Bürgersinn
Die Welt wartet auf uns. Ja, wir lieben sie leidenschaftlich, denn Gott hat uns darüber belehrt: »Sic Deus dilexit mundum …« – so sehr hat Gott die Welt geliebt … Außerdem ist sie der Schauplatz, auf dem wir unseren Feldzug führen müssen – diesen wunderbaren Kampf der Liebe –, damit wir alle den Frieden erlangen, den Christus uns gebracht hat.
Der Herr hat uns mit einer zarten Geste der Liebe erlaubt, die Erde für Ihn zu erobern.
In seiner grenzenlosen Demut hat Er sich darauf beschränken wollen, uns dies möglich zu machen … Er hat uns dabei den leichteren und angenehmeren Anteil überlassen: das Handeln und den Sieg.
Die Welt … – »Das ist unsere Sache!« … – Erhobenen Hauptes versicherst du mit dem Selbstbewusstsein des Landmanns, der gelassen über erntereiche Felder schreitet: »Regnare Christum volumus!« – Wir wollen, dass Christus über diese seine Erde herrscht!
»Es ist die Zeit der Hoffnung, und ich lebe von diesem Schatz. Das ist keine Floskel, Vater, es ist wirklich so.«
Gut. Lege alles – die ganze Welt und all die menschlichen Werte, die dich so machtvoll anziehen: Freundschaft, Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Sport, Natur, Kultur, Seelen –, lege alles in deine Hoffnung hinein, denn es ist die Hoffnung auf Christus.
Dieser unbeschreibliche, sinnenfrohe Zauber der Welt, der nie nachlässt. Die Blumen am Wegrand, ihre Farbe, ihr Duft, die dich betören … die Vögel des Himmels und überhaupt alles …
Mein armes Kind! Du musst verstehen: Wäre all das nicht so verlockend, was wöge denn dann das Opfer, das du dem Herrn darbringst?
Deine Berufung als Christ verlangt von dir, in Gott zu leben und dich gleichzeitig um die irdischen Dinge zu kümmern; und zwar so, dass du sie ihrer Eigengesetzlichkeit entsprechend einsetzt – um sie dem Herrn zurückzugeben …
Es ist unglaublich, wie glücklich man in dieser Welt sein kann! Und wie viele Leute dennoch unbedingt Trübsal blasen wollen: sie jagen mit hängender Zunge hinter ihrem Egoismus her und tun so, als sei nach diesem Leben alles zu Ende!
Du darfst nicht zu ihnen gehören … Läutere in jedem Moment deine Absicht!
Die Welt ist erkaltet, sie scheint wie im Schlaf. – Von deiner Warte aus betrachtest du sie oft mit flammendem Blick: Lass sie doch aufwachen, Herr!
Weise deiner Ungeduld den sicheren Weg: Wenn wir es fertigbringen, unser Leben im Feuer der Liebe zu verbrennen, dann werden wir auch den letzten Winkel der Welt mit diesem Feuer entzünden. Und die Aussicht wird eine andere sein.
Die Treue – dein Dienst an Gott und an den Menschen –, um die ich dich immer wieder bitte, ist mehr als eine bloß impulsive Begeisterung; es ist jene andere Begeisterung, die man sich auf der Straße erkämpft, wenn man die viele Arbeit sieht, die überall noch zu tun ist.
Ein gutes Kind Gottes soll sehr menschlich sein – aber nicht in der Weise, dass es rüpelhaft und taktlos wird.
Es ist schwierig, unsere Umwelt, jeden einzelnen in ihr, durch unsere stille Arbeit und unsere gewissenhafte Pflichterfüllung als Staatsbürger »aufhorchen« zu lassen und dann auf unseren Rechten zu bestehen, um sie im Dienste der Kirche und der Gesellschaft auszuüben.
Es ist schwierig … aber sehr wirksam.
Es ist nicht wahr, dass ein Leben als guter Katholik und als loyales Glied der bürgerlichen Gesellschaft sich widersprechen. Ebensowenig können Kirche und Staat zusammenstoßen, wenn sie ihre legitime, jeweilige Autorität zur Erfüllung der ihnen von Gott aufgetragenen Sendung ausüben.
Die das Gegenteil behaupten, lügen – ja, sie lügen. Es sind die gleichen Leute, die uns Katholiken im Namen einer angeblichen Freiheit »freundlicherweise« in die Katakomben zurückverbannen möchten.
