50

Dienen

Um so zu leben, dass man den Beruf heiligt, ist es vor allem nötig, gut zu arbeiten und diese Arbeit menschlich und übernatürlich ernstzunehmen. Hören wir – als Kontrast dazu – eine Stelle aus einem apokryphen Evangelium: »Der Vater Jesu, der Zimmermann war,« so heißt es da, »machte Pflüge und Joche. Eines Tages wurde bei ihm ein Bett für eine angesehene Person bestellt. Als man am Ende feststellte, dass das eine Seitenbrett kürzer als das andere geworden war, wusste Josef sich nicht zu helfen. Darauf sagte das Jesuskind zu seinem Vater: Lege die zwei Bretter so auf die Erde, dass sie an einem Ende in gleicher Höhe abschließen. Josef tat so. Dann nahm Jesus das Ende des kürzeren Brettes und zog daran, bis es genauso lang war wie das andere. Josef, der Vater, staunte über das Wunder, küsste und umarmte das Kind und sagte: Welch ein Glück, dass mir Gott dieses Kind geschenkt hat.«17

Nein, Josef würde nicht deswegen Gott gedankt haben, er hat sicherlich nicht so gearbeitet. Der heilige Josef ist nicht der wundergierige Bestauner solch einfältiger Lösungen, sondern ein Mann der Ausdauer, der Anstrengung und, wenn nötig, des Einfallsreichtums. Der Christ weiß, dass Gott Wunder wirkt: Er wirkte sie vor Jahrhunderten, Er hat sie gestern gewirkt, und auch heute wirkt Er sie noch, denn non est abbreviata manus Domini18, Gottes Macht ist nicht geringer geworden.

Die Wunder sind eine Äußerung der heilbringenden Allmacht Gottes, nicht aber ein Ausweg für unsere eigene Unfähigkeit oder eine Ermunterung zur Bequemlichkeit. Das Wunder, das der Herr von euch erwartet, ist die Beharrlichkeit in eurer gottgewollten christlichen Berufung, die Heiligung der täglichen Arbeit: Er erwartet von euch das Wunder, dass ihr durch die Liebe, mit der ihr eure gewohnte Arbeit erfüllt, die Prosa des Alltags in epische Dichtung verwandelt. Hier erwartet euch Gott, Er will, dass ihr Menschen seid, die ihre Verantwortung spüren, die eifrig im Apostolat und im Beruf kompetent sind.

Als Motto für eure Arbeit schlage ich euch vor: Para servir, servir.* Denn um ein Vorhaben zu verwirklichen, muss man an erster Stelle lernen, es zu vollenden. Ich glaube nicht an die gute Absicht eines Menschen, der sich nicht bemüht, das notwendige Fachkönnen zu erlangen, um gute Arbeit zu leisten. Gutes tun zu wollen genügt nicht, man muss auch lernen, wie man es tut. Und wenn wir es wirklich wollen, dann wird sich dieser Wunsch in unserem Bemühen äußern, die notwendigen Mittel einzusetzen, damit unsere Arbeit vollendet, damit sie menschlich vollkommen ist.

Anmerkungen
17

Kindheitsevangelium, fälschlich dem Apostel Thomas zugeschrieben, Nr. 13.

18

Jes 59, 1.

*

Unübersetzbares Wortspiel, da der Ausdruck »servir« im Spanischen die doppelte Bedeutung von »dienen« und »taugen« hat, die eine doppelte Übersetzung erlaubt: »Um zu dienen, muß man taugen«, oder auch umgekehrt: »um zu taugen, muß man dienen«.

Verzeichnis der Schriftstellen
Diesen Punkt in einer anderen Sprache