Und wieder kämpfen

Folge der Mahnung des heiligen Paulus: »Hora est iam nos de somno surgere!« – es ist schon an der Zeit, mit der Arbeit zu beginnen. Mit der Arbeit nach innen – der Entfaltung deiner Seele – und mit der Arbeit nach außen – der Entfaltung des Reiches Gottes.

Reumütig sagst du mir: »Wie viel Elend gewahre ich in mir! Ich komme mir vor, als hätte ich niemals das Geringste getan, um Gott näherzukommen – so stumpf bin ich, so sehr von bösen Begierden geplagt. Anfangen, anfangen … O Herr, immer nur dieses Anfangen! Aber ich will versuchen, mir jeden Tag von neuem einen mächtigen Ruck zu geben.«

Gott segne deinen Vorsatz!

Vater, so sagtest du mir, ich habe viele Fehler, ich mache vieles verkehrt.

Ich weiß es, antwortete ich. Aber auch Gott, unser Herr, weiß es und rechnet damit. Von dir erwartet Er nur die Demut, dein Versagen anzuerkennen, und das aufrichtige Bemühen, jeden Tag den Weg von neuem zu begradigen, um Ihm besser zu dienen – mit mehr innerem Leben, mit beharrlichem Beten und echter Frömmigkeit, mit deiner Anstrengung, dich in der Arbeit zu heiligen, indem du die dazu erforderlichen Mittel anwendest.

Hoffentlich gelingt es dir – du willst es ja! –, die Tugenden des Eselchens zu erlangen. Es ist ein anspruchsloses, demütiges Tier, tüchtig, bei der Arbeit ausdauernd, zäh!, dazu treu, mit sicherem Schritt, kräftig und – wenn sein Herr gut ist – auch dankbar und gehorsam.

Betrachte weiter die Eigenschaften des kleinen Esels. Bedenke, wie er nur sinnvoll arbeiten kann, wenn er den Willen seines Herrn tut. Auf sich allein gestellt, käme er nur auf – Eseleien! Mit Sicherheit fiele ihm nichts Besseres ein, als sich auf dem Boden zu wälzen, zum Stall zurückzutrotten … und zu iahen.

Sag auch du dem Herrn: Mein Jesus, »ut iumentum factus sum apud te!« – Du hast mich zu Deinem Eselchen gemacht, verlass mich nicht; »et ego semper tecum!« – und ich werde immer bei Dir bleiben. Führe mich, mit dem starken Band der Gnade an Dich gebunden: »tenuisti manum dexteram meam« – du hast mich beim Halfter genommen; »et in voluntate tua deduxisti me« – gib, dass ich Deinen Willen erfülle. Dann werde ich Dich in alle Ewigkeit lieben – »et cum gloria suscepisti me!«

Auch die winzigste Abtötung kommt dir schon wie eine Heldentat vor. Jesus bedient sich gelegentlich deiner Schrullen und kleinen Eigentümlichkeiten, damit du dich abtötest und aus der Not eine Tugend machst.

Mein Jesus, ich will ja Deiner Liebe entsprechen, aber ich bin so mattherzig …

Doch mit Deiner Gnade werde ich es schaffen!

Mit Nachdruck will ich es noch einmal wiederholen: Das geistliche Leben ist ein ständiges Beginnen und Neubeginnen.

Neubeginnen? Ja! Du beginnst jedesmal von neuem, wenn du einen Reueakt verrichtest – und das sollte oft am Tage geschehen! –, weil du damit Gott deine erneuerte Liebe schenkst.

Was wir im Dienste Gottes tun, darf uns niemals zufriedenstellen; so wenig, wie ein Künstler je mit dem Gemälde oder der Statue, die er geschaffen hat, zufrieden ist. Alle sagen ihm: Ein wunderbares Werk! Er aber denkt bei sich: Nein, das ist nicht, was ich eigentlich wollte. Ich wollte mehr. Auch wir sollten so denken.

Außerdem: Der Herr schenkt uns so viel; Er hat ein Recht darauf, dass wir dem entsprechen … Wir müssen mit Ihm Schritt halten.

Dir fehlt es an Glauben … und an Liebe. Sonst würdest du dich viel öfter und immer sofort an Jesus wenden, um von Ihm dies und jenes zu erbitten.

Zögere nicht länger! Flehe Ihn an! Dann wirst du das Wort Christi vernehmen: »Was willst du, das ich dir tun soll?« So sprach Er den armen Blinden an, der am Straßenrand saß und nicht müde wurde, Ihn zu rufen!

