Der Christ und die Achtung der Person und ihrer Freiheit

Homilie, gehalten am 5. März 1961, Mittwoch nach dem 4. Fastensonntag.


In der Heiligen Messe haben wir einen Text aus dem Johannes-Evangelium gehört: die Szene der wunderbaren Heilung des Blindgeborenen. Ich denke, dass die Macht und die Barmherzigkeit Gottes, der angesichts der Not des Menschen nicht gleichgültig bleibt, aufs neue unser Herz berührt haben. Jetzt aber möchte ich auf andere Züge dieses Geschehens hinweisen, die uns zeigen werden, dass auch der Christ, wenn die Liebe Gottes ihn bewegt, angesichts des Schicksals anderer nicht gleichgültig bleibt und es versteht, alle Menschen zu achten; und wir werden auch sehen, wie die Gefahr eines rücksichtslosen, fanatischen Einbruchs in das Gewissen anderer droht, sobald diese Liebe verkümmert.

Beim Vorübergehen sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war1, heißt es im Evangelium. Jesus geht vorüber. Oft habe ich diese einfache Art bewundert, die göttliche Barmherzigkeit zu schildern. Jesus geht vorüber und bemerkt sogleich das Leid. Wie ganz anders waren hingegen die Gedanken seiner Jünger. Sie fragen Ihn: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?2

Böswilliges Urteilen

Es soll uns nicht wundern, dass viele Menschen, solche, die sich für Christen halten, ähnlich reagieren: Zunächst einmal denken sie Schlechtes vom anderen. Sie setzen es unbewiesen voraus und denken es nicht nur, sondern erdreisten sich, es in aller Öffentlichkeit böswillig auszusprechen.

Gelinde ausgedrückt, könnte das Verhalten der Jünger als leichtfertig bezeichnet werden. In jener Gesellschaft gab es – nicht anders als heute: darin hat sich wenig geändert – gewisse Menschen, die Pharisäer, die diese Verhaltensweise zur Norm erhoben. Erinnert euch, wie der Herr sie anklagt: Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht, und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!3

Systematische Angriffe auf den guten Ruf, Herabsetzung eines über jeden Tadel erhabenen Verhaltens: dies ist die beißende und verletzende Kritik, der Jesus Christus ausgesetzt war, und es ist nicht verwunderlich, dass sie ebenso auch auf jene niedergeht, die im Bewusstsein der eigenen Armseligkeiten und häufigen – angesichts der menschlichen Schwachheit würde ich hinzufügen: unvermeidlichen – Fehler Christus nachfolgen wollen. Wenn wir feststellen, dass es sich tatsächlich so verhält, dürfen wir uns jedoch nicht dazu verleiten lassen, solche Sünden und Vergehen wider den guten Ruf – Gerede nennt man sie, mit einer Nachsicht, die Verdacht erregt – zu rechtfertigen. Zwar sagt Christus, dass es den Hausgenossen kaum besser ergehen wird als dem Hausherrn, den sie Beelzebub genannt haben4, aber Er sagt auch, wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein5.

Wie kommt es zu dieser ungerechten Beurteilung der anderen? Es sieht so aus, als würden einige Menschen ständig eine Brille tragen, die ihnen die Sicht verzerrt. Sie bezweifeln grundsätzlich die Möglichkeit, dass jemand rechtschaffen ist oder sich zumindest immer um Lauterkeit bemüht. Sie empfangen alles nach der Art des Empfangenden, ad modum recipientis, wie es in der alten philosophischen Sentenz heißt: in Übereinstimmung mit ihrem eigenen, verbildeten Gewissen. Selbst hinter der aufrechtesten Handlung verbirgt sich für sie eine verschlagene Haltung, die sich heuchlerisch den Anschein des Guten gibt. »Wenn sie das Gute klar vor sich sehen«, schreibt der heilige Gregor, »forschen sie weiter nach, um festzustellen, ob sich nicht doch Übles dahinter verbirgt.«6

Es ist sehr schwer, diesen Menschen, denen die Verzerrung gleichsam zur zweiten Natur geworden ist, einsichtig zu machen, dass es menschlicher und wahrheitsgemäßer ist, gut vom Nächsten zu denken. Vom heiligen Augustinus stammt der Ratschlag: »Bemüht euch, die Tugenden zu erwerben, die nach eurer Meinung euren Brüdern fehlen, und so werdet ihr ihre Fehler nicht mehr sehen, da ihr sie selbst nicht habt.«7 Einige meinen, dies sei naiv, ihre eigene Einstellung sei realistischer, vernünftiger.

