: Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, die Entsagung Christi, seine Erniedrigung am Kreuz, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.44 Unser Weg ist ein Weg der Aufopferung, und in dieser Selbstverleugnung finden wir das gaudium cum pace, die Freude und den Frieden.
Wir blicken auf die Welt nicht mit traurigem Gesicht. Jene Verfasser von Heiligengeschichten, die um jeden Preis wunderliche Dinge bei den Dienern Gottes schon seit den ersten Atemzügen entdecken wollten, haben, sicherlich unbeabsichtigt, der Katechese einen schlechten Dienst erwiesen. Von manchen Heiligen heißt es, sie hätten als Kinder nie geweint oder sich aus Abtötung freitags nicht stillen lassen … Du und ich, wir haben bei der Geburt ordentlich geweint, wie es sich gehört, und an der Brust der Mutter gesogen, ohne uns um Fastenzeit oder Quatembertage zu kümmern …
Wir haben jetzt mit der Hilfe Gottes gelernt, im scheinbaren Einerlei des Tages eine Zeit wahrer Buße, spatium verae poenitentiae, zu entdecken. Und in diesem Augenblick fassen wir einen Vorsatz für die emendatio vitae, die Besserung unseres Lebens. Das ist der richtige Weg, um uns auf die Gnade und auf die Eingebungen des Heiligen Geistes in der Seele vorzubereiten. Und – ich wiederhole es – mit dieser Gnade kommt das gaudium cum pace: stellen sich die Freude, der Frieden und die Beharrlichkeit auf unserem Weg ein.45
Die Abtötung ist das Salz unseres Lebens. Und die beste Abtötung ist jene, die – in winzigen Kleinigkeiten, den ganzen Tag hindurch – die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und die Hoffart des Lebens bekämpft. Es sollen Abtötungen sein, die nicht die anderen abtöten, die uns feinfühliger, verständnisvoller, offener allen anderen gegenüber machen. Du besitzt nicht den Geist der echten Abtötung, wenn du überempfindlich bist, wenn du nur auf deine egoistischen Wünsche bedacht bist, wenn du die anderen ausnützt, wenn du es nicht fertigbringst, dir Überflüssiges, manchmal auch Nötiges zu versagen; wenn du traurig wirst, nur weil dies oder jenes nicht nach deinen Vorstellungen geschieht. Echten Geist der Abtötung hast du hingegen, wenn du es verstehst, allen alles zu werden, um alle zu retten.46
Der Glaube und der Verstand
Das Leben des Gebetes und der Buße und das Erwägen unserer Gotteskindschaft verwandeln uns in Christen von tiefer Frömmigkeit, gleich kleinen Kindern vor Gott. Die Frömmigkeit, die pietas, ist die Tugend der Kinder gegenüber ihren Eltern, und damit sich das Kind den Armen seines Vaters anvertrauen kann, muss es klein sein und sich klein fühlen, bedürftig. Wie oft habe ich über dieses Leben der geistlichen Kindschaft meditiert, das mit dem Starkmut vereinbar ist, denn es erfordert einen starken Willen, eine ausgewogene Reife, einen festen und offenen Charakter.
Fromm also wie die Kinder; aber nicht unwissend, denn jeder muss sich nach seinen Möglichkeiten um ein ernsthaftes, wissenschaftliches Studium des Glaubens bemühen; das alles ist Theologie. Folglich: die Frömmigkeit von Kindern und die sichere Lehre von Theologen.
Das Verlangen, dieses theologische Wissen zu erwerben – die zuverlässige und feste christliche Lehre –, wird an erster Stelle geweckt durch den Wunsch, Gott kennenzulernen und zu lieben. Es ist aber gleichzeitig auch Folge des Dranges der gläubigen Seele nach tieferem Verständnis dieser Welt, die das Werk des Schöpfers ist. Monoton versuchen manche, eine vermeintliche Unvereinbarkeit zwischen Glauben und Wissen, göttlicher Offenbarung und menschlichem Verstand wieder aufzuwärmen. Es kann nur dann eine scheinbare Unvereinbarkeit auftreten, wenn die tatsächlichen Bezugspunkte des Problems nicht begriffen werden.
Wenn die Welt aus den Händen Gottes stammt, wenn Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen47 und wenn Er ihm einen Funken seines Lichtes mitgeteilt hat, dann muss die Arbeit des Verstandes – mag sie auch noch so mühselig sein – den göttlichen Sinn entziffern, den schon auf natürliche Weise alle Dinge besitzen; und mit dem Licht des Glaubens erkennen wir auch ihren übernatürlichen Sinn, den sie auf Grund unserer Erhebung zur Ordnung der Gnade erhalten. Wir dürfen keine Angst vor der Wissenschaft haben, denn jede wirklich wissenschaftliche Arbeit strebt nach der Wahrheit. Und Christus hat gesagt: Ego sum veritas.48 Ich bin die Wahrheit.