Unser gemeinsamer Freund schrieb: »Ich habe den Herrn viele Male um Vergebung für meine großen Sünden gebeten und Ihm gesagt, dass ich Ihn liebe. Ich habe für seine väterliche Hilfe während dieser Tage gedankt und dabei das Kruzifix geküsst. Erst später wurde mir bewusst, dass ich Ihm wie in früheren Jahren sagte: ›Dei perfecta sunt opera‹ – vollkommen sind die Werke Gottes. Gleichzeitig empfand ich die feste, unzweifelhafte Gewissheit, dies sei die Antwort meines Schöpfers an sein sündiges, aber Ihn liebendes Geschöpf. Alles erwarte ich von Ihm! Er sei gepriesen!«

Ich antwortete sofort: »Der Herr handelt ständig an uns wie ein gütiger Vater und erweist uns immer wieder seine Liebe. Setze deine ganze Hoffnung auf Ihn … und kämpfe weiter.«

Jesus, obwohl ich so war, wie ich war – armselig und unwürdig –, hast Du so viel an mir getan! Was würdest Du erst tun, wenn mein Ja zu Dir entschlossener wäre?

Diese Erkenntnis muss dich zu einer stetigen Großzügigkeit veranlassen.

Weine und klage, sühnend und liebend, denn der Herr und seine heilige Mutter verdienen wahrhaftig ein anderes Verhalten von dir!

Erneuere mit Stoßgebeten den Glauben, die Hoffnung, die Liebe – auch wenn deine Seele manchmal nur Widerwillen empfindet und dir das alles wie bloßes Geplapper vorkommt. Werde nicht müde! Denn sonst steht mitten aus dem Guten das Böse auf und reißt dich mit sich.

Wenn du betest, sage: Soll ich jemals etwas Sinnvolles zustande bringen, Jesus, dann musst Du es für mich tun! Dein Wille geschehe! Ich liebe diesen Willen auch dann, wenn er zulässt, dass sich mein gegenwärtiger Zustand verewigt: ständige unrühmliche Niederlagen und ständiges Wiederaufrichten durch Dich.

Mache mich heilig, mein Gott, und wenn es sein muss, durch Schläge … Ich möchte Deinem Willen nicht ausweichen. Ich will ihm gehorchen, ich will großzügig sein. Jedoch … will ich es wirklich?

Du empfindest in dir große Unruhe, weil du nicht so liebst, wie du es solltest … Alles ärgert dich. Und der Feind tut alles, was er kann, damit deine Unbeherrschtheit sichtbar wird.

Ich verstehe, dass dich das demütigt. Gerade deshalb sollst du reagieren – mit Taten und ohne Aufschub.

Nicht um die wahre Heiligkeit, sondern bestenfalls um ihre Karikatur kann es sich handeln, wenn man unwillkürlich denken muss: »Um einen Heiligen zu ertragen, sind zwei Heilige nötig.«

Der Teufel möchte, dass wir zu Gott auf Abstand gehen. Lässt du dich darauf ein, dann werden anständige Menschen von dir Abstand nehmen, denn sie meiden die, die sich mit dem Teufel anfreunden oder sich von ihm beherrschen lassen.

In deiner Zwiesprache mit dem Herrn bitte Ihn – auch wenn du meinst, es wäre nur Geschwätz von dir – um mehr Hingabe, um entschiedenere Fortschritte auf dem Weg zur christlichen Vollkommenheit: Er möge dich mit dem Feuer seiner Liebe entzünden!

Erneuere den festen Vorsatz, jeweils »jetzt« – zu jeder Stunde und in jedweder Situation – aus freien Stücken Christ sein zu wollen.

Lege der Gnade keine Hindernisse in den Weg. Sei davon überzeugt, dass du, um Sauerteig zu sein, heilig werden und um die Gleichförmigkeit mit Christus ringen musst.

Sprich langsam, aufrichtig: »Nunc coepi!« – jetzt beginne ich!

Lass den Mut nicht sinken, wenn du – leider – in dir zunächst keine Wirkung der starken Hand des Herrn, keine »Wandlung« wahrnimmst. Aus der Tiefe deiner Niedrigkeit rufe zu ihm: Hilf mir, Jesus, denn ich will Deinen Willen – Deinen liebenswerten Willen – erfüllen!

Einverstanden! Deine Sorge soll den anderen gelten. Aber zuallererst musst du dich um dein eigenes inneres Leben kümmern; denn andernfalls kannst du den anderen nicht dienen.

Wie viel kostet dich doch diese Abtötung, die der Heilige Geist dir nahelegt. Blicke mit innerer Sammlung auf ein Kruzifix … und du wirst das Opfer als Sühne lieben!