Solche erheben das Vorurteil zur Urteilsnorm; und so beleidigen sie von vornherein jeden, bevor sie sich überhaupt auf Vernunftgründe einlassen. Erst dann, sachlich und wohlwollend, werden sie vielleicht dem Beleidigten die Möglichkeit zugestehen, sich zu verteidigen: und dies gegen jede Moral und alles Recht, denn statt selbst die Beweislast für die Unterstellung zu übernehmen, gewähren sie dem Unschuldigen das Privileg, seine Unschuld zu beweisen.

Ich will euch nicht verhehlen – es wäre unaufrichtig –, dass hinter den vorangegangenen Überlegungen mehr steht als lediglich eine verkürzte Nachlese aus moraltheologischen und juristischen Nachschlagewerken. Sie entstammen vielmehr der Erfahrung, die nicht wenige am eigenen Leib gemacht haben; sie und viele andere sind oft und jahrelang Zielscheibe für üble Nachrede, Ehrabschneidung und Verleumdungen gewesen. Die Gnade Gottes und ein nicht nachtragendes Wesen haben bewirkt, dass dies alles keine Spur der Verbitterung hinterlassen hat. Mihi pro minimo est, ut a vobis iudicer8, mir liegt wenig daran, von euch beurteilt zu werden, könnten sie mit dem heiligen Paulus sagen. Und manchmal haben sie vielleicht – mit einem Ausdruck der Umgangssprache – hinzugefügt: es lässt mich kalt. Denn so ist es.

Andererseits aber betrübt mich doch der Gedanke, dass derjenige, der zu Unrecht den guten Ruf eines anderen antastet, sich selbst damit zugrunde richtet. Und es schmerzt mich auch wegen der vielen Menschen, die angesichts des willkürlichen Anklagegeschreis entsetzt und ratlos weder ein noch aus wissen und meinen, all dies sei ein Alptraum.

Vor wenigen Tagen hörten wir in der Lesung der Heiligen Messe die Geschichte der Susanna, jener keuschen Frau, die von zwei lüsternen Greisen fälschlich der Unzucht beschuldigt wurde. Da seufzte Susanna und sagte: Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen.9 Wie oft bringt die Durchtriebenheit der Neidischen oder Intriganten viele unschuldige Menschen in diese Lage, die dann vor der Alternative stehen, entweder den Herrn zu beleidigen oder die eigene Ehre geschmäht zu sehen. Die einzige ehrenhafte und würdige Lösung ist zugleich äußerst schmerzlich, und sie müssen sich entscheiden: Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den Herrn sündigen.10

Recht auf Privatleben

Wenden wir uns wieder der Heilung des Blindgeborenen zu. Christus hat den Jüngern geantwortet, dass jenes Unglück nicht die Folge der Sünde ist, sondern der Anlass, dass sich die Macht Gottes erweise. Und mit verblüffender Einfachheit beschließt Er, dass der Blinde sehe.

Für diesen Menschen beginnt nun aber mit seinem Glück auch seine Qual. Sie werden ihn nicht in Ruhe lassen. Da sind zunächst die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten11. Das Evangelium berichtet nichts darüber, dass sie sich gefreut hätten, sondern nur, dass sie es nicht zu glauben vermochten, obwohl der Geheilte immer wieder bekräftigte, der Blinde von früher und der Sehende von jetzt seien ein und dieselbe Person, er selbst. Sie lassen ihm keine Zeit, sich über sein Glück zu freuen, sondern führen ihn zu den Pharisäern, die ihn wiederum fragen, wie er sehend geworden sei. Er muss es erneut erzählen: Er legte mir einen Teig auf die Augen, und ich wusch mich und jetzt sehe ich.12

Aber die Pharisäer wollen beweisen, dass das Geschehene – eine Wohltat und ein großes Wunder – gar nicht geschehen ist. Einige verstecken ihre Voreingenommenheit hinter kleinlichen, heuchlerischen Argumenten: Er habe ja an einem Sabbat geheilt, und da man am Sabbat nicht arbeiten darf, bestreiten sie das Wunder. Andere beginnen mit dem, was man heute eine Umfrage nennen würde, sie gehen zu den Eltern des Blindgeborenen: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?13 Die Angst vor den Mächtigen lässt die Eltern eine Antwort geben, die allen Erfordernissen einer wissenschaftlichen Methodik genügt: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!14

Die Veranstalter dieser Umfrage können nicht glauben, weil sie nicht glauben wollen: Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: … Wir wissen, dass dieser Mensch – Jesus Christus – ein Sünder ist.15

Mit wenigen Worten zeichnet der Bericht beim heiligen Johannes den Modellfall eines ungeheueren Attentats auf ein Grundrecht, das jedem Menschen von Natur aus zusteht: das Recht, geachtet zu werden.