Deine Aufgabe als christlicher Staatsbürger ist es, dazu beizutragen, dass die Liebe und die Freiheit Christi alle Äußerungen unseres heutigen Lebens prägen: Kultur und Wirtschaft, Arbeit und Freizeit, Familienleben und das ganze soziale Miteinander …
Wer sich als Kind Gottes weiß, kann nicht einem Klassendenken, einerlei welcher Art, verhaftet sein. Ihn bewegen die Sorgen aller Menschen. Er versucht, in dem Geist der Gerechtigkeit und der Liebe unseres Erlösers zur Bewältigung der Probleme beizutragen.
Auf diese Grundhaltung der Christen hatte schon der Apostel hingewiesen, als er schrieb, dass es bei Gott kein Ansehen der Person gibt – ein Wort, das ich unbedenklich so übersetze: Es gibt nur eine Rasse, die Rasse der Kinder Gottes!
Der Welt verfallene Menschen setzen alles daran, den Seelen so bald wie möglich Gott zu rauben – und danach auch die Welt … Sie lieben diese Welt nicht: sie beuten sie lediglich aus und treten die Mitmenschen mit Füßen!
Falle nicht auch du solch doppeltem Betrug zum Opfer!
Manche Leute verbringen den ganzen Tag in Bitterkeit … Alles ist ihnen zuwider. Sie gehen schon mit der geradezu physischen Obsession zu Bett, dass der Schlaf, diese einzig mögliche »Weltflucht«, nur von kurzer Dauer sein wird. Wachen sie auf, so überkommt sie sofort das bedrohliche und niederdrückende Gefühl, dass nun ein weiterer Tag vor ihnen liegt.
Viele haben vergessen, dass wir – nach dem Willen des Herrn – in dieser Welt unterwegs sind zur ewigen Glückseligkeit; und sie bedenken nicht, dass nur der sie wird erlangen können, der seinen irdischen Weg mit der Freude der Kinder Gottes zurücklegt.
An deiner ganzen Existenz als Staatsbürger, der Christ ist, muss der Unterschied deutlich werden zwischen einem Leben der Freudlosigkeit und einem Leben aus innerem Frohsein; zwischen chronischer Ängstlichkeit und Ausstrahlung von Mut; zwischen einem Verhalten, das von Verschlagenheit, Doppelzüngigkeit oder Heuchelei bestimmt wird, und einer Lebensführung in Schlichtheit und wie aus einem Guss. Mit einem Wort: Lass alle den Unterschied sehen zwischen Weltverfallenheit und Gotteskindschaft.
Hüte dich vor dem fundamentalen Irrtum zu denken, es gäbe in deiner Zeit oder in deiner Umgebung in sich anständige und legitime Lebensgewohn-heiten und Ansprüche, die nicht auf die Heiligkeit der Lehren Jesu Christi hingeordnet oder mit ihnen in Einklang gebracht werden könnten.
Überhöre aber bitte nicht, dass ich ausdrücklich von den »anständigen und legitimen« spreche. Andere haben sowieso keine Berechtigung.
Die Religion ist vom Leben nicht zu trennen – weder im Denken noch in der Wirklichkeit des Alltags.
Am fernen Horizont scheinen Himmel und Erde sich zu vereinigen. Vergiss aber nicht, dass der Ort, an dem sie wirklich miteinander verschmelzen, dein Herz ist: das Herz eines Kindes Gottes.
Wir können nicht einfach die Hände in den Schoß legen, während eine subtile Art der Verfolgung die Kirche zu einer tödlichen Regungslosigkeit verurteilen möchte. Am liebsten brächte man ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit zuwege, um so vor allem zu verhindern, dass sie zu den Fragen der Erziehung, des kulturellen Lebens oder der Familie Stellung nimmt.
Es geht ja nicht um »unsere« Rechte! Es handelt sich um Rechte Gottes, deren Wahrung Er uns Katholiken anvertraut hat. Und wir wahren sie, indem wir ihnen Geltung verschaffen.
Zahlreiche Realitäten des irdischen Lebens – beispielsweise der Technik, der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Politik oder der Kultur – werden zu ungeheuren Hindernissen für ein Leben aus dem Glauben, wenn sie sich selbst überlassen bleiben oder wenn sie allein von Menschen bestimmt werden, denen das Licht unseres Glaubens fehlt. Diese Realitäten bilden dann einen ummauerten Bezirk, aus dem die Kirche feindselig ausgeschlossen bleibt.