An das Kreuz genagelt sein! Diese Sehnsucht erfüllte, gleich einer Erleuchtung und häufig wiederkehrend, Geist, Herz und Worte eines Beters.

Er überlegte: An das Kreuz genagelt sein – wer hält das aus? Doch er wusste genau, wie man es macht: »agere contra!« – mit Selbstverleugnung … Und er flehte zu Gott: Hilf mir, Herr!

Wir stehen auf Golgotha, wo Jesus gestorben ist. Wir fühlen die Wucht unserer persönlichen Sünden. Von Reue erschüttert, fassen wir in reiferer und tieferer Weise den Vorsatz, Ihn niemals mehr zu beleidigen.

Ähnlich wie man Stein oder Holz bearbeitet, müssen wir Tag für Tag im Geist der Buße die eigenen Unebenheiten glätten, die Fehlhaltungen in unserer Lebensweise beseitigen. Dies geschieht durch zweierlei Arten von kleiner Abtötung: durch die »aktiven«, die wir freiwillig suchen, wie man im Laufe des Tages kleine Blumen sammelt, und die »passiven«, die wir erleiden – sie kommen auf uns zu, und es fällt uns schwer, sie anzunehmen. Alles Übrige – das vollbringt Christus.

Welch ein herrliches Kruzifix wirst du werden, wenn du dich großmütig, freudig und vollständig formen lässt!

Der Herr hat seine Arme weit ausgebreitet: Er bittet dich um das Almosen einer beständigen Liebe.

Geh auf Jesus zu, der für dich starb; geh auf das Kreuz zu, das sich auf Golgotha erhebt …

Aber nähere dich aufrichtig und innerlich gesammelt, dem Zeichen christlicher Reife, damit das Göttliche und das Menschliche der Leidensgeschichte den Grund deiner Seele erreicht.

Wir sollen die Abtötung mit der gleichen Gesinnung annehmen, mit der Jesus seine heilige Passion auf sich nahm.

Die Abtötung ist eine unerlässliche Voraussetzung für das Apostolat und für das gute Gelingen jeder einzelnen apostolischen Unternehmung.

Der Geist der Buße besteht vor allem darin, dass wir die zahlreichen Kleinigkeiten, die uns jeden Tag auf unserem Weg begegnen – irgendein Tun, ein Verzicht, ein Opfer, ein Dienst –, in Akte der Liebe oder der Reue verwandeln, in Abtötungen; sie bilden am Ende des Tages einen wunderschönen Strauß, den wir Gott darbringen!

Der beste Ausdruck von Opfergeist ist die Beharrlichkeit bei der Arbeit, die man begonnen hat – wenn sie Freude macht und wenn sie schwerfällt.

Besprich mit deinem geistlichen Leiter die Abtötungen, die du jeden Tag zu verrichten pflegst, damit er sich dazu äußern kann.

Ob er dir nun rät, auf die eine oder andere Abtötung zu verzichten oder, im Gegenteil, die eine oder andere hinzuzufügen: Nimm in jedem Fall seinen Rat an!

Wie der heilige Augustinus können auch wir sagen, dass die bösen Begierden uns an unseren Anhänglichkeiten packen und nach unten ziehen. Und zugleich brennt uns im Herzen eine tiefe Sehnsucht nach dem Guten und Reinen – ein regelrechter Kampf also.

Du wirst voranschreiten, Frieden haben und den Sieg erringen, wenn du mit Hilfe der Gnade die aszetischen Mittel anwendest: wenn du dich um die Gegenwart Gottes bemühst und den Geist der Buße, wenn du dich – erschrick bitte nicht! – abtötest.

Am Eingang des Herzens eine Wache aufstellen! – Darum betete jener Priester: »Jesus! Mein verführbares Herz sei wie ein ›verschlossener Garten‹. Mein verletzliches Herz soll ein Paradies und Deine Wohnstätte sein. Mein Schutzengel bewache es mit feurigem Schwert und läutere meine Regungen, bevor sie in mich Einlass finden. Jesus, versiegle mein armes Herz mit dem göttlichen Siegel Deines Kreuzes.«

Mutig ein reines Leben führen … jeder gemäß seiner Lebenssituation … und »Nein« sagen können, um der einen großen Liebe willen.

Ein spanisches Sprichwort sagt sehr drastisch: »Entre santa y santo, pared de cal y canto«. Sinngemäß: Zwischen einem Heiligen und einer Heiligen tut auf alle Fälle eine dicke Mauer not!

Wir müssen die Reinheit des Herzens und der Sinne wahren, indem wir die Gelegenheiten, die uns zum Bösen verleiten könnten, meiden. So »heilig« motiviert die Leidenschaft erscheint, wir dürfen sie nicht in uns aufkommen lassen.