Das Thema ist nach wie vor aktuell. Es wäre nicht schwer, in der heutigen Zeit auf Fälle solcher aggressiven Neugierde zu verweisen, die zu einem krankhaften Herumschnüffeln im Privatleben anderer Menschen führt. Ein Mindestmaß an Gerechtigkeitssinn verlangt selbst beim Erforschen eines mutmaßlichen Vergehens Bedachtsamkeit und Zurückhaltung, damit eine bloße Möglichkeit nicht gleich als Tatsache hingestellt wird. Und wenn etwas nicht nur kein Vergehen, sondern womöglich sogar etwas Gutes ist, dann wird man nicht umhin können, die krankhafte Sucht, es zu verbreiten, als pervers zu bezeichnen.

Gegenüber den Geschäftemachern mit der Verdächtigung, die einen regelrechten Handel mit der Intimsphäre zu treiben scheinen, tut es not, die Würde des einzelnen, sein Recht auf Privatleben zu verteidigen. Diese Verteidigung ist Sache aller rechtschaffenen Menschen, seien sie nun Christen oder nicht, denn es steht ein gemeinsamer Wert auf dem Spiel: der legitime Wille, der zu sein, der man ist; sich nicht der Schaustellung auszuliefern, sondern die Freuden, Sorgen und Schmerzen nicht über den Kreis der Familie hinausdringen zu lassen; vor allem aber ohne Spektakel Gutes zu tun und aus reiner Liebe dem Bedürftigen zu helfen, ohne die Verpflichtung, den Dienst am Nächsten an die große Glocke zu hängen oder gar das Intimste der eigenen Seele dem argwöhnischen und scheelen Blick von Leuten auszusetzen, denen das innere Leben eines Menschen nicht mehr bedeutet als Anlass zu Frevel und Spott.

Doch wie schwer ist es, diesem aggressiven Herumschnüffeln zu entkommen. Die Methoden, jemanden nicht in Ruhe zu lassen, sind zahlreicher geworden; man denke nur an die Möglichkeiten der Technik, aber auch an bestimmte, gängige Argumentationsweisen, gegen die man sich nur schwer wehren kann, will man den guten Ruf nicht verlieren. So setzt man mitunter einfach voraus, dass alle Menschen schlecht handeln, und in einem solchen Denkschema erscheint natürlich die Selbstkritik, der Meaculpismus unvermeidlich. Bewirft sich nun jemand nicht mit einer Fuhre Schlamm, so folgert man daraus, dass er nicht nur ein Übeltäter, sondern auch noch ein arroganter Heuchler ist.

Zuweilen geht man anders vor: Jemand schreibt Verleumdungen und lässt dann verlauten er selbst sei ja bereit, deine Ehrenhaftigkeit anzunehmen, aber andere Menschen vielleicht nicht; sie könnten verbreiten, du seiest ein Gauner: Wollen Sie also bitte beweisen, dass Sie kein Gauner sind? Oder aber sie sagen: Sie haben immer wieder behauptet, Ihr Verhalten sei untadelig, lauter, redlich; würden Sie bitte von neuem prüfen, ob es nicht doch schmutzig, unehrlich und verlogen ist?

Diese Beispiele sind nicht erfunden. Ich bin sicher, dass jeder Mensch oder jede einigermaßen bekannte Institution weitere Beispiele liefern könnte. In einigen Bereichen ist die verbogene Mentalität aufgekommen, der »Öffentlichkeit«, dem »Volk«, oder welchen Ausdruck man auch immer gebrauchen mag, stehe das Recht zu, die intimsten Einzelheiten aus dem Leben der anderen zu erfahren und zu begutachten.

Gestattet mir hier eine sehr persönliche Bemerkung: Seit mehr als dreißig Jahren habe ich immer wieder gesagt und geschrieben, dass das Opus Dei keine zeitlichen, politischen Ziele verfolgt; dass es einzig und allein die Heilslehre Christi und ein ihr gemäßes Leben unter Menschen aller Rassen, Gesellschaftsschichten und aller Länder verbreiten will; es will dazu beitragen, dass Gott auf der Erde mehr geliebt wird und dass es so mehr Frieden und mehr Gerechtigkeit unter den Menschen gibt, die alle Kinder des einen Vaters sind.

Tausende, ja Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben das verstanden; anderen – wenigen – scheint dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht einzugehen. Auch wenn ich mit dem Herzen jenen näherstehe, achte und liebe ich auch diese, denn alle haben ihre Würde, die Respekt und Achtung verdient, und alle sind zur Herrlichkeit Gottes berufen.

