Freude
Niemand kann auf dieser Erde glücklich sein, ehe er sich nicht entschlossen hat, es nicht zu sein. Denn das ist unser Weg: Leid – Christen sagen: Kreuz –, Gottes Wille, Liebe und endlich das wahre Glück – in diesem Leben schon und dann für ewig.
»Servite Domino in laetitia!« – Ich will Gott freudig dienen! Und diese Freude soll die Frucht meines Glaubens, meiner Hoffnung und meiner Liebe sein … Sie wird ohne Ende sein, denn – so sagt uns der Apostel – »Dominus prope est!«, der Herr ist mir nahe. Ich ziehe meine Straße weiter, in seiner Obhut, denn Er ist mein Vater … Mit seiner Hilfe werde ich seinen geliebten Willen erfüllen – selbst wenn es mir zuweilen schwerfallen sollte.
Ein Rat, den ich euch eindringlich wiederholt habe: Seid froh, seid stets froh! Mögen die traurig sein, die sich nicht als Kinder Gottes betrachten …
»Ich versuche mich zu ›zerreißen‹, damit meine jüngeren Brüder es leichter haben – wie Sie uns sagen.« Wieviel Freude steckt in solchem Sich-Abmühen!
Dies schrieb mir jemand, der wirklich glaubt: »Lebt man notgedrungen isoliert, dann wird die Hilfe der Brüder deutlich spürbar. Bedenke ich, dass ich jetzt alles ›alleine‹ tragen muss, dann wird mir auch ganz klar, dass ich meinen unverwüstlichen Optimismus nicht bewahren könnte – wenn ich nicht über alle Entfernung hinweg unsere Verbundenheit spürte.«
Wie wunderbar ist doch die Gemeinschaft der Heiligen!
Vergiss mir nicht, dass es manchmal einfach notwendig ist, frohe Gesichter um sich zu haben.
»Ihr seid alle so froh«, hörte ich jemand sagen, »so etwas hätte ich nicht erwartet.«
Seit eh und je sind die Feinde Christi auf diabolische Weise bestrebt, Gott hingegebene Menschen als »Trauerklöße« hinzustellen. Leider finden sie manchmal Bestätigung durch die triste »Tugend« einiger »guter« Christen.
Wir danken Dir, Herr, dass Du unser Leben in Dienst hast nehmen wollen, damit wir durch ausstrahlende Freude eine solch üble Karikatur auslöschen.
Und ich bitte dich auch darum, dass wir dies nie aus den Augen verlieren!
Niemand soll Traurigkeit oder Schmerz aus deinem Gesicht herauslesen, wenn du den Wohlgeruch, der von deinem Lebensopfer aufsteigt, in deiner Umgebung gegenwärtig werden lässt: Kinder Gottes müssen immer Frieden und Freude verbreiten.
Die Freude eines Mannes, einer Frau, die für Gott leben, muss sich ihrer Umgebung mitteilen: heiter, ansteckend, gewinnend … Kurz: Sie muss so übernatürlich und von so mitreißender Natürlichkeit sein, dass sie andere Menschen auf die Wege Christi zieht.
»Zufrieden?« – Die Frage machte mich nachdenk-lich.
Bis jetzt sind die Worte noch nicht gefunden, die wirklich ganz wiedergeben könnten, was der in Herz und Wille empfindet, der sich Kind Gottes weiß.
Weihnachten. Du schreibst mir: »Mit der gleichen heiligen Erwartung wie Maria und Josef erwarte auch ich, voller Ungeduld, das Kind. Wie glücklich werde ich in Bethlehem sein! Ich fühle, dass ich in grenzenlosen Jubel ausbrechen werde! Ja, und mit Ihm will auch ich von neuem geboren werden!«
Möge dein Wunsch in Erfüllung gehen!
Nimm dir aufrichtig vor, allen, die um dich sind, den Weg liebenswert und leicht zu machen, denn das Leben bringt ohnehin schon genug Bitterkeit mit sich.
Wie herrlich ist es, Ungläubige zu bekehren, Seelen zu gewinnen!
Ja, und ebenso herrlich und Gott sogar noch wohlgefälliger ist es, sie nicht verlorengehen zu lassen.