Mein Gott, in allem, was ich sehe, finde ich Schönheit und Anmut! So werde ich meine Blicke stets im Zaum halten … weil ich liebe.

Du bist Christ und als Christ Kind Gottes. Seine Barmherzigkeit hat dich mit vielen Gaben gesegnet. Auf dir ruht nun die schwere Verantwortung, ihnen zu entsprechen. Das erfordert eine wachsame und liebevolle Standfestigkeit, damit weder Menschen noch Dinge die besonderen Züge der Liebe, die der Herr deiner Seele eingeprägt hat, entstellen können.

Dir ist eine enge Vertrautheit mit Gott geschenkt worden, mit unserem Herrn, der nahe bei dir ist und im Innersten deiner Seele wohnt … Aber setzt du alles daran, dass diese Vertrautheit wächst und immer tiefer wird? Meidest du die kleinen Treulosigkeiten, die die Freundschaft verletzen könnten?

Habe Mut! Weigere dich nicht, alles von dir abzustreifen, was den, der dich liebt, auch nur im geringsten schmerzen könnte.

Das Leben Jesu Christi wiederholt sich auf je eigene Weise im Leben eines jeden von uns, wenn wir treu sind – sowohl nach innen, auf dem Wege der Heiligung, als auch nach außen, im Verhalten.

Danke Ihm für seine Güte.

Es ist gut, dass du oft dem Herrn den brennenden, starken Wunsch nach Heiligkeit äußerst, auch wenn deine Erbärmlichkeiten dir deutlich vor Augen stehen.

Gerade deshalb musst du weiter so beten!

Du hast deine Würde als Sohn, als Tochter Gottes klar erkannt. Gesetzt den Fall – es wird nicht geschehen! –, dass diese deine Gewissheit einmal verdunkelt würde: selbst dann solltest du in Treue und ohne zurückzublicken den Weg dein Leben lang weitergehen!

Vorsatz: Heroisch treu und ohne Ausflüchte an der Zeiteinteilung festhalten, im Alltag wie in außergewöhnlichen Situationen.

Sicherlich hast du schon einmal mit einem Anflug von »heiligem Neid« an jenen jugendlichen Apostel gedacht, »quem diligebat Iesus« – den Jesus liebte.

Würde es dir nicht gefallen, dass man auch dich so charakterisieren könnte: »der den Willen Gottes liebt«?

Sorge tagtäglich dafür, dass es so ist.

Sei gewiss, der tatkräftige Wunsch, als guter Sohn, als gute Tochter Gottes zu leben, schenkt dir Jugend, Gelassenheit, Freude und Frieden ohne Ende.

Lass dich immer wieder in die Hände Gottes fallen! Der Heilige Geist wird dann deinen Verstand erleuchten und deinen Willen stärken.

Höre die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium: »Ego sum vitis, vos palmites« – Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Schon hast du das ganze Gleichnis im Bild vor Augen und verstehst: eine Rebe, die vom Weinstock getrennt ist, taugt zu nichts, sie wird keine Frucht bringen, sie verkommt als ein verdorrtes Holzstück, von Mensch und Tier zertreten oder ins Feuer geworfen …

Du bist die Rebe! Bedenke, was alles daraus folgt.

Heute habe ich wieder einmal vertrauensvoll meine Bitte vorgetragen: Gib, Herr, dass weder die vergangenen, bereits verziehenen Stürze, noch die möglicherweise kommenden Verirrungen uns beunruhigen; dass wir uns Deinen barmherzigen Händen überlassen; dass wir Dir unsere Sehnsucht nach Heiligkeit und nach Apostolat darbringen, denn sie ist da, verborgen wie Glut unter scheinbar erkalteter Asche.

Ich weiß, Herr, Du erhörst uns.

Bitte auch du Ihn so.

Wenn du deinem Seelenführer die Seele öffnest, sei aufrichtig und sprich klar, ohne die Pille zu versüßen, was manchmal nur kindisch ist.

Geh dann in Fügsamkeit deinen Weg weiter; du wirst heiliger und glücklicher sein.

Suche keinen Trost außerhalb des Umgangs mit Gott. Bedenke, was jener Priester schrieb: Ich will nicht ohne Not mein Herz einem anderen Freund ausschütten!

Heilig werden wir mit dem Beistand des Heiligen Geistes, der in unserer Seele Wohnung nimmt, durch die Gnade, die uns in den Sakramenten zuteil wird, und durch einen beharrlichen aszetischen Kampf.