Du – Forscher, Schriftsteller, Wissenschaftler, Politiker, Handwerker … – hast als Christ die Pflicht, all dies zu heiligen. Denke an die Worte des Apostels, dass die gesamte Schöpfung wie in Geburtswehen liegt und auf die Befreiung der Kinder Gottes wartet.
Beabsichtige nicht, die Welt in ein Kloster zu verwandeln, denn das wäre eine Verirrung … Aber versuche auch nicht, aus der Kirche einen weltlichen Verein zu machen, denn das wäre Verrat.
Es ist eine traurige Sache, wenn jemand eine »cäsarische Mentalität« hat und daher die Freiheit seiner Mitbürger in allem, was Gott dem Urteil der Menschen anheimgestellt hat, nicht verstehen kann.
»Wer hat gesagt, man müsse sich in eine Zelle oder in die Gebirgseinsamkeit zurückziehen, um heilig zu werden?« so fragte sich erstaunt ein guter Familienvater. Und er fügte hinzu: »Dann wären nicht die Menschen heilig, sondern die Zelle oder der Berg. Man hat anscheinend vergessen, dass der Herr zu allen, jedem einzelnen ausdrücklich gesagt hat: Seid vollkommen, wie auch mein himmlischer Vater vollkommen ist.«
Ich bemerkte dazu nur: »Nicht allein, dass der Herr unsere Heiligkeit will – Er schenkt auch jedem einzelnen die dazu erforderlichen Gnaden.«
Liebe dein Vaterland. Solche Liebe ist eine christliche Tugend. Artet aber der Patriotismus in Nationalismus aus, der mit Abneigung und Verachtung ungerecht und lieblos auf andere Völker und Nationen herabsieht, dann ist dies Sünde.
Es ist kein Zeichen von Patriotismus, Verbrechen der eigenen Nation zu rechtfertigen … und die Rechte anderer Völker zu missachten.
»Es gibt nicht mehr« – auch darauf verwies der Apostel – »Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen.«
Diese Worte gelten heute wie damals: Vor dem Herrn gibt es keine Unterschiede der Nationen, der Rassen, der Klassen, des Standes … Jeder von uns ist in Christus neugeboren, ein neues Geschöpf, ein Kind Gottes. Wir alle sind Brüder und sollen brüderlich miteinander umgehen.
Schon vor vielen Jahren erkannte ich sonnenklar einen Grundsatz, der seine Gültigkeit nie verlieren wird: Innerhalb einer Gesellschaft, die sich vom Glauben und von der Moral Jesu Christi abgewandt hat, bedarf es einer neuen Art und Weise, die ewige Wahrheit des Evangeliums durch das eigene Leben zu bezeugen und zu verbreiten. Im innersten Kern der menschlichen Gesellschaft, der Welt, müssen die Kinder Gottes durch ihre Tugenden leuchten wie Lichter in der Finsternis – »quasi lucernae lucentes in caliginoso loco«.
Die immerwährende Lebenskraft der katholischen Kirche verbürgt uns, dass die Wahrheit und der Geist Christi niemals an den Bedürfnissen der Zeiten vorbeigehen.
Um den Spuren Christi zu folgen, braucht ein Apostel unserer Zeit nicht als Reformer aufzutreten, geschweige denn die historischen Realitäten seiner Gegenwart zu ignorieren … Es genügt vollauf, wie die Urchristen zu handeln, die Umwelt neu zu beseelen.
Du lebst mitten in der Welt, als Bürger unter deinen Mitbürgern, im Umgang mit Menschen, die sich für gut oder für weniger gut halten … Du musst stets den Wunsch verspüren, an sie alle etwas von der Freude weiterzugeben, die dich erfüllt, weil du Christ bist.
Es ergeht ein Befehl des Kaisers Augustus, nach dem sich alle Bewohner Israels in die Steuerlisten einzutragen haben. Maria und Josef machen sich auf den Weg nach Bethlehem … Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie der Herr sich der gewissenhaften Befolgung eines Gesetzes bedient, damit seine prophetische Verheißung in Erfüllung geht?
Habe Wertschätzung für die Normen und Regeln eines ehrenhaften Zusammenlebens und beachte sie; denn deine loyale Pflichterfüllung kann zweifellos dazu beitragen, dass auch andere den lauteren Gemeinschaftssinn von Christen als eine Frucht der Gottesliebe erkennen und auf diesem Wege zu Ihm finden.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/surco/buergersinn/ (24.04.2026)