Wieder einmal bist du in deine Torheiten von früher zurückgefallen! Kommst du dann zurück, bist du ohne rechte Freude … es fehlt dir an Demut.
Es scheint, als hättest du dich darauf versteift, den zweiten Teil des Gleichnisses vom verlorenen Sohn zu ignorieren – und so bleibst du noch beim elenden »Glück« der Futterschoten hängen. Du erkennst deine Brüchigkeit, das verletzt deinen Stolz, du zögerst mit der Bitte um Vergebung und bedenkst nicht, was auf dich wartet, wenn du in Demut bereust: die freudige Umarmung durch deinen Vater Gott und das Fest für den, der heimkehrt, der von neuem beginnt …
Es stimmt: Wir taugen nichts, wir sind nichts, wir vermögen nichts, wir haben nichts. Außerdem fehlt es in den Mühen des Alltags nicht an Widerständen und Versuchungen … Aber mit deinen Brüdern vereint, erfährst du, wie ihre Freude alle Schwierigkeiten zerstreut, denn du siehst, wie fest sie auf den Herrn bauen: »Quia Tu es Deus fortitudo mea« – denn Du, Gott, bist unsere Stärke.
Was das Gleichnis von den zum Gastmahl Geladenen erzählt, wiederholt sich dauernd. Die einen haben Angst; die anderen sind zu beschäftigt; und viele flüchten sich in dumme Ausreden.
Sie sträuben sich … Und was bleibt ihnen schließlich? Abgestumpftheit, Lustlosigkeit, Langeweile, Verbitterung … Dabei ist es so leicht, die göttliche Einladung jedes einzelnen Augenblicks anzunehmen und froh und glücklich zu leben!
Es ist sehr bequem zu sagen: »Dazu tauge ich nicht; mir, uns geht sowieso alles schief.« – Abgesehen davon, dass das ja nicht stimmt, verbirgt sich hinter solchem Pessimismus eine ordentliche Portion Faulheit … Manche Dinge machst du gut, manche schlecht. Was die gelungenen angeht, sei froh und zuversichtlich; und was die misslungenen betrifft, so lass dich nicht entmutigen, nimm sie dir nochmals vor, sei bereit zu lernen: dann gelingen auch sie.
»Vater, ich lache – so wie Sie mir geraten haben – über meine Armseligkeiten, doch ohne dabei zu vergessen, dass ich ihnen nicht nachgeben darf; dann fühle ich mich viel froher.
Begehe ich aber die Dummheit, traurig zu werden, hat das zur Folge, dass ich vom Weg abkomme.«
Du hast mich gefragt, ob ich ein Kreuz zu tragen habe … Und ich antworte dir: Ja. Wir tragen immer das Kreuz. Aber es ist das Kreuz des Sieges, das göttliche Siegel, das Unterpfand wahrer Gotteskindschaft. Deshalb ziehen wir unsere Straße – immer unter dem Kreuz und immer glücklich.
Du bist froher. Aber diesmal ist es eine Freude, die mit einer gewissen Ungeduld und Nervosität verbunden ist und bei der du zugleich spürst, dass etwas in dir zerreißt – und geopfert wird.
Hör mir gut zu: Auf dieser Erde gibt es nicht das vollkommene Glück. Gerade darum sollst du dich – und zwar jetzt gleich, wortlos und ohne Selbstmitleid – Gott als Gabe darbringen, ganz und gar, bedingungslos …
Du erlebst jetzt Tage voller Freude, die Seele ist eingetaucht in lauter Licht und Farbenpracht. Und du staunst: denn die Gründe für deine jetzige Freude sind genau die, die dich andere Male in Mutlosigkeit stürzten!
So ist es immer. Es kommt auf unseren Blickwinkel an. – »Laetetur cor quaerentium Dominum!« Das Herz derer, die Gott suchen, fließt über vor Freude.
Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Leben der Glaubenslosen, die bedrückt und unsicher in einem sinnleeren Dasein, Wetterfahnen gleich, den Wechselfällen des Schicksals ausgesetzt sind, und unserem Leben als Christen, das voller Zuversicht, Freude und Festigkeit in sich ruht, weil wir unserer übernatürlichen Bestimmung innewurden und unbeirrbar an ihr festhalten!