Wir wollen uns nichts vormachen, mein Sohn! Du und ich, wir alle – ich werde nicht müde, es zu wiederholen – werden immer, immer kämpfen müssen, bis zu unserem Lebensende. So werden wir den Frieden lieben, den Frieden weitergeben und den ewigen Lohn erhalten.

Begnüge dich nicht damit, zum Heiligen Geist, deinem Beistand, nur zu sprechen. Höre auf Ihn!

Betrachte in deinem Gebet, wie das Leben der geistlichen Kindschaft, das dir die Tiefe deines Daseins als Kind Gottes erschloss, dich mit kindlicher Liebe zum Vater erfüllt hat; betrachte auch, wie du zuvor durch Maria zu Jesus gelangtest, den du brennend liebst wie ein Freund, wie ein Bruder, wie ein Liebhaber, der du ja bist …

Nun hörst du meinen Rat und merkst, dass du bis jetzt die Einwohnung des Heiligen Geistes in deiner Seele wohl begriffen, dich die Realität dieser Gegenwart aber noch nicht »ergriffen« hatte. Dir fehlte das, was ich dir gerade als Anregung zu geben versuchte. Jetzt empfindest du in dir die Liebe selbst; du suchst den Umgang mit Ihm und wünschst, Ihm Freund und Vertrauter zu sein … du möchtest es Ihm leichtmachen, in dir manches abzuschleifen, auszureißen, zu entzünden …

Dann wieder der Gedanke: Aber ich kann das nicht! – Ich sage es noch einmal: Höre auf Ihn! Er wird dir Kraft geben. Er wird alles in dir wirken, wenn du nur willst … und du willst doch!

Bete zu Ihm: Du göttlicher Gast meiner Seele, Du Lehrer, Licht, Lenker, Liebe: Gib, dass ich lerne, Dich freudig aufzunehmen, auf Deine Unterweisung zu hören, mich entflammen zu lassen, Dir zu folgen, Dich zu lieben.

Um dich Gott zu nähern, um dich zu Gott zu erheben, benötigst du die breiten, weiten Schwingen des Gebetes und der Sühne.

Willst du die Routine bei den mündlichen Gebeten meiden, versuche sie mit derselben Liebe zu sprechen, die zwei Verliebte in ihr erstes persönliches Gespräch hineinlegen … und sprich sie zugleich so, als ob sie die letzte Gelegenheit wären, dich an den Herrn zu wenden.

Wenn du eine Art »heiligen Stolz« empfindest, Sohn oder Tochter Unserer Lieben Frau zu sein, dann frage dich: Wie steht es mit den täglichen, von morgens bis abends nie aussetzenden Äußerungen meiner Liebe zu Maria?

Zwei wichtige Gründe gibt es für mich, sagte jener Freund, weshalb ich an den Samstagen und an den Tagen vor großen Marienfesten meiner Unbefleckten Mutter Wiedergutmachung leisten möchte.

Der zweite ist: An den Sonntagen und Festtagen der Mutter Gottes – häufig sind es Volksfeste – spielt für die Leute das Beten kaum noch eine Rolle, vielmehr wird Gott durch vielerlei größere oder kleinere Sünden und Anstößigkeiten öffentlich beleidigt. Man braucht sich nur umzusehen, um das festzustellen.

Der erste Grund aber ist: Wir, die wir gute Kinder unserer Mutter sein wollen, sind – vielleicht auf Betreiben des Teufels – an diesen Tagen, die doch dem Herrn und seiner Mutter gewidmet sind, nicht aufmerksam genug.

Du weißt, dass diese Gründe leider weiterhin aktuell bleiben, damit auch wir Sühne leisten.

Das Gebet des Christen – so habe ich es immer verstanden – ist liebevolles Gespräch mit Jesus, das nicht verstummen darf, auch wenn wir weit von jedem Tabernakel entfernt sind. Denn unser ganzes Leben gleicht einem durch und durch menschlichen Liebeslied, das sich an Gott richtet …. und lieben können wir immer.

So sehr liebt Gott seine Geschöpfe, und so sehr sollten wir seine Liebe erwidern, dass bei der Feier der heiligen Messe eigentlich alle Uhren stehen bleiben müssten …

Die Reben, die mit dem Weinstock verbunden sind, bringen reife Frucht.

Was sollen wir – du und ich – tun? Durch das Brot und durch das Wort mit Jesus Christus, der unser »Weinstock« ist, eng verbunden bleiben … und den ganzen Tag über Ihm Worte der Liebe sagen. So verhalten sich Verliebte.

Liebe den Herrn sehr. Bewahre in deiner Seele diese Sehnsucht, Ihn zu lieben. Nähre sie! Liebe Gott, gerade jetzt, da Ihn einige, die Ihn in ihren Händen halten, nicht lieben, Ihn misshandeln, Ihn ignorieren.