Der Christ muss nach Wissen hungern. Von der Pflege der abstraktesten Wissenschaften bis zu den handwerklichen Fertigkeiten kann und muss alles zu Gott führen. Denn es gibt keine menschliche Tätigkeit, die nicht geheiligt werden könnte und nicht selbst Anlass zur eigenen Heiligung und zur Mitwirkung mit Gott bei der Heiligung unserer Mitmenschen wäre. Das Licht der Jünger Christi darf nicht in der Talsohle bleiben, sondern muss leuchten auf dem Gipfel des Berges, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen49.
So arbeiten ist Gebet. So studieren ist Gebet. So forschen ist Gebet. Immer wieder kommen wir auf dasselbe zurück: Alles ist Gebet, alles kann und soll uns zu Gott führen, zum ständigen Umgang mit Ihm, von morgens bis abends. Jede ehrliche Arbeit kann Gebet sein; und jede Arbeit, die Gebet ist, ist auch Apostolat. Auf diese Weise wird die Seele stark, in einer schlichten und kraftvollen Einheit des Lebens.
Die Hoffnung des Advent
An diesem ersten Adventssonntag möchte ich euch nicht mehr sagen, jetzt, da wir beginnen, die Tage zu zählen, die uns von der Geburt des Heilandes noch trennen. Wir haben die Wirklichkeit der christlichen Berufung betrachtet: wie der Herr sein Vertrauen in uns gesetzt hat, um Menschen zur Heiligkeit zu führen, Ihm näherzubringen, sie der Kirche anzugliedern, das Reich Gottes in allen Herzen auszubreiten. Der Herr will, dass wir hingegeben sind, treu, feinfühlig, liebevoll. Er will uns heilig, ganz als die Seinen.
Auf der einen Seite Hochmut, Sinnlichkeit, Überdruss, Egoismus; auf der anderen Seite Liebe, Hingabe, Erbarmen, Demut, Opfer, Freude. Du musst wählen. Du bist zu einem Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe berufen. Du darfst nicht niedriger zielen und in anspruchsloser Gleichgültigkeit verharren.
Ich sah einmal einen Adler, in einen eisernen Käfig gesperrt, schmutzig, halb gerupft. In seinen Krallen hielt er ein Stück Aas. Ich musste daran denken, was geschehen würde, wenn ich die von Gott empfangene Berufung verließe. Mir tat jenes einsame und angekettete Tier leid, geboren, um hochzusteigen und in die Sonne zu schauen. Wir können aufsteigen bis zu den demütigen Höhen der Liebe Gottes und des Dienstes an allen Menschen. Doch dafür darf es in der Seele keine dunklen Winkel geben, auf die das Sonnenlicht Christi nicht fallen kann. Weg mit allen Sorgen, die uns von Ihm trennen: Christus in deinem Verstand, Christus auf deinen Lippen, Christus in deinem Herzen, Christus in deinen Werken. Dein ganzes Leben – dein Herz und deine Werke, dein Verstand und deine Worte – erfüllt von Gott.
Dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe50, haben wir im Evangelium gelesen. Die Adventszeit ist eine Zeit der Hoffnung. Das weite Feld unserer christlichen Berufung, diese Einheit des Lebens, deren Nerv die Gegenwart Gottes, unseres Vaters ist, kann und muss eine tägliche Wirklichkeit sein.
Bitte mit mir Unsere Liebe Frau darum und vergegenwärtige dir, wie sie diese Monate in der Erwartung des Sohnes, der geboren werden soll, wohl verbracht haben mag, und Unsere Liebe Frau, die heilige Maria, wird erreichen, dass du alter Christus, ipse Christus wirst, ein zweiter Christus, Christus selbst.
Ps 25 (24), 4.
Vgl. Mt 22, 37; Mk 12, 30; Lk 10, 27.
Eph 1, 4.
Mt 13, 36.
Vgl. Mt 16, 6-7.
Vgl. Lk 22, 24-27.
Vgl. Mt 14, 31; 16, 8; 17, 19; 21, 21.
Mt 16, 16.
Mt 16, 23.
Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 54, 4 (PG 58, 537).
Joh 11, 16.
Hld 8, 6.
Vgl. Gal 2, 9.
Mt 4, 19.
Ps 25 (24),1-2.
Tit 3, 4-5.
Ps 33 (32), 5.
Sir 18, 12.
Ps 32 (31), 10.
Ps 59 (58), 11.
Ps 34 (33), 8.
Ps 117 (116), 2.
Ps 25 (24), 7.
Ps 109 (108), 21.
Sir 35, 26.
Mt 5, 7.
Lk 6, 36.
Lk 7, 11-17.
Ex 22, 27 (Vg).
Hebr 4, 16.
Ambrosius, Expositio Evangelii secundum Lucam, 7 (PL 15, 1540).
Clemens von Alexandrien, Paedagogus, 3, 1, 1, 5 (PG 8, 556).
Offb 3, 20.
Vgl. Ps 127 (126), 1.
2 Kor 4, 10.
Gaudium cum pace, emendationem vitae, spatium verae poenitentiae, gratiam et consolationem Sancti Spiritus, perseverantiam in bonis operibus, tribuat nobis omnipotens et misericors Dominus. Amen (Römisches Brevier, Vorbereitungsgebet auf die Heilige Messe).
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Text gedruckt bei https://escriva.org/de/es-cristo-que-pasa/christliche-berufung/ (07.05.2026)