Aber es gibt eine sektiererische Minderheit, die nicht nur nicht begreift, was ich und viele andere Menschen lieben, sondern darüber hinaus Erklärungen und Begründungen verlangt, die ihrer eigenen, ausschließlich politischen Kategorien verhafteten Denkweise entsprechen – eine Denkweise, die sich dem Übernatürlichen verschließt und nur auf das Gleichgewicht und Zusammenspiel von Gruppeninteressen bedacht ist. Erhalten diese Menschen aber nicht eine derart nach ihrem Geschmack zurechtgelegte und deswegen irrige Erklärung, so argwöhnen sie Lüge, Verstellung und dunkle Pläne.

Lasst mich offen sagen, dass ich angesichts solcher Fälle weder traurig noch bekümmert bin; ja, ich würde sie sogar als belustigend empfinden, wenn ich darüber hinwegsehen könnte, dass hier der Nächste beleidigt und eine Sünde begangen wird, die zum Himmel schreit. Ich stamme aus Aragonien, jener Landschaft Spaniens, deren Menschenschlag den Ruf hat, die Offenheit zu lieben; schon meinem Naturell nach liebe ich die Aufrichtigkeit und empfinde instinktiv Abscheu vor jeder Art von Verschleierung. Ich habe mich immer bemüht, ohne Überheblichkeit und ohne Anmaßung die Wahrheit zu sagen, auch jenen, die sich ungehörig benahmen, Arroganz und Feindseligkeit an den Tag legten und jede Spur von Menschlichkeit vermissen ließen.

Oft habe ich daran denken müssen, welche Antwort der Blindgeborene den Pharisäern gab, als diese ihn zum x-ten Male fragten, wie das Wunder geschehen sei: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?16

Balsam für die Augen

Die Sünde der Pharisäer bestand nicht darin, dass sie in Christus nicht Gott sahen, sondern dass sie sich willentlich in sich verschlossen und nicht duldeten, dass Jesus, das Licht selbst, ihnen die Augen öffnete.17 Dieses Sich-Verschließen hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Beziehungen zu den Mitmenschen. Der Pharisäer, der meint, selbst Licht zu sein, und nicht zulässt, dass Gott ihm die Augen öffnet, wird dem Nächsten voller Hochmut und Ungerechtigkeit begegnen: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort18 – das ist sein Gebet. Und der Blindgeborene, der bei der Wahrheit bleiben will und von einer wunderbaren Heilung spricht, muss sich sagen lassen: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.19

Unter jenen, die Christus nicht kennen, gibt es viele gute Menschen, die sich aus einer natürlichen Haltung heraus feinfühlig verhalten: Sie sind aufrichtig, herzlich, aufmerksam. Wenn sie und wir uns nicht dagegenstemmen, dass Christus die Blindheit heilt, die unsere Augen noch trübt, wenn wir es zulassen, dass der Herr diese Augen mit einem Teig bestreicht, der in seinen Händen zu heilender Salbe wird, dann werden wir in einem neuen Licht – mit dem Licht des Glaubens – die irdischen Dinge wahrnehmen und die ewigen erahnen: wir werden einen lauteren Blick erwerben.

Dazu ist der Christ berufen, zur Fülle der Liebe. Diese Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.20

Die Liebe Christi ist nicht bloß ein Gefühl des Wohlwollens gegenüber dem Nächsten, sie ist nicht lediglich eine philanthropische Laune. Die Liebe, die Gott der Seele eingießt, verwandelt Verstand und Willen von innen her, sie gibt der Freundschaft und der Freude an guten Werken eine übernatürliche Grundlage.

Führt euch die Heilung des Gelähmten vor Augen, von der die Apostelgeschichte berichtet. Petrus und Johannes steigen zum Tempel hinauf und stoßen beim Vorübergehen auf einen Mann, der am Tor des Tempels sitzt. Er ist lahm von Geburt. Alles erinnert an die Heilung des Blindgeborenen. Doch jetzt bringen die Jünger dieses Schicksal nicht mehr in Zusammenhang mit den persönlichen Sünden des Kranken oder mit den Verfehlungen seiner Eltern. Sie sagen zu ihm: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, steh auf und geh umher!21 Früher waren sie voll Unverstand, jetzt sind sie voll Erbarmen, früher urteilten sie voreilig, jetzt heilen sie auf wunderbare Weise im Namen des Herrn. Seht, wieder ist es Christus, der vorübergeht! Christus geht immer noch vorüber auf den Straßen der Welt, in der Gestalt seiner Jünger, in der Gestalt der Christen. Und ich bitte Ihn aus ganzem Herzen, Er möge dicht an der Seele so mancher vorübergehen, die mich jetzt hören.