Geh mit dem Herrn zart um, feinfühlig – in der Heiligen Messe und den ganzen Tag hindurch.

Das Gebet ist die mächtigste Stütze für den Christen. Das Gebet verhilft uns zur Wirksamkeit. Das Gebet macht uns glücklich. Das Gebet verleiht uns die nötige Kraft, um Gottes Gebote erfüllen zu können.

Glaube mir! Dein ganzes Leben kann und muss Gebet sein.

Persönliche Heiligkeit! Das ist kein Hirngespinst, sondern die konkrete Realität, die Gott und den Mitmenschen zum Mittelpunkt hat und die sich immerfort, jeden Tag aufs Neue, in Taten der Liebe bewahrheitet.

Der Geist des Gebetes, der das ganze Leben Jesu Christi unter den Menschen beseelte, lehrt uns, dass das Gebet all unseren Werken – seien sie bedeutend oder nicht – vorangehen, sie begleiten und absichern muss.

Stell dir das Leiden Christi vor Augen, durchlebe es! Halte Tag für Tag deine Schulter hin, wenn Er gegeißelt wird; biete dein Haupt dar, wenn Er mit Dornen gekrönt wird.

In meiner Heimat heißt es: »Liebe vergilt man mit Liebe.«

Wer liebt, dem entgeht auch die geringste Kleinigkeit nicht. Das habe ich bei vielen Menschen erfahren; diese Lappalien sind etwas sehr Großes: Liebe!

Liebe Gott auch stellvertretend für die, die Ihn nicht lieben! Diese innere Haltung der Sühne und Wiedergutmachung muss dir in Fleisch und Blut übergehen.

Wird der innere Kampf irgendwann einmal mühsamer, dann ist die Stunde gekommen zu beweisen, dass unsere Liebe echt ist.

Du bist dessen sicher: Gott ließ dich klar erkennen, du solltest wieder in vielen winzigen Details die Art eines kleinen Kindes nachahmen, die früher dein inneres Leben gekennzeichnet hat, und du solltest monate- oder auch jahrelang bei diesen heroischen Kleinigkeiten ausharren. Es macht nichts aus, wenn das Gefühl dabei – wie so oft für das Gute – taub bleibt. Harre aus auf diesem Weg – wenn nötig mit einem gefühlskalten Wollen, aber mit liebender Entschlossenheit.

Bleibe deinen Frömmigkeitsübungen treu – mit liebendem, wenn auch trockenem Willen. Mach dir nichts daraus, wenn du dich dabei ertappst, wie du die Minuten oder Tage zählst, die noch verstreichen müssen, bis deine Andacht oder deine Arbeit zu Ende sind. Du magst wie ein bummelnder Student empfinden, der auf das Ende des Semesters wartet, oder wie ein Häftling, der schon neue Pläne für die Zeit nach der Entlassung schmiedet.

Ich wiederhole: Bleibe dabei, sei willensstark! Und meide die Versuchung, die äußeren Hilfsmittel der Frömmigkeit auch nur für einen Augenblick zu vernachlässigen.

Lebe deinen Glauben, voll Freude und ganz nahe bei Jesus Christus. Liebe Ihn wirklich – aber wirklich, verstehst du? Dann wirst du – weil du jeden Tag verliebter bist – eine der Hauptpersonen im großen Abenteuer der Liebe Gottes sein.

Sage dem Meister mit Bedacht: Herr, ich will nur Dir dienen! Ich will nur meine Pflichten erfüllen und Dir mit verliebtem Herzen dienen! Lass mich Deinen festen Schritt an meiner Seite spüren. Sei Du mein einziger Halt!

Sag es Ihm mit Bedacht … und ganz ehrlich.

Außer dem inneren Leben benötigst du Glaubenslehre. Fordere in beidem viel von dir! Du sollst als christlicher Mann, als christliche Frau »Salz der Erde« und »Licht der Welt« sein. Es ist nämlich deine Pflicht, mit heiliger Unverschämtheit Beispiel zu geben!

Dich muss die Liebe Christi drängen! Seit dem Augenblick, da du dem Herrn gesagt hast, du wolltest Ihm folgen, weißt und erfährst du dich als anderen Christus. Aber das bedeutet keine Absonderung von deinesgleichen – deinen Verwandten, Freunden und Berufskollegen; auch das Salz ist ja nicht von der Speise getrennt, die es würzen soll.

Zum geistlichen inneren Leben und zur Bildung im Glauben gehören Frömmigkeit und Urteilsfähigkeit. Wer als Kind Gottes die Welt mit der Würze des Christlichen bereichern will, braucht beides.

Bitte den Herrn darum, dass Er dich für deine Mitmenschen zu einem erlesenen »Gewürz« werden lässt.

Unsere Sache als Christen ist es, den immer aktuellen Schatz des Evangeliums mit frischem, jugendlichem Geist zu heben und ihn in alle Winkel der Erde zu tragen.

Du sollst Christus nachahmen und durch deine Lebensführung bekannt machen. Vergiss mir nicht, dass Er unsere menschliche Natur annahm, damit alle Menschen am Leben Gottes teilhaben können und wir, mit Ihm vereint, fähig werden, seine Gebote zu erfüllen – als einzelne wie in Gemeinschaft!

Du bist Christ – also darfst du keiner Hoffnung und keiner Not deiner Mitmenschen den Rücken kehren!

Wie eindringlich predigte der Apostel Johannes das »mandatum novum«, das neue Gebot! – »Liebet einander!«

Ich würde vor euch auf die Knie fallen – das wäre keine Pose, mein Herz verlangt wirklich danach! – und euch um der Liebe Gottes willen bitten, dass ihr einander liebt, einander helft und die Hand reicht und euch gegenseitig zu vergeben versteht.

Darum: Weg mit dem Hochmut! Habt Mitgefühl füreinander! Habt Liebe zueinander! Helft euch gegenseitig durch das Gebet und durch aufrichtige Freundschaft.

Du kannst nur dann gut sein, wenn du die Tugenden und guten Eigenschaften deiner Mitmenschen wahrzunehmen vermagst.

Ist es also einmal nötig, jemanden zurechtzuweisen, dann tu es in Liebe, im passenden Augenblick und ohne zu demütigen … und mit der Bereitschaft, das, was du am anderen korrigierst, selbst zu lernen und dich so zu bessern.

Dein Streben und dein Tun sollen der Liebe entspringen, einer Liebe, die keine Grenzen kennt und niemanden ausschließt; denn es ist die Tugend, die uns als Jünger des Meisters kennzeichnet.

Diese Liebe darf dich jedoch nicht dazu führen – sie wäre keine Tugend mehr –, die Glaubensinhalte zu entschärfen, ihre Konturen abzuschleifen und sie – wie manche es gerne hätten – soweit zu verharmlosen, dass aus dem Ganzen ein undefinierbares Etwas ohne die Kraft und Wahrheit Gottes würde.

Mit allen auskommen, alle verstehen, Bruder deiner Menschenbrüder sein. Wie der spanische Mystiker sagt: Bring Liebe dorthin, wo es keine Liebe gibt – und du wirst Liebe ernten!

Wenn Kritik erforderlich ist, übe sie in positiver Weise: kameradschaftlich, ermutigend – und niemals hinter dem Rücken des Betroffenen …

Alles andere wäre ein Hintergehen des Nächsten, Klatsch, üble Nachrede, vielleicht sogar Verleumdung … und auf jeden Fall ein Mangel an Redlichkeit!

Schweige nicht, wo die Ehre Gottes und das Wohl der Kirche von dir fordern, dass du redest.

Mache dir klar: Wer wäre vor Gottes Angesicht und im Blick auf die ewige Seligkeit nicht tapfer? Du hast nichts zu verlieren, viel hingegen zu gewinnen! Also – warum bist du feige?

Wenn wir aus Furcht, Menschen unserer näheren Umgebung könnten unser Verhalten missdeuten und unerfreulich reagieren, den geraden Weg nicht mehr gehen wollen, dann sind wir schlechte Brüder unserer Brüder …

Deine Liebe zur heiligen Kirche und deine Dienstbereitschaft ihr gegenüber dürfen sich nicht nach der mehr oder weniger großen Heiligkeit ihrer Glieder richten, wiewohl wir für alle die christliche Vollkommenheit brennend wünschen.

Du sollst sie lieben, die Braut Christi, deine Mutter, die jetzt und allezeit rein und makellos ist.

Das Ringen um die persönliche Heiligung hat seine Auswirkung auf die Heiligkeit so vieler Menschen, wie auf die der ganzen Kirche Gottes!

Sei überzeugt davon: Da Gott dich hört, dich liebt, dir die Herrlichkeit des Himmels verheißt, vermagst du – wenn du willst – an der allmächtigen Hand des himmlischen Vaters zu einem tapferen Menschen zu werden, der bereit ist, überall für seine liebenswerte Wahrheit Zeugnis abzulegen.

Der Acker des Herrn ist fruchtbar, der Same des Herrn ist gut. Schießt also in unserer Welt das Unkraut empor, dann offensichtlich deswegen: Die Menschen – die Christen vor allem – haben es an Wachsamkeit fehlen lassen. Sie haben geschlafen und das Feld dem Feind überlassen.