Du bist unzufrieden – weil du alles um dich kreisen lässt, so als wärest du der Nabel der Welt: du hast Magenschmerzen, du bist müde, du hast dies und das zu hören bekommen …
Hast du schon einmal versucht, an Ihn zu denken und um seinetwillen an die anderen?
»Miles« – Soldat, Kämpfer, so nennt der Apostel den Christen.
Im Heere Gottes, das diesen gesegneten, christlichen Kampf um Liebe und Frieden zum Wohle aller Menschen zu führen hat, finden sich ermüdete, hungrige, von Wunden gezeichnete Soldaten … Aber alle sind von Freude erfüllt: in ihrem Herzen flammen die Leuchtfeuer des sicheren Sieges …
»Vater, ich habe mir vorgenommen, immer froh zu sein: mit heiterem Herzen, mögen auch manche Schläge kommen.«
Ein guter Vorsatz. Ich bete, dass du ihn erfüllst.
Manchmal überkommt dich so etwas wie eine Anwandlung von Mutlosigkeit, die dir den Schwung raubt. Auch mit vielen Stoßgebeten der Hoffnung schaffst du es kaum, sie zu überwinden.
Macht nichts. Das ist die rechte Stunde, um von Gott mehr Gnade zu erbitten. Nur weiter voran! Erneuere in dir die Freude zu kämpfen, auch wenn du ein Gefecht verloren hast.
Dunkle Wolken sind heraufgezogen: Lustlosigkeit, Enttäuschung … Regenschauer sind niedergegangen: Traurigkeit und das deutliche Gefühl, du seist wie in Fesseln geschlagen … Dazu noch quält dich eine nur teilweise objektiv begründete Niedergeschlagenheit: So viele Jahre schon, meinst du, mühst du dich ab – und immer noch ein »Nachzügler«, immer noch so fern vom Ziel …
All das ist notwendig. Gott rechnet damit. Wollen wir das »gaudium cum pace« – den wahren Frieden und die wahre Freude – erlangen, dann müssen wir das Bewusstsein unserer Gotteskindschaft, das uns mit Zuversicht erfüllt, durch die Annahme der eigenen Unzulänglichkeit vertiefen.
Du bist verjüngt! Tatsächlich wirst du gewahr, dass der Umgang mit Gott dir schon binnen kurzer Zeit die glückliche Ungezwungenheit deiner Jugend zurückgebracht hat und dass dir sogar die wunderbare Geborgenheit deiner geistlichen Kindschaft wiedergeschenkt wird – und doch weitab von jeglicher Kinderei. Du blickst dich um und stellst fest, dass es auch den anderen so ergeht. Seit ihrer Begegnung mit dem Herrn sind Jahre vergangen, und jetzt, in Alter und Reife, sind ihre Jugendlichkeit, ihre Herzensfreude unverwüstlich stark geworden. Sie wirken nicht nur jung: sie ›sind‹ jung und froh!
Diese Wirklichkeit des inneren Lebens ist es, die die Menschen anzieht, ihnen Mut macht und sie schließlich überwältigt. Richte jeden Tag dein Dankgebet »ad Deum qui laetificat iuventutem«, an Gott, der deine Jugend erfreut.
Die Gnade Gottes fehlt dir nicht. Wenn du ihr entsprichst, dann kannst du dich vollkommen sicher fühlen.
Von dir hängt der Sieg ab: Wirken dein Mut und dein Elan mit der Gnade zusammen, dann sind Optimismus und Siegesgewissheit vollauf begründet.
Gestern gehörtest du vielleicht noch zu denen, die verbittert ihre Hoffnungen begraben hatten, die in ihren menschlichen Erwartungen enttäuscht waren. Heute, nachdem Er in dein Leben getreten ist – Dank Dir, mein Gott! –, lachst du und singst und strahlst überall, wo du hinkommst, Freude, Liebe und Glück aus.
