Menschenfurcht
Wenn die Verteidigung der Wahrheit auf dem Spiel steht – wie kann man sich da wünschen, Gott nicht zu missfallen und doch gleichzeitig nirgendwo Anstoß zu erregen? Das ist ausgeschlossen; es gibt nur das eine oder das andere! Wirkliches Opfer muss ein Brandopfer sein, in dem alles verbrennt … auch das Gerede der Leute, ja selbst das, was man »Ansehen« und »guten Ruf« nennt.
Wie klar erkenne ich jetzt, dass die »heilige Unverschämtheit« sehr tief im Evangelium verwurzelt ist! Erfülle den Willen Gottes … und hab den Herrn vor Augen: Jesus, verleumdet … Jesus, angespuckt und geschlagen … Jesus, vor die Tribunale armseliger Menschen geschleppt … Und Jesus, der schweigt …
Vorsatz: Gegenüber Schmähungen den Kopf senken und in Erwartung weiterer Demütigungen, die sicher noch kommen werden, die göttliche Aufgabe fortsetzen, die die barmherzige Liebe des Meisters uns hat anvertrauen wollen.
Es wird einem angst und bange beim Gedanken an das Unheil, das wir anrichten können, wenn wir uns von der Furcht oder der Scham anstecken lassen, uns im alltäglichen Leben als Christen zu bekennen.
Es gibt Leute, die meinen, sie müssten sich dafür entschuldigen, dass sie von Gott oder vom Apostolat sprechen. Vielleicht, weil sie noch nicht den Wert von Charakter und Tugend entdeckt haben und zum anderen geistig verbildet und feige sind.
Vergebliche Liebesmühe, allen gefallen zu wollen. Querulanten und chronisch Unzufriedene wird es immer geben. Ein Sprichwort sagt: »Wenn es den Schafen gut geht, geht es den Wölfen schlecht.«
Lass dich nicht von einem Feind einschüchtern, dessen einzige Stärke sein aggressives Mundwerk ist!
Du weißt die geleistete Arbeit zu schätzen … Du bist einverstanden. Aber du achtest sorgfältig darauf, ja nicht mitzuarbeiten, mehr noch: es so anzustellen, dass die anderen eine Mitarbeit von deiner Seite auch gar nicht vermuten können.
Du habest Angst davor, für besser gehalten zu werden, als du bist, so sagtest du mir. Ist es nicht vielmehr so, dass du dich davor fürchtest, Gott und die Menschen könnten von dir eine entschiedenere und glaubwürdigere Haltung verlangen?
Er schien vollkommen entschlossen zu sein … Als er sich aber hinsetzte, um den Abschiedsbrief an seine Verlobte zu schreiben, wurden Zögern und Unentschiedenheit übermächtig; der Mut verließ ihn … Das sei nur menschlich und verständlich, meinten einige. Offenbar gehört für manche die irdische Liebe nicht zu den Gütern, die man um der uneingeschränkten Nachfolge Christi willen verlassen soll, wenn der Herr darum bittet.
Einige fallen aus Schwäche, denn wir sind ja aus Lehm gemacht und zerbrechlich – aber sie halten unbeirrt an der Lehre der Kirche fest.
Solche Menschen sind es, die – mit der Gnade Gottes – sich in heroischer Weise tapfer und demütig zeigen, indem sie ihre Fehler bekennen und die Wahrheit engagiert verteidigen.
Es gibt Leute, die bezeichnen den Glauben und das Gottvertrauen als Dummheit und Leichtsinn.
Es sei Wahnsinn, auf Gott zu bauen! – Ist es aber nicht noch wahnsinniger, auf sich selbst oder auf andere Menschen zu bauen?
Du schreibst mir, dass du endlich gebeichtet und dabei die Demütigung erfahren habest, die Kloake deines Lebens – so sagst du – vor einem Menschen aufdecken zu müssen.
Wann endlich reißt du diesen Dünkel aus deinem Innern aus? Erst dann wirst du dich bei der Beichte gegenüber »diesem Menschen« – einem Gesalbten Gottes, einem anderen Christus, Christus selbst!, der dir die Lossprechung der Sünden, die Vergebung Gottes erteilt – voll Freude so zeigen, wie du in Wahrheit bist.
Haben wir doch den Mut, beharrlich und für alle sichtbar unserem heiligen Glauben entsprechend zu leben.
Wir dürfen keine Sektierer sein, sagte mir jemand mit der Attitüde der Unparteilichkeit, als es um die Festigkeit in der kirchlichen Lehre ging.
Ich erläuterte ihm, dass, wer die Wahrheit bekennt, kein Sektierer ist. Er verstand seinen Irrtum.
Ein Blick auf Portraits aus früheren Zeiten macht deutlich, wie unsinnig es ist, die Mode zum Maßstab für das eigene Verhalten zu erheben.
Dass du Prozessionen gern hast und auch all die anderen sichtbaren Bekundungen, mit denen unsere heilige Mutter, die Kirche, Gott die geschuldete Verehrung erweist – sehr einverstanden! Aber lass all das wirklich Leben in dir gewinnen!
»Ego palam locutus sum mundo«: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen, antwortet Jesus dem Kajaphas, als die Stunde naht, da er sein Leben für uns hingibt.
Und dennoch gibt es Christen, die sich schämen, ihre Liebe zum Herrn »palam«, offen, zu zeigen.
Schon sind die Apostel Hals über Kopf geflohen. Das Volk tobt und macht brüllend seinem Hass gegen Jesus Christus Luft. Nur Maria folgt ihrem Sohn aus nächster Nähe durch die Straßen Jerusalems … Ungeachtet der wütenden Menge hält sie Schritt mit dem Erlöser. Mit dem »Mut« der Feiglinge, in der Anonymität der Masse, misshandelt der begleitende Pöbel unseren Herrn …
»Virgo fidelis!« – Du getreue Jungfrau! – Rufe mit lauter Stimme zu ihr, auf dass sie uns, die wir uns »Freunde Gottes« nennen, dazu verhelfe, es auch tatsächlich und allezeit zu sein.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/surco/menschenfurcht/ (26.04.2026)