Klage nicht darüber, das ist sinnlos, aber überprüfe, wie du lebst.

Eine Bemerkung, die mich sehr schmerzte, wird auch dich nachdenklich stimmen: »Es ist ganz klar, wo der mangelnde oder unwirksame Widerstand gegen infame Gesetze herrührt: auf jeder Ebene der Gesellschaft, von der untersten bis zur höchsten, gibt die Mittelmäßigkeit den Ton an.«

Die Feinde Gottes und seiner Kirche, die der Teufel in seinem unwandelbaren Hass antreibt, sind unablässig dabei, zu agieren und ihre Pläne zu schmieden.

Mit »beispielhafter« Ausdauer formen sie ihre Kader, unterhalten Schulen, bilden Aktivisten und Agitatoren aus. Sie verbreiten auf verkappte, aber wirksame Art ihre Gedanken und streuen sowohl in den Familien als auch an den Arbeitsstätten ihre Saat aus, die alle Religiosität im Keim ersticken soll.

Wie viel mehr müssten wir Christen uns anstrengen, unserem Gott zu dienen und seine Wahrheit auszusäen!

Verwechsle Gelassenheit bitte nicht mit Faulheit, Nachlässigkeit, Entscheidungsschwäche und Sich-vor-Problemen-Drücken!

Gelassenheit wird immer von Sorgfalt ergänzt. Diese Tugend ist nötig, um zügig die anstehenden Fragen zu erörtern und zu lösen.

Mein Kind: Wo ist das Abbild Christi, das die Menschen in dir suchen? In deinem Hochmut? In deiner Herrschsucht? In deinen »Eigenarten«, die abzulegen du nicht gewillt bist? Oder in deiner Rechthaberei? … Soll darin etwa Christus zu finden sein? – Nein!

Gewiss – du musst eine eigenständige Persönlichkeit sein, aber deine Persönlichkeit soll Christus immer mehr gleichförmig werden.

Ich nenne dir eine gute Verhaltensregel der Brüderlichkeit und der Dienstbereitschaft: Deine Aufgaben müssen auch dann, wenn du nicht da bist, von den anderen fortgeführt werden können. Denn du wirst ihnen großzügig deine Erfahrungen mitteilen und dich nicht unentbehrlich machen.

Trotz deiner schlechten Neigungen fällt auf dich die Verantwortung für die Heiligkeit und das christliche Leben der anderen, für die Fruchtbarkeit ihrer Arbeit …

Du bist ja nicht isoliert. Wenn du auf deinem Wege stehen bleibst – wie viele Menschen werden dann ebenfalls stehen bleiben und Schaden nehmen!

Denke an deine Mutter, die heilige Kirche, und überlege: Wenn ein Glied nachlässt, lässt der ganze Leib nach.

Dein Körper bedarf jedes seiner Glieder, aber auch jedes einzelne Teil benötigt den ganzen Leib. Wie stünde es um mich, wenn meine Hand nicht mehr ihren Dienst täte! … Oder wenn mein Herz zu schlagen aufhörte!

Dir ist ein Licht aufgegangen: Es gibt so viele Menschen, die Gott nicht kennen … Und doch hat Er auf dich geschaut! Er will dich als einen Quaderstein, als einen Stein im Fundament, als Stütze für das Leben der Kirche.

Denke darüber nach, und du wirst für deinen Alltag viele praktische Konsequenzen ziehen: Der Quader, das Fundament – sie sind unsichtbar und bleiben unbeachtet. Sie müssen stark und bruchfest sein, auf ihnen ruht der Bau … andernfalls taugen sie nicht.

Du weißt, dass Gott dich dazu berufen hat, als ein Stück Fundament am Erlösungswerk mitzuwirken. Vergiss aber nicht, dass du selbst nur armselig und hinfällig bist. Deine Demut soll dich dazu bringen, dass du gleichsam unter den Füßen deiner Mitmenschen liegst – aller Diener und Knecht. Das entspricht dem Fundament eines Baus.

Aber das Fundament braucht Stärke, eine unerlässliche Tugend für den, der andere stützen oder bewegen soll.

Bitte deshalb den Herrn sehr eindringlich: Gib, Jesus, dass ich niemals aus falscher Demut von der Kardinaltugend der Stärke lasse. Mein Gott, lass mich immer zwischen Gold und »Ramsch« unterscheiden.

Maria, unsere Mutter und unsere Hoffnung! Wie sicher sind wir bei dir geborgen, auch wenn alles um uns schwankt!

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