Achtung und Liebe

Am Anfang wunderte uns die Einstellung der Jünger Jesu gegenüber dem Blindgeborenen. Ihr Denken war geprägt von jener unglücklichen Geisteshaltung, wie sie das Sprichwort festhält: Denke Böses und du irrst dich nicht. Später, als sie den Meister näher kennengelernt und begriffen haben, was es bedeutet, ein Christ zu sein, lassen sie sich von Verständnis leiten.

»Bei jedem Menschen«, schreibt der heilige Thomas von Aquin, »lässt sich etwas finden, auf Grund dessen ihn die anderen als überlegen betrachten können gemäß den Worten des Apostels: ›In Demut erachte jeder den anderen höher als sich selbst‹ (Phil 2, 3). Und deshalb müssen alle Menschen einander Ehre erweisen.«22 Die Demut ist jene Tugend, die uns entdecken lässt, dass die Achtung vor einem Menschen – vor seiner Ehre, seinem Glauben, seiner Intimsphäre – nicht bloße Äußerlichkeit ist, sondern erster Erweis der Liebe und der Gerechtigkeit.

Die christliche Nächstenliebe beschränkt sich nicht darauf, dem Bedürftigen in seiner materiellen Not zu helfen; sie zielt zuallererst darauf, jeden einzelnen auf Grund seiner Würde als Mensch und als Kind des Schöpfers zu achten und zu verstehen. Darum verraten die Anschläge auf die Würde der Person – auf ihren guten Ruf, auf ihre Ehre –, dass derjenige, der sie verübt, einige Wahrheiten unseres christlichen Glaubens nicht bekennt oder nicht lebt; auf jeden Fall aber, dass ihm die wahre Gottesliebe fehlt. »Die Liebe, mit der wir Gott und den Nächsten lieben, ist ein und dieselbe Tugend, denn Gott selber ist der Grund, warum wir den Nächsten lieben, und im Nächsten lieben wir niemand anderen als Gott.«23

Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, aus diesem kurzen Gespräch in der Gegenwart des Herrn einige konkrete Folgerungen zu ziehen. Vor allem sollten wir den Vorsatz fassen, die anderen nicht zu richten, nicht zu beleidigen, nicht einmal durch den Zweifel; das Böse im Überfluss des Guten zu ersticken und überall, wo wir sind, ein loyales Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit zu fördern.

Nehmen wir uns auch fest vor, niemals traurig zu werden, wenn unser aufrichtiges Verhalten missdeutet wird; wenn das Gute, das wir uns – immer mit der Hilfe des Herrn – zu tun bemühen, durch eine willkürliche Interpretation unserer Absichten als Verschlagenheit und Heuchelei verketzert wird. Verzeihen wir immer, mit einem Lächeln auf den Lippen. Reden wir deutlich, ohne Groll, wenn wir im Gewissen meinen, dass wir reden sollen. Und legen wir alles in die Hände Gottes, unseres Vaters, indem wir jenes göttliche Schweigen nachahmen – Iesus autem tacebat24, Jesus aber schwieg –, wenn es sich um Angriffe auf unsere eigene Person handelt, mögen sie noch so brutal und schamlos sein. Bemühen wir uns einzig und allein darum, gute Werke zu tun; Er wird schon dafür sorgen, dass sie vor den Menschen leuchten25.

Anmerkungen
1

Joh 9, 1.

2

Joh 9, 2.

3

Mt 11, 18-19.

4

Vgl. Mt 10, 25.

5

Mt 5, 22.

6

Gregor der Große, Moralia, 6, 22 (PL 75, 750).

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
7

Augustinus, Enarrationes in psalmos, 30, 2, 7 (PL 36, 243).

8

1 Kor 4, 3.

9

Dan 13, 22.

10

Dan 13, 23.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
11

Joh 9, 8.

12

Joh 9, 15.

13

Joh 9, 19.

14

Joh 9, 20-21.

15

Joh 9, 24.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
16

Joh 9, 27.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
17

Vgl. Joh 9, 39-41.

18

Lk 18, 11.

19

Joh 9, 34.

20

1 Kor 13, 4-7.

21

Apg 3, 6.

Verzeichnis der Schriftstellen
Anmerkungen
22

Thomas von Aquin, S. Th., II-II, q. 103, a. 2, ad 3.

23

Thomas von Aquin, S. Th., II-II, q. 103, a. 3, ad 2.

24

Mt 26, 63.

25

Mt 5, 16.

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