Viele Menschen fühlen sich unglücklich, weil sie alles im Überfluss haben. Christen, die wirklich als »Kinder Gottes« leben, mögen Unannehmlichkeiten erfahren, Hitze, Kälte, Erschöpfung … Da aber alles dies von Gott gewollt oder zugelassen ist, wird ihnen die Freude niemals verlorengehen. Denn Er ist die Quelle des wahren Glücks.
Mitten im Strom von Menschen ohne Glauben und ohne Hoffnung, irrlichternden Geistern, von Ängsten geplagt, auf der Suche nach Lebenssinn, hast du ein Ziel gefunden: Ihn!
Und diese Entdeckung wird deinem Dasein beständig neue Freude verleihen und dich verwandeln. Sie wird dir jeden Tag ein Meer wunderbarer, dir bis dahin verborgener Dinge vor Augen führen, die alle zeigen, wie herrlich weit und breit der Weg ist, der dich zu Gott hinführt.
Dein Glück auf Erden ist eins mit deiner Treue zum Glauben, zur Reinheit und zum Weg, den Gott dir bestimmt hat.
Danke Gott dafür, dass du froh bist – danke Ihm mit jener tiefen Freude, die sich nie lautstark kundtut.
Mit Gott – so überlegte ich – erscheint mir jeder neue Tag reizvoller, und zwar »Schritt für Schritt« und »Stück für Stück«: heute fällt mir dieses wunderbare Detail auf, morgen entdecke ich einen Ausblick, den ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte … Wenn das so weitergeht – wer weiß, was mir im Laufe der Zeit noch begegnen wird …
Dann vernahm ich in mir die Zusicherung Gottes: Deine Freude wird Tag für Tag wachsen, denn du wirst dich auf das erhabene Abenteuer, auf das dicke »Knäuel von Überraschungen«, in die ich dich hineingeführt habe, immer tiefer einlassen. Und du wirst erfahren, dass ich dich nicht verlasse.
Die Freude folgt aus der Hingabe, und mit jeder neuen Runde des Eselchens am Schöpfrad wird sie neu bekräftigt.
Welch unwandelbare Freude in dir, weil du dich Gott hingegeben hast! … Und wie sehr muss es dich drängen, muss es deinen Eifer anspornen, alle an deiner Freude teilhaben zu lassen!
Nimm das, was dir jetzt Sorge macht, in dieses leise Lächeln hinein, das du aus Liebe zu Gott verschenkst.
Optimismus? Immer! Auch dann, wenn dir die Dinge scheinbar danebengehen. Vielleicht ist das dann gerade der rechte Augenblick, um ein »Gloria« anzustimmen; denn deine Zuflucht ist ja Er, und von Ihm kann nur Gutes kommen.
Hoffen bedeutet nicht, einen ersten Lichtschimmer zu erspähen, sondern vielmehr mit geschlossenen Augen darauf zu vertrauen, dass der Herr das Licht in Fülle besitzt und in dieser Fülle lebt. Er ist das Licht.
Pflicht eines jeden Christen ist es, den Frieden und das Glück überallhin auf Erden zu tragen: ein Kreuzzug der Seelenstärke und der Freude, der auch stumpfe und verderbte Herzen wachzurütteln und wieder Gott zuzuwenden vermag.
Wenn du jeden Anflug von Neid im Keim erstickst und wenn du den anderen von ganzem Herzen ihre Erfolge gönnst, wirst du die Freude nie verlieren.
Ein Freund sprach mich an: »Man hat mir gesagt, dass du verliebt bist.« – Ich blieb stehen, sehr überrascht, und mir fiel nur ein zu fragen, woher er das hätte.
Er gestand: aus den Augen gelesen – die strahlten vor Freude.
Wie muss der Blick Jesu gewesen sein, aus dem die Freude leuchtete … Und genauso werden die Augen seiner Mutter geleuchtet haben, als sie ihren Jubel nicht mehr zurückhalten konnte: »Magnificat anima mea Dominum!« – Meine Seele preist die Größe des Herrn … Ja, ihre Seele jauchzt Ihm zu, den sie im Schoß trägt und an ihrer Seite weiß.
Mutter! Unsere Freude soll wie die deine darin gründen, dass wir bei Ihm sind und Ihn zu eigen haben.
Text gedruckt bei https://escriva.org/de/surco/freude/ (06.